Welch ein Ereignis

Rio 2016: Wenn ein Schütze plötzlich ins Rampenlicht tritt

Der goldene Kuss: Christian Reitz und Freundin Sandra Hornung nach dem Olympiasieg.  

Der goldene Kuss: Christian Reitz und Freundin Sandra Hornung nach dem Olympiasieg.  

Foto: Reuters

Rio de Janeiro.   Christian Reitz begeistert beim Olympiasieg in Rio fünf Millionen TV-Zuschauer. Vor Ort zittern nur zwei deutsche Zuschauer und Journalisten mit.

Tiefpunkt des großartigen, goldenen Arbeitstages vor drei Jahren ist der Tadel einer mir zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten schönen Frau. Die grummelig vorgetragene Frage der Schützin Julia Hochmuth unter Sternen nahe dem Strand von Rio de Janeiro bringt ihren Unmut über meinen Kommentar bei der Fernsehübertragung Stunden vorher zum Ausdruck. Im Garten des „Deutschen Hauses“, wo während der Olympischen Spiele Sportler mit Sponsoren, Freunden und auch Journalisten ihre Erfolge feiern, fragt sie: „Wer hat eigentlich im ZDF das Schießen kommentiert?“ Der Unterton lässt nur einen Schluss zu: Irgendetwas muss ich dabei falsch gemacht haben.

Olympiasieger mit Polizistengehalt

Christian Reitz wurde an diesem herrlichen Nachmittag mit Temperaturen um die 25 Grad Olympiasieger und es ist ein wunderbares Gefühl mitzuerleben, wie jemand solch einen riesigen Triumph erfährt, der seinen Sport fast ohne finanziellen Anreiz betreibt. Reitz verdient mit dem Schießen ein Polizistengehalt, ohne jeden Tag am Schreibtisch sitzen zu müssen, und ein wenig von der Sporthilfe; er lebt ohne jeden Luxus in einer unscheinbaren Mietwohnung in Regensburg.

So ein Ereignis live zu kommentieren, ist die schönste Facette meiner Arbeit fürs ZDF und so habe ich diesen brasilianischen Wintertag froh gelaunt in Angriff genommen.

Viertgrößter Verband in Deutschland

Anspannend und anstrengend ist – auch nach nunmehr 30 Berufsjahren – die Klärung der Frage, ob es überhaupt zu einer Übertragung aus dem Estadio de Tiro, dem Schießstadion, kommen wird. Ganz klar: ohne deutschen Finalteilnehmer keine Übertragung.

Kanuslalom verdrängt Schießen

Bei Olympia konkurrieren viele Sportarten miteinander um die Sendezeit – und Schießen, in Deutschland nach der Zahl der Vereinsmitglieder die Nummer vier hinter Fußball, Turnen und Tennis, ist optisch unattraktiver als alle anderen. Ins Programm zu kommen ist daher immer sehr schwer. Ein paar Tage vorher haben wir auf dem Sender den Moment verpasst, als sich bei den Frauen mit der Sportpistole Monika Karsch ihre Medaille sicherte. Kanuslalom wurde vorgezogen, weil dort angeblich deutsches Gold praktisch sicher war. Praktisch sicher, das bedeutete in diesem Fall Platz sieben. Allerdings hätte es auch gar kein vernünftiges Bildangebot von der Szene am Schießstand gegeben. Der vom IOC eingesetzte Regisseur zeigte statt der Finalaspirantinnen abgeschlagene Teilnehmerinnen, weil er das Reglement mit anderen Schießdisziplinen verwechselte.

Reden ohne Medienberater

Die journalistische Fachkompetenz ist in dieser Randsportart ohnehin selten besonders hoch, auch ich bin da nach zehn Jahren allenfalls Einäugiger unter Blinden, Sehvermögen vielleicht zwanzig Prozent. Über die Olympiastarter in diesem Sport kann man auch nicht gerade episch viel lesen oder googlen, es gibt wenig mehr als die Daten ihrer bisherigen Erfolge. Deshalb ist der Weg der Vorbereitung ein sehr klassischer und angenehmer: Reporter besorgen sich eine Telefonnummer und reden mit den Athleten, ohne dass ein halbes Dutzend Medienberater dazwischengeschaltet sind.

Schießen ist schon seit 1900 olympisch

An diesem Augusttag in Rio 2016 fällt die Entscheidung mit der Schnellfeuerpistole und zwei Deutsche sind unter den Favoriten: Christian Reitz und Oliver Geis – mit beiden hab ich vor den Spielen sprechen können. Am Schießstand sind trotz der Medaillenchance nur zwei deutsche Medienvertreter, neben mir noch Guido Ringel für den ARD-Hörfunk. Auch Zuschauer sind beim Schießen rar: Außer anderen Athleten, Offiziellen und Menschen, die dort arbeiten, sind es selten 200. Diesmal ist die Tribüne für 1500 Besucher allerdings fast voll, weil zwei Chinesen im Finale stehen. Dort sitzen aus Deutschland Sandra Hornung (inzwischen: Reitz) und Julia Hochmuth, die ihre Freunde begleiten – als Olympiatouristen. 2020 im japanischen Tokio hoffen beide, selbst als Athletinnen dabei zu sein.

