Fußball

Vom FSV Witten in die große, weite Welt des Profi-Fußballs

Martin Rafelt (2v.re.) war früher Jugendtrainer beim FSV Witten, heute coacht er bei Hajduk Split in Kroatien.​

Martin Rafelt (2v.re.) war früher Jugendtrainer beim FSV Witten, heute coacht er bei Hajduk Split in Kroatien.​

Foto: Hajduk Split

Witten/Split.  Martin Rafelt (29) war Jugendtrainer beim FSV Witten - nun ist er bei Hajduk Split und arbeitete schon mit Thomas Tuchel zusammen.

Martin Rafelt (29) ist Trainer bei Hajduk Split in Kroatien. Vorher war er für den FSV Witten aktiv.

Im Interview verrät er, was er mit der Stadt im Ruhrgebiet verbindet und wie es dazu kam, dass er mit Thomas Tuchel zusammenarbeitet und über Jürgen Klopp ein Buch schrieb.

Martin Rafelt, was verbindet Sie mit Witten?

Rafelt: Während meiner Studienzeit habe ich in Dortmund gewohnt. Ich wollte mit Tobias Wagner eine Mannschaft übernehmen und wir sind so auf den FSV gestoßen. Ich habe dann erst die B2 trainiert, später gemeinsam mit Johannes Gabriel, dem Sportlichen Leiter des Klubs, die C1 und mit Shikho Kaniwar die A-Jugend.

Ein riesiger Dennis Bergkamp-Fan

Eigentlich kommen Sie aus Dresden.

Ja, ich bin zum Studium der Statistik und der Wirtschaftswissenschaften nach Dortmund gezogen.

Wie kamen Sie zum Fußball?

Ich habe schon immer Fußball gespielt. Angeblich wurde mir schon mit drei Jahren versprochen, dass ich mit sechs in einem Verein angemeldet werde. So war es dann auch.

Gab es einen Spieler, den Sie damals bewundert haben?

Ich bin ein riesiger Dennis Bergkamp-Fan. Mit acht Jahren habe ich sein Tor gegen Argentinien gesehen. Ich fand die Spielweise der Holländer gut, sie haben oft Pässe einfach durchlaufen lassen. Das war faszinierend.

„Jede Entscheidung auf dem Feld ist ja Taktik“

Das ist ein taktischer Aspekt, den Sie mit acht Jahren schon gesehen haben. War da schon absehbar, wo es mal hingeht? Einige Jahre später arbeiteten Sie für Spielverlagerung.de, den wohl bekanntesten deutschsprachigen Fußballtaktik-Blog. Dieser wurde 2011 gegründet.

Fast alles im Fußball hat mit Taktik zu tun, jede Entscheidung auf dem Feld ist ja Taktik.

Die muss man aber erst einmal erkennen. Wie sind Sie in das Thema eingestiegen?

Ich habe 2008 mein Abitur gemacht und hatte vor meinem Zivildienst viel Zeit, weil ich einen Knorpelschaden im Knie hatte. In dem Jahr hatte Jürgen Klopp den BVB übernommen, was ich als Dortmund-Fan sehr intensiv verfolgt habe. Ich bin dann auf Zonal Marking, eine englische Fußballtaktik-Seite gestoßen und habe Bücher von Christoph Biermann gelesen. So habe ich angefangen, mich immer mehr mit Taktik zu beschäftigen. Ich hatte einen eigenen kleinen Blog, weil ich das Gefühl hatte, dass ich nun so viel davon verstehe und dass es vielleicht für andere interessant sein könnte. Und in einem Spiel hatte ich dann eine Art Erleuchtung.

In welchem?

Mainz hat gegen Dortmund gespielt. Thomas Tuchel als Mainzer Trainer hat sich im Mittelfeld für eine Raute entschieden, weshalb Jürgen Klopp die Formation geändert hat. Ich dachte mir dann in der Pause, wie Mainz nun auf die Veränderung von Klopp reagieren müsse und wie wiederum der BVB dann erneut umstellen müsse. Und beides ist eingetreten. Da dachte ich mir, dass ich anscheinend mittlerweile etwas von Taktik verstehe.

„Auf Zuruf“ Gegner für Mainz 05 analysiert

Später arbeiteten Sie sogar mit Thomas Tuchel zusammen.

