Amateursport

Pilotversuch im Video: Stoppen Bodycams Gewalt im Fußball?

Ein Spieler von Adler Osterfeld fordert einen Handelfmeter. Schiedsrichter Cedric Gottschalk entscheidet jedoch ohne zu zögern auf Eckstoß.

Ein Spieler von Adler Osterfeld fordert einen Handelfmeter. Schiedsrichter Cedric Gottschalk entscheidet jedoch ohne zu zögern auf Eckstoß.

Foto: Dennis Freikamp

Oberhausen.  Wir haben den Schiedsrichter eines Amateurfußball-Spiels in Oberhausen mit einer Körperkamera ausgestattet. Die Reaktionen der Spieler im Video.

Die Gewalt im Amateurfußball reißt nicht ab: Erst im Oktober wurde ein Schiedsrichter in Hessen von einem Kreisliga-Spieler bewusstlos geschlagen. Wenige Wochen zuvor hatte ein Fußballer aus Duisburg während einer Schlägerei auf dem Fußballplatz einen doppelten Kieferbruch erlitten. Rund 42 Spielabbrüche zählt der DFB in seinem aktuellen Lagebericht – pro Wochenende. Doch wie lässt sich das Aggressionspotenzial der Amateurspieler reduzieren?

In einem gemeinsamen Pilotversuch mit dem Fußballverband Niederrhein hat unsere Redaktion Schiedsrichter Cedric Gottschalk mit einer Bodycam ausgestattet. Der 22-Jährige hat in seinen sieben Jahren als Unparteiischer bereits in der Oberliga und A-Jugend-Bundesliga gepfiffen. Das Testspiel zwischen Kreisligist VfR Oberhausen und Bezirksligist Adler Osterfeld war aber auch für Gottschalk ein besonderer Abend: Er sollte prüfen, welchen Einfluss die Kamera an seiner Brust auf das Verhalten der Spieler hat – mit überraschenden Ergebnissen.

Bodycam im Test- Ein Amateurspiel aus Sicht des Schiris

Schiedsrichter mit Bodycam: „Spieler merken, wenn der Schiri unsicher ist“

„Natürlich spricht man viel mit anderen Schiedsrichtern“, sagt Gottschalk mit Blick auf die jüngsten Gewaltvorfälle auf deutschen Fußballplätzen. Auch er selbst habe mal ein Spiel nach nur einer Halbzeit abbrechen müssen. „Angst hatte ich aber noch nie.“ Der 22-Jährige wisse jedoch aus eigener Erfahrung, wie schwer einigen Unparteiischen vor allem der Einstieg ins Schiedsrichterwesen falle: „Die Spieler merken, wenn der Schiri unsicher ist. Dann gibt es auch mal Gegenwind“, so Gottschalk. Unerfahrene Schiedsrichter würden deshalb von einem Paten begleitet: „Bei uns wird keiner alleine gelassen.“

Noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff. Gottschalk schaut auf die Armbanduhr an seinem linken Handgelenk und schiebt seinen Stuhl zurück: „Ich ziehe mich schnell um. Danach können wir die Bodycam anbringen.“ 20 Minuten später steht der Schiedsrichter in voller Montur in der Kabine des VfR: „Männer, ihr wisst ja“, sagt Gottschalk. „Spielt einfach so fair wie sonst auch.“ „Selbstverständlich“, raunt es zurück. Kurz darauf begleitet der Unparteiische die beiden Teams auf den Kunstrasen.

Auf den Pfiff folgt ein Wortgefecht mit einem Spieler

Die erste Halbzeit beginnt mit einem Foul an der Strafraumgrenze (15.). Obwohl Gottschalk die Partie sofort unterbricht und auf Freistoß für die Gäste entscheidet, reagiert der gefoulte Adler-Spieler unzufrieden: „Das ist ein klares Foul, er kann den Ball doch gar nicht spielen“, reklamiert der Amateurfußballer. „Lass uns doch mal reden und nimm die Arme weg“, erwidert Gottschalk leicht gereizt. „Du hast jedes Mal die Arme draußen.“

Auch bei einer Szene innerhalb des Strafraums fordert ein Fußballer von Osterfeld lautstark einen Elfmeter: „Bitte Schiedsrichter, er geht so mit der Hand raus“, sagt der Spieler mit ausgestrecktem Arm. „Er ist ein Meter davor“, antwortet Gottschalk. „Er kann nicht reagieren. Das ist nicht strafbar.“ Der 22-Jährige zeigt Richtung Eckfahne. Kurz darauf läuft ein zweiter Fußballer auf Gottschalk zu: „Schiri, das geht doch gar nicht. Die Handfläche ist doch nicht am Arm, oder?“ Nach einem kurzen Gespräch setzt der Unparteiische das Spiel fort. Wenige Minuten später geht es mit 1:1 und nur einer Gelben Karte in die Pause.

