Leichtathletik

Bochum statt Florida: Virus bremst Sprinterinnen aus

Ihre Pläne wurden durchkreuzt: Gina Lückenkemper.

Ihre Pläne wurden durchkreuzt: Gina Lückenkemper.

Foto: dpa

Berlin/Wattenscheid.  Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz verpasst das Trainingslager. Auch die Soesterin Gina Lückenkemper muss auf einen Neuanfang in den USA warten.

Wer derzeit auf der Suche nach Fotomotiven für Stillleben ist, der ist auf den deutschen Sportanlagen ganz richtig. Ob in der Trainingshalle des Olympiastützpunkts Westfalen in Wattenscheid, dem angrenzten Lohrheidestadion – der Heimat des TV Wattenscheid – oder etwa dem Sportforum Hohenschönhausen in Berlin, überall ist das gleiche los: nichts. Treffen hier sonst die unterschiedlichsten Trainingsgruppen aufeinander, so herrscht in diesen Tagen eine ungewohnte Stille. „Es ist eine gespenstische Ruhe, aber es sind ja auch gespenstische Zeiten“, sagt Sprinterin Lisa-Marie Kwayie von den Neuköllner Sportfreunden. Die Berliner Kaderathletin räumt ein, dass auch ihr zunehmend die Motivation fehlt. „Ohne Trainingspartner, die das Letzte aus einem herauskitzeln, fällt es schwer, über sich hinauszuwachsen.“

Auf der anderen Seite ist die 23-Jährige froh, dass sie überhaupt noch trainieren kann. In Berlin sind seit Samstag sämtliche Sportanlagen und Fitnessstudios geschlossen. Ausnahmen gibt es nur noch für Athleten der beiden höchsten Kadergruppen. Auch in NRW sind die Sportanlagen seit Dienstag geschlossen – die Athleten wie zum Beispiel die Wattenscheider Hürdensprinterin und WM-Dritte von 2017, Pamela Dutkiewicz, hoffen ebenfalls noch auf Ausnahmegenehmigungen.

Wettkämpfe waren schon organisiert

Dabei war der Plan von Dutkiewicz, aber auch von Lisa Kwayie und Gina Lückenkemper (SSC Berlin) ein ganz anderer. Die drei sollten ins Trainingslager nach Clermont (USA) aufbrechen. Fünfeinhalb Wochen wollten sie unter der Sonne Floridas an ihrer Form arbeiten, zwei Wettkämpfe gegen hochklassige Konkurrenz waren vorgesehen. Alles war schon organisiert. Doch als sich das Coronavirus ausbreitete, schloss die USA die Grenze für Reisende aus Europa. „Wir brauchen nicht darüber zu sprechen, dass das für die Vorbereitung nicht optimal ist“, sagte die 28-jährige Dutkiewicz dem Portal leichtathletik.de. „Aber ich war ganz froh, dass wir nicht irgendwo hingeflogen sind und im schlimmsten Fall nicht zurückkommen.“

Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat längst alle noch nicht begonnenen nationalen und internationalen Lehrgangsmaßnahmen ausgesetzt. Die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Tokio müssen anders durchgeführt werden. Die Bedingungen machen kreativ: Pamela Dutkiewicz veröffentlichte am Dienstagabend bei Instagram ein Video, in dem zu sehen ist, wie sie über Mini-Hürden trippelt – im Flur ihrer Wohnung in Bochum.

Lückenkemper wechselte zum US-Trainer

Auch Gina Lückenkemper, Deutschlands aktuell beste Sprinterin, meint: „Das ist eine neue Herausforderung, der wir uns stellen und einfach das Beste daraus machen müssen.“ Bei der 23-Jährigen kommt hinzu, dass sie mittlerweile von US-Trainer Lance Brauman betreut wird, den sie eigentlich in Florida treffen wollte. Für drei Monate war Lückenkemper, die nach der WM im Herbst in Katars Hauptstadt Doha einvernehmlich die Zusammenarbeit mit ihrem langjährigen Trainer Uli Kunst beendet hatte, rund um den Jahreswechsel in den USA. In der Trainingsgruppe von Lance Brauman in Florida ist sie mit Top-Athleten aus der ganzen Welt zusammen. Der Schritt war für die Soesterin wichtig.

Nachdem sie 2018 eine überragende Saison erlebte, in der sie mehrmals unter der magischen 11-Sekunden-Marke geblieben war (bei 10,95 Sekunden liegt ihre Bestzeit) und Vize-Europameisterin über 100 Meter wurde, schien das Jahr 2019 an ihr vorbeizulaufen. Bei der WM verpasste sie das Finale klar. Als das Angebot aus den USA kam, zögerte sie nicht lange. „Mir war klar, dass ich diese Möglichkeit nur einmal im Leben bekomme.“ Obwohl das Eingewöhnen allein in einem fremden Land, weit weg von den Lieben – Familie, Freunde oder Pferd Picasso – nicht einfach werden würde, wagte sie den Schritt. Erste Ergebnisse ließen sich zwar noch nicht messen, aber sie wirkt fitter, austrainierter. Vielversprechend, zumal in einem – Stand jetzt – Olympia-Jahr.

Trainingspläne kommen nun per Mail

Doch der nächste Besuch in den USA fällt nun aus. Die Trainingspläne schickt Brauman ihr derzeit per E-Mail. Sie umzusetzen, wird angesichts der wachsenden Restriktionen das größere Problem. „Ich bin momentan in einigen Gesprächen, was die Nutzung diverser Anlagen allein betrifft und hoffe schnellstmöglich eine Lösung zu finden“, sagt sie.

Immerhin hat Lückenkemper die Olympianorm über 100 Meter schon ebenso erfüllt wie Lisa-Marie Kwayie die über 200 Meter, Dutkiewicz muss um ihre Qualifikation noch kämpfen. Davon muss sie derzeit noch ausgehen – auch wenn es zunehmend fraglich erscheint, ob die Olympischen Spiele überhaupt stattfinden können und sich der ganze Trainingsaufwand am Ende überhaupt lohnt.

Kwayie beschleicht mulmiges Gefühl

„Mit einer Komplettabsage will ich mich aktuell noch nicht zu stark auseinandersetzten“, meint zwar Gina Lückenkemper. Lisa-Marie Kwayie beschleicht aber zumindest ein mulmiges Gefühl: „Es fällt schwer, den Fokus zu bewahren. So als ob am Ende der Geraden keine Ziellinie zu sehen ist, sondern bloß Nebel, und man gar nicht weiß, ob das Ziel überhaupt noch da ist.“

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