Ja, 2012 ist der FSV Mainz 05 auf uns bei Spielverlagerung zugekommen, wir haben uns mit Thomas Tuchel und seinem Team getroffen und haben über Fußball geredet. Danach haben wir auf Zuruf immer mal wieder für ihn Gegner analysiert. Das war die erste Rückmeldung aus dem Profifußball, dass unser Ansatz der richtige ist. Davor haben wir aus der Distanz und im luftleeren Raum gearbeitet.

Was ist Tuchel für ein Typ? Beim BVB gab es dem Hörensagen nach, ein paar atmosphärische Probleme.

Ich habe ihn als sehr positiv wahrgenommen. Er hat uns sehr offen empfangen und war interessiert, uns zu treffen. Ich meine, wir waren damals alle Anfang 20, das war alles andere als selbstverständlich. Später haben wir beide beim niederländischen Verband Vorträge gehalten, da hat er für die damalige A-Jugend des FSV Witten, die im Abstiegskampf steckte, und die C-Jugend, die um den Meistertitel spielte, sogar noch Grußbotschaften aufgenommen.

Das klingt so, als ob Sie noch gerne an die Zeit in Witten zurückdenken.

Auf jeden Fall, ich habe beim FSV viel gelernt und habe viel Unterstützung vom Verein bekommen, konnte rumexperimentieren und mich fußballerisch finden. Gerade von der Zeit, in der ich mit Johannes Gabriel zusammen die C-Jugend trainiert habe, habe ich viel mitgenommen. Johannes ist ein sehr talentierter und kompetenter Coach, der sich nicht vor höherklassigen Trainern verstecken muss.

Formationen als Handwerkszeug

Konnten Sie in der Jugend denn ihr großes taktisches Wissen überhaupt anwenden?

Ich hatte schon das Gefühl. Natürlich muss man auf unterschiedlichem Niveau herangehen und unterschiedlich tief in die Details. Man gibt einem 15-Jährigen eher eine grobe Orientierung. Aber wir haben damals viel taktisch gemacht und haben auch einen taktisch relativ fortschrittlichen Fußball gespielt. Ich habe es nicht als Einschränkung wahrgenommen und hatte, wenn etwas nicht geklappt hat, immer das Gefühl, dass es eher an mir als an den Spielern lag. Auch weil ich meines Erachtens immer sehr talentierte Jungs hatte.

Haben Sie ein bevorzugtes System?

Ich denke, es geht nicht darum, als Trainer das eine System zu haben. Formationen sind für mich Handwerkszeug, damit man Mittel hat, auf Probleme zu reagieren. Was hilft der Mannschaft am meisten? Aber es gibt Formationen, die ich möglichst nicht spielen würde.

Zum Beispiel?

Ich habe früher immer gesagt, dass ich in Ballbesitz nie 4-4-2 spielen werde. Ich habe zwei Mal darauf umgestellt. Und danach habe ich mir gesagt, dass ich das nun erst Recht nie wieder mache.

Von Witten aus der große Schritt nach Kroatien

Nach der Zeit in Witten kam der ganz große Schritt. Sie sind nach Kroatien gegangen, zu Hajduk Split, einem der absoluten Traditionsvereine in dem Land. Der Klub hat sieben Mal die nationale Meisterschaft geholt, ist nie aus der ersten Liga abgestiegen. Wie kam es zu dem Angebot?

Das lief alles über Mario Despotovic ab. Er ist in Neuss aufgewachsen und ich habe ihn über Spielverlagerung kennengelernt. Er ist sehr darauf fokussiert, sich weiterzubilden´und zu verbessern. 2016 war er in Kanada beim FC London aktiv. Sie haben ein internationales Trainingscamp veranstaltet, zu dem ich eingeladen war. Unter anderem waren auch Marcel Lucassen, der heute beim FC Arsenal in der Jugend arbeitet und René Maric, auch Spielverlagerer und heute Co-Trainer bei Borussia Mönchengladbach, vor Ort. Es war eine heftige Woche. Wir waren acht Stunden auf dem Trainingsplatz und haben den Rest des Tages weiter über Fußball gesprochen. Dann ist Mario zu Hajduk gewechselt, hat dort die U19 übernommen und hat mich gefragt, ob ich als Co-Trainer dazustoßen möchte.