Gewalt im Amateurfußball – Wie groß das Problem wirklich istIn seiner Kabine angekommen, setzt sich der 22-Jährige auf die Bank: „Ohne Linienrichter zu pfeifen, ist natürlich eine Umstellung“, sagt Gottschalk, der in der Ober- und Landesliga von zwei Assistenten unterstützt wird. „Bei einer Abseitssituation war ich mir auch nicht ganz sicher.“ Während der Akku an seiner Bodycam ausgetauscht wird, geht er nochmal einige Spielszenen durch: „Ich habe schon das Gefühl, dass ich heute irgendwie anders pfeife“, räumt der Unparteiische ein. „Ich rede glaube ich weniger als sonst.“

Fußballer drücken trotz Bodycam weiterhin Sprüche

Im zweiten Durchgang stellt Adler Osterfeld die Weichen früh auf Sieg. Nach einem klaren Foulelfmeter (64.) und einer Unaufmerksamkeit in der VfR-Abwehr (69.) zieht der Bezirksligist mit 3:1 davon. Dennoch bleibt das Spiel bis kurz vor Schluss umkämpft, ehe Osterfeld die Partie mit seinem vierten und fünften Treffer (81./84.) endgültig für sich entscheidet. Auch die gelegentlichen Diskussionen mit dem Schiedsrichter nehmen nicht ab. Sechs Minuten später ertönt der Schlusspfiff.

„Ich fand die Spieler heute durch die Kamera nicht distanzierter“, bilanziert der 22-Jährige in seiner Kabine. „Ich war sogar überrascht, wie viele Situationen teilweise aus 20 bis 30 Metern kommentiert wurden.“ Die Bodycam habe die Fußballer nicht davon abgehalten, ihre üblichen Sprüche zu drücken. „Trotzdem war es aber ein faires Match mit normalem Spielcharakter, bei dem beide Mannschaften die Zweikämpfe angenommen haben.“

Gottschalk über Bodycam: „Bräuchte noch eins, zwei Spiele“

Nach einer kurzen Verschnaufpause kommt Gottschalk auf seine eigene Leistung zu sprechen: „Ich hab‘ mich insgesamt unsicherer gefühlt als sonst“, so der Schiedsrichter. Die Bodycam an seiner Brust habe ihn vor allem in der ersten Halbzeit in seiner Wortwahl eingeschränkt. „Der zweite Durchgang war schon viel besser, aber ich bräuchte noch eins, zwei Spiele, um mich an die Kamera zu gewöhnen.“ Dann sei die Bodycam allerdings eine „gute Sache“ – insbesondere für Trainingsübungen. „Und falls doch mal was passiert, hat man alles auf Video.“

Gewalt im Fußball- Briten entwickeln Bodycam-App für SchirisAuch VfR-Trainer Pierre Szterlicht, der mit einem Teil seines Teams vor dem Klubhaus steht, hat keinen Unterschied zu einem gewöhnlichen Testspiel gesehen: „Am Anfang war das bei den Spielern sicher noch in den Köpfen, aber wenn du als Fußballer auf dem Platz stehst, hast du die Kamera schnell vergessen.“ Die Zahl der Spielabbrüche würde eine Bodycam aber deutlich reduzieren, glaubt Szterlicht: „Definitiv! Da gehe ich ganz stark von aus.“

Sein Kapitän Christian Geber ist ähnlicher Meinung: „Wenn man sich anguckt, was in letzter Zeit alles passiert ist, würde ich auf jeden Fall für den Einsatz von Bodycams stimmen“, sagt der 34-Jährige. Schließlich sei der Amateurfußball auf Schiedsrichter wie Cedric Gottschalk angewiesen.

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