Tour de France

Tour de France: Zweifel am Start werden immer größer

Erinnerungen: Hier erklimmt der Franzose Julian Alaphilippe eine Anhöhe bei der Tour 2018.

Erinnerungen: Hier erklimmt der Franzose Julian Alaphilippe eine Anhöhe bei der Tour 2018.

Foto: AFP

Essen.  Bislang halten die Organisatoren an ihrem Plan zur Austragung der Tour de France in diesem Sommer fest. Ex-Radprofi Marcel Kittel ist skeptisch.

Erst wurden die Fußball-EM und dann die Olympischen Spiele in Tokio von 2020 ins Jahr 2021 verschoben. Neben dem Tennis-Turnier in Wimbledon verbleibt nur noch die Tour de France im internationalen Sport-Wettkampfkalender für diesen Sommer. Bisher halten die Organisatoren des größten Etappenrennens der Radsport-Welt krampfhaft am Plan fest, dass die Tour am 27. Juni in Nizza beginnen und am 19. Juli auf den Champs-Elysées in Paris enden wird. Aber die Zweifel an der Austragung zu diesem Termin werden immer größer.

Während der französische Präsident Emmanuel Macron davon spricht, dass Frankreich im Krieg gegen das Coronavirus sei, ist das letzte Statement von Tour-Chef Christian Prudhomme schon zwei Wochen alt. Darin heißt es, dass die Tour bisher nur in den beiden Weltkriegen nicht durch Frankreich gerollt sei. Die belgische Fernsehanstalt RTBF berichtete am Sonntag, nach ihren Informationen würden die Tour-Organisatoren spätestens am 15. Mai eine Entscheidung treffen. Es bleibt abzuwarten, ob es dabei wirklich bleiben kann.

Kittel: „Nicht mit allen Mittel durchziehen“

Das Internationale Olympische Komitee hatte am vergangenen Wochenende auch angekündigt, sich vier Wochen Zeit für eine Entscheidung über eine Verschiebung der Olympischen Spiele einzuräumen, ehe schon am Dienstag Vollzug für die Verlegung gemeldet wurde.

Auch Marcel Kittel, der 2019 zurückgetreten ist und mit 14 Etappensiegen der erfolgreichste deutsche Tour-Teilnehmer ist, macht sich seine Gedanken über die Folgen der Corona-Krise für die Frankreich-Rundfahrt. „Als Radsportfan wünsche ich mir, dass die Tour im Sommer stattfindet, aber ich sehe auch die Realität“, sagt der 31-jährige Kittel dieser Zeitung. „Wenn sich die Corona-Krise nicht schnell bewältigen lässt, dann wäre es gut, wenn die Tour im Sommer eine Pause macht und später ausgetragen wird. Man kann die Tour nicht mit allen Mitteln durchziehen.“

Geister-Tour ist unrealistisch

Frankreichs Sportministerin Roxana Maracineanu, eine frühere Schwimm-Weltmeisterin, brachte dieser Tage die Idee einer Geister-Tour ohne Zuschauer ein. „Das wäre völlig unvernünftig. Das hieße ja, wir denken über eine Tour nach, die in einer Zeit durch Frankreich rollen würde, in der sich das Coronavirus noch ausbreiten würde. Sonst müssten die Zuschauer ja nicht geschützt werden“, sagt Kittel. „Das ist die Sache nicht wert, dann sollte man davon ablassen und nicht auf Krampf die Tour organisieren.“

Die Tour ließe sich auch schwerlich als Geister-Tour ausrichten. Jahr für Jahr stehen zwischen zehn und zwölf Millionen Zuschauer an der Strecke. Wie sollte die Strecke über mehrere Tausend Kilometer kontrolliert werden? Und im Vergleich zu einem Geisterspiel in der Bundesliga sind viel mehr Menschen im Einsatz. „Bei einer Tour sind mehr als tausend Personen in den Rennställen und der Organisation beschäftigt und bewegen sich von Etappenort zu Etappenort. Das geht einfach nicht“, sagt Kittel.

Tour de Europa?

Eine weitere Alternative zur traditionellen Tour de France brachte der italienische Radsport-Star Matteo Trentin ins Spiel. Der Europameister von 2018 machte sich für eine Zusammenfassung der drei großen Etappenrennen Giro d’Italia, Tour de France und Vuelta zu einer Europa-Tour im Herbst stark. Start in Rom, Ziel in Madrid. Jeweils sieben Etappen in Italien, Spanien und Frankreich. „Eine solche Tour jetzt zu organisieren, halte ich für unwahrscheinlich, weil die Rennställe und Sponsoren schon im Dauerstress sind, um mit den Folgen der Corona-Krise klarzukommen“, sagt Kittel zu Trentins Vorschlag. „Eine Europa-Tour ist Wunschdenken. Aber ein interessantes Konzept für die Zukunft.“

Marcel Kittel lebt wie einige seiner früheren Kollegen in Kreuzlingen/Schweiz. Vor zwei Tagen ist er noch mit Maximilian Schachmann zusammen gefahren, der vor zwei Wochen bei Paris-Nizza triumphierte. Schachmann sei wie Tony Martin optimistisch. „Aber es ist eine schwierige Phase und eine harte Probe für den Kopf“, sagt Kittel.

Chancengleichheit nicht gegeben

Die Chancengleichheit ist im Moment auch nicht gegeben. Dopingproben können nicht im normalen Ausmaß genommen werden, weil die dafür nötigen Ärzte in der Corona-Krise an anderer Stelle dringender benötigt werden. Und während der Brite Chris Froome in Südafrika praktisch ohne Beschränkungen trainieren kann, sind die spanischen Profis auf Kilometer auf der heimischen Rolle beschränkt. Nach einem möglichen Sturz auf der Straße würden sie Krankenhausbetten blockieren. „In dieser Zeit muss der Sport zurückstecken“, sagt Marcel Kittel. „Jetzt geht es darum, durch diese schwere Zeit zu kommen.“

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