Mussten Sie lange überlegen? Sie haben die Freunde und die Familie in Deutschland zurückgelassen.

Klar, es ist ein großer Schritt. Aber es war zu dem Zeitpunkt für mich auch ein großer Schritt vorwärts. Es ist ein traditionsreicher Verein, der von den Fans als Heiligtum gesehen wird. Als Dresdener und Wahl-Dortmunder hat man zu solchen Vereinen vielleicht einen besonderen Bezug. Die Arbeit mit Mario war ein weiterer Punkt. Ich wusste, dass ich da viel lerne. Und das Niveau der Spieler ist auch herausragend.

Trainer und Videoanalyst

Wie sehen ihre Aufgaben in Split nun aus?

Im ersten Jahr habe ich die U19 trainiert, nun die zweite Mannschaft, mir der wir in der zweiten kroatischen Liga oben mitspielen. Außerdem bin ich noch Videoanalyst der Akademie, was bedeutet, dass ich Ansprechpartner für die Trainer bin, wenn sie Ideen oder Fragen haben. Wir arbeiten zur Zeit auch daran, im Bereich der Statistik weiterzukommen. Das Datensystem, das wir für unsere Mannschaft erarbeitet haben, wurde jetzt für die Nachwuchsmannschaften übernommen. So kriegen die Akademiedirektoren von allen Jugendspielern ein paar Zahlen.

Vom Fußballblog ins Profigeschäft. Wenn man sich die ehemaligen Kollegen von Spielverlagerung.de anschaut, ist das gar keine Ausnahme, so überraschend es klingen mag. Tobias Escher schreibt mittlerweile für viele Medien, unter anderem auch für 11Freunde, Rene Maric ist sogar Co-Trainer bei Borussia Mönchengladbach. Die Entwicklung ist rasant.

Ja, wir haben auch noch Eduard Schmidt, der als Co-Trainer beim FC St. Gallen arbeitet und da aktuell Tabellenführer ist, obwohl der Transferwert der Mannschaft eher im unteren Mittelmaß liegt. Das ist auch eine coole Story. Und Philipp Pelka arbeitet für Holstein Kiel.

Buch über Klopps Fußballphilosophie

Sie schrieben auch ein Buch über die Fußballphilosophie von Jürgen Klopp. Es ist 176 Seiten lang. Wie lange haben Sie sich Spiele von ihm angeschaut, um es zu entschlüsseln?

Zehn Jahre (lacht). Ich habe damit angefangen, als er beim BVB gestartet ist.

Wenn die Philosophie zu beschreiben ist, warum funktioniert sie dann trotzdem so gut?

Eine Philosophie kann man nicht einfach austricksen. Wenn die Spielweise gut funktionieren soll, dann ist die Mannschaft darauf vorbereitet, wie der Gegner auf das eine reagieren kann und macht dann das andere. Man will schon immer das Gegenmittel zum Gegenmittel zur Hand haben. Und außerdem lässt es sich alles nicht so einfach umsetzen, wie es sich aufschreiben lässt. Klopp trainiert das jede Woche.

Auch die Trainerkarriere von Jürgen Klopp startete in Mainz, wo Sie ihre ersten großen Analysen für den Profibereich anfertigten. Nun hat er die Champions League gewonnen. Ist das auch Ihr Ziel?

Das weiß ich nicht. Ich versuche einfach, meinen Job so gut es geht zu machen und als Trainer besser zu werden. Keine Ahnung, wo es hingeht. Bei René Maric hat man gesehen, dass es schnell nach oben gehen kann. Aber es gibt auch tausend andere Beispiele, wo es nicht so läuft.“

Zum Abschluss noch etwas Buntes. Unter dem Interview, das Sie Transfermarkt.de gaben, schrieben zwei Leute, dass Sie auch ein talentierter Rapper sind.

(lacht). Ja, ich mache auch Musik. Aber ich versuche das vom Fußball zu trennen. Es kam schon vor, dass mich Leute als Trainer kannten und als Musiker aber nicht wussten, dass es die gleiche Person ist. Ich will aber nicht, dass die Leute meine Musik anhören und im Hinterkopf haben, dass ich Trainer bin.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben