Serie

Als die Heide glühte

Erle.   Folge 17 unserer Serie „Kapitel Dorstener Sportgeschichte“ beschäftigt sich mit einer der wohl außergewöhnlichsten Rennstrecken Deutschlands. Höllenmaschinen mit 20.000 Umdrehungen pro Minute knatterten vor einem halben Jahrhundert erstmals durch Erles Heide.

Der Motorsport teilt die Gemüter: Ist es Sport im klassischen Sinne, wenn eine Maschine knattert und nur gelenkt wird? In Erle ist man sich darüber einig: Kartsport ist Sport und erst recht, wenn er so eine Geschichte hat, wie sie der Erler Motor Club geschrieben hat. Hier ist die Geschichte der wohl ungewöhnlichsten Rennstrecke der Republik.

Rückblende: Die 1960-er Jahre rocken auch die Landjugend. Im beschaulichen Erle erst recht, denn amerikanische Soldaten, die im damals noch zum Amt Hervest Dorsten gehörenden Erle die Raketen der NATO bewachten, brachten neue Lebensformen in das Dorf, dessen einzige Sensation bis dahin eine tausendjährige Eiche war. Die Amis fuhren wilde Autos, für die mancher Käfer sein Blechkleid lassen musste: Buggys hießen die Dinger und eine Nummer kleiner trugen sie den Namen Kart. Auf dem Land ist man praktisch veranlagt und schnell hatten pfiffige Schrauber nach der Reparatur von Traktor und Diesel-Benz zum Feierabend die Flex in der Hand und bauten sich so ein Kart. Dazu musste ein „Organspender“ her. Dieser Spender war der Goggo. Dieser Kleinstwagen aus dem Hause Glas, ein längst untergegangener Hersteller aus Bayern, war eine kleine Limousine mit einem Zweitaktmotor, den Suzuki bis heute ungeniert nahezu baugleich kopiert. Über 200 000 Exemplare verließen zwischen 1955 und 1968 das Werk in Dingolfing. Der Zwerg war knapp drei Meter lang und 130 Zentimeter breit. Er war kein Kleinwagen, sondern ein Kleinstwagen. Sogar in den USA konkurrierte er mit Straßenkreuzern und wurde dort als Cadillac-Beiboot verspottet.

In Erle hatte mitten im Dorf der Schrauberpabst für diese Marke seine Werkstatt: Felix Heßling war damals schon lange dem Alter solcher Flausen wie ein Kart es war entwachsen, aber er baute das ersten Goggo-Gokart. „Das Ding war eine Höllenmaschine. 10 000 Umdrehungen pro Minute und 20 PS. Es fährt bis zum heutigen Tag in Erle“, sagt Walter Huhn, der Zeitzeuge der wilden Zeit ist und bis heute mit einem Goggo-Kart Rennen fährt. Es fielen etliche der kleinen Autos mit den traurigen Froschaugen der Flex zum Opfer und wurden heiße Karts. Ein Akt, der Oldtimerfreunde von heute in Ohnmacht fallen lässt. Wohin mit den Dingern? Schnell war am Waldrand der Uefter Mark eine Stelle gefunden und der damalige Förster Müller drückte beide Augen zu, als er seinen alten Schulfreund Heßling unter den Rennfahrern erblickte.

1972 war das, der Heidering war geboren. Zunächst war diese Strecke einfach nur mit dem Frontlader aufgeschoben worden und mit etwas Schotter befestigt worden. Dort wurde mit den rasenden Drahtgestellen, die von einem kreischenden Zweitakter befeuert wurden, gefahren bis die Heide glühte. In diesen Tagen wurde der Erler Motor Club gegründet. Dabei hat sich der Verein gleich mit Vorgaben selbst Grenzen gesetzt, die man getrost als einen frühen Akt des aktiven Umweltschutzes bezeichnen kann. So schrieben die Erler einen funktionierenden Schalldämpfer vor: Ein Anbauteil, das für viele Sportler jener Zeit tabu war. Auch wurde von Anfang an streng darauf geachtet, dass keine Öl- und Treibstofflecks für Verschmutzung sorgten.

Nach einiger Zeit wurde die Strecke asphaltiert und eine Steilkurve in den Kurs integriert. Diese Maßnahmen machten den Heidering mit seinen 350 Metern zu einem Geheimtipp in der Szene. Allerdings bremsten die Verantwortlichen den Zulauf, denn allen Beteiligten war klar, dass nur ein dosierter Gebrauch der Rennstrecke ihr Überleben sichern konnte. So blieb diese Strecke eine Adresse für eine verschworene Truppe. Sie ist es bis heute geblieben und es verwundert nicht, dass sich das Tor an der B224 nur zu zwei Vereinsläufen öffnet. Der Osterlauf ist Kult und bei diesem Lauf sind auch die Oldtimer am Werk: Es gibt in dem Verein der Erler noch eine Goggo-Klasse. Die kreischenden Gartenstühle haben die Zeit überdauert und werden in der Familie vererbt. Die Szene auf dem Heidering beherrschen längst flüsternde Viertakt-Karts. Auch eine Grillhütte wurde errichtet und eine moderne Zeitmessanlage mit Transpondern am Kart existiert. Doch der Goggo ist als Dinosaurier auf einer Dino-Rennstrecke unterwegs. Gute Fahrt.

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