Die Entscheidung darüber, ob das Finale am Mittag ins Fernsehen gelangen wird, bringt der Vorkampf, von dem es im Schießen nie ein Bildangebot gibt (zu viele Schießstände) und der nur über Ergebnistafeln vor Ort und im Internet nachzuvollziehen ist. Welch eine Freude an diesem Tag: Reitz, der Bronzemedaillengewinner in Peking 2008, qualifiziert sich (wogegen Geis knapp scheitert) – das komplette Finale wird übertragen werden. Jetzt ist noch gut eine Stunde Zeit, Fakten über die sechs Finalisten zusammenzutragen.

Viel Zeit für den Reporter

Mit der Schnellfeuerpistole, seit 1900 im olympischen Programm, kenne ich mich besser aus als mit jeder anderen Disziplin, was aber auch dringend nötig ist. Denn im Finale geben die Schützen in jedem der maximal sechs Durchgänge einzeln ihre fünf Schüsse in vier Sekunden ab (in anderen Disziplinen schießen alle Finalisten gleichzeitig), mit Vorbereitung und Zeitlupen bleibt viel Zeit etwas zu erzählen. Zum Glück sind alle sechs keine Unbekannten, zwei absolvieren sogar zusammen mit Reitz und Geis öfter Trainingslager: der Franzose Quiquampiox und der Italiener Mazzetti. Das ist etwa so, als würden sich Manuel Neuer, Cristiano Ronaldo und Kylian Mbappé gemeinsam auf die WM vorbereiten.

Kurz vor 17.30 Uhr deutscher Zeit geht’s dann also los, fünf Millionen Zuschauer, Marktanteil 38,5 Prozent, die beste Quote im deutschen Fernsehen an diesem Tag. Christian Reitz, der vor dem Finale noch mit seiner damaligen Freundin (heute: Frau) im Zuschauerbereich geplaudert hat, präsentiert sich in großartiger Verfassung, startet mit fünf Treffern, der optimalen Ausbeute. Wenig später ist Riccardo Mazzetti dran, über den mir Oliver Geis Wochen vorher am Telefon einiges erzählt hat.

Schütze verwechselt

Mit dem Wissen will ich gleich prahlen und sage: „Er spricht übrigens deutsch, hat eine Freundin aus Südtirol.“ Das ist leider nur zur Hälfte richtig. Dieses Detail hatte ich nicht in meine Unterlagen übernommen, in der Aufregung ist die Erinnerung an das Gespräch unpräzise und führt zur Verwechslung von Mazzetti mit dem Star der Schießszene, seinem Landsmann Niccolò Campriani. Der ist mit einer Südtirolerin liiert, Mazzetti mit einer Deutschen, Julia Hochmuth aus Ludwigsburg, wie ich Stunden später erfahren werde.

Reitz liegt zunächst in Führung, dann auf Platz zwei, Mazzetti scheidet als erster aus und wird Sechster. Später geht der Deutsche wieder in Front, es gibt drei Stechen ohne ihn um hintere Plätze, nach 39 Minuten ist Christian Reitz Olympiasieger. Teamkollegen und Freunde auf der Tribüne fallen sich um den Hals, Bundestrainer Detlev Glenz reckt die Faust empor und der Goldmedaillengewinner selbst reibt sich mit dem linken Daumen den Nasenflügel. Für den stillen Polizeibeamten ist das fast schon ein gewaltiger emotionaler Ausbruch.

Feier im Deutschen Haus

Nach der Siegerehrung kommt wegen eines Besuchs im 30 Kilometer entfernten Fernsehstudio ein vom ZDF organisierter Wagen an die recht triste olympische Wettkampfstätte, so dass der Olympiasieger wenigstens nicht mit Bussen mühsam zurück ins Olympische Dorf fahren muss. Der DOSB hat da nichts vorbereitet.

Im Fernsehzentrum fertige ich noch drei Berichte über Reitz‘ Sieg für Nachrichtensendungen und lasse den Tag im Deutschen Haus ausklingen, verabredet mit Sportlern und Kollegen.

Ein Hundert-Whatsapp-Nachrichten-Missverständnis

Bald spricht mich im Garten die bis dahin unbekannte, genervte junge Frau an – und was Julia Hochmuth ärgert, ist schnell erklärt: „Sie haben gesagt, dass Riccardo Mazzetti eine Freundin aus Südtirol hat. Dabei bin ich das. Ich hab schon hundert Whatsapp-Nachrichten bekommen, ob wir nicht mehr zusammen sind!“

Der Fehler lässt sich zum Glück korrigieren. Wir werden schnell Facebookfreunde und ich kann sofort eine Richtigstellung posten.

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