Fußball-Landesliga

Scherpenbergs Karadag: Özil wollte mich zu Schalke 04 holen

Auf dem Platz ist Bora Karadag (in Gelb) nur schwer zu bremsen.

Auf dem Platz ist Bora Karadag (in Gelb) nur schwer zu bremsen.

Foto: Arnulf Stoffel / FUNKE Foto Services

Moers.  Bora Karadag, der neue Kapitän beim Fußball-Landesligisten SV Scherpenberg, hat schon einiges erlebt. Bei Schalke 04 stand er auf dem Zettel.

Die Kollegen drehen längst auf der Scherpenberger Asche an diesem Abend ihre Trainingsrunden, da sitzt Bora Karadag immer noch im Klubhaus. Der 29-jährige neue Kapitän des Fußball-Landesliga-Dritten hat Zeit. Kleiner Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel, Ausfall im Spitzenspiel am Sonntag (15 Uhr) beim Tabellenführer Sterkrade-Nord. Doch Karadag ist alles andere als traurig. Der einstige U18-Kaderspieler von Bundestrainer Heiko Herrlich hat Frieden mit der Vergangenheit gemacht, als die mögliche Profikarriere missglückte. „Ich bin mit dem Leben, mit meinem Beruf in der Schicht-Produktion bei ThyssenKrupp, mit Fußball in Scherpenberg zufrieden“, betont Karadag im Interview mit dieser Zeitung.

Herr Karadag, hätten Sie es für möglich gehalten, dass Scherpenberg mit einer komplett neuen Mannschaft sofort oben mitspielt?

Bora Karadag: Damit hat niemand gerechnet. Aber wir spielen einen tollen Fußball. Und ich fühle mich nicht so, als wäre ich erst ein paar Wochen hier. Das spricht dafür, dass ich mich sehr wohl fühle. Unsere Position in der Tabelle ist kein Zufall. Wir haben viele junge Talente wie Hoffmeister, Terzi, Üzüm. Aber auch erfahrene Spieler wie Frömmgen. Dazu vorn mit Camdali einen Stürmer, der die Bälle unglaublich gut festmacht. Ich denke, die Aufstiegsentscheidung führt über Scherpenberg. Dazu arbeitet der Verein überaus professionell, das hatte ich so nicht erwartet.

In welcher Beziehung?

Ein Beispiel: Wie in der Bundesliga sieht jeder Spieler mittels eines Mess-Gurts, den er auf dem Platz unter dem Trikot trägt, nach Spielen immer, wieviel und wo er genau unterwegs war. Das habe ich woanders auf diesem Level noch nicht erlebt. Anderes Beispiel?

Bitte!

Zum Auswärtsspiel nach Dingden sind wir im Bus angereist. Das gibt es auch nicht überall. Für mich ist das ein großer Vorteil. Mein Hobby ist der Nachmittagsschlaf. Eine Stunde, manchmal 90 Minuten. Dann bin ich unter der Woche nach der Arbeit frisch und fit für Fußball. Auf dem Weg nach Dingden habe ich im Bus meine Kraft im Schlaf geholt.

In Scherpenberg stört derzeit nur der alte Aschenplatz, oder?

Der macht niemandem Freude. Auf Rasen wären wir spielerisch besser. Das haben wir auswärts ja bewiesen. Wenn ich wüsste, dass Scherpenberg einen Kunstrasen bekommen würde, könnte ich mir vorstellen, meine Karriere hier zu beenden.

Hätte es eine andere Sportart außer Fußball für Sie gegeben?

Vielleicht Basketball, das habe ich immer gern gespielt. Ich bin aber etwas zu klein. (lacht) Da bliebe nur die Position des Spielmachers.

Wie jetzt auch im Fußball. Sterkrades Trainer Julian Berg sagte neulich, Sie seien der vermutlich beste Spieler der Landesliga.

Das ist ein tolles Kompliment. Ich kenne Julian noch aus meiner Jugendzeit bei RW Oberhausen. Er ist ein Einwurfspezialist. Seine Einwürfe waren immer so gefährlich wie Eckbälle. Gut, dass er nicht mehr mitspielt.

Am Ball sind Sie kaum zu bremsen. Verraten Sie das Geheimnis, wo Ihre Schwächen liegen?

(lacht) Ich bin auf dem Platz sehr ungeduldig. Ich will immer nach vorn spielen, den Zuschauern etwas zeigen – auch wenn es manchmal sinnvoller ist, das Spiel schlicht zu beruhigen. Aber dann bekomme ich natürlich weniger Bälle.

Eigentlich hätte Sie ja Profi werden sollen, Ihr Talent war und ist groß.

Ich habe bei Rot-Weiss Essen ganz jung einen Fünfjahresvertrag unterschrieben. Damals war grad Mesut Özil von RWE nach Schalke gegangen. Mesuts Vater Mustafa Özil wollte mich gleich mit zu Schalke nehmen. Doch der Vertrag bei RWE war für mich zu lukrativ.

2010 war RWE dann insolvent und in die NRW-Liga abgestiegen.

Da war für mich das Kapitel zu Ende. Ich wollte zu schnell ans Geld, habe jedoch auf die falschen Leute gehört. Das erkennt man aber oft erst hinterher. Trotzdem bleibt RWE in meinem Herzen. Das DFB-Pokalspiel 2008 gegen Borussia Dortmund war der Höhepunkt meiner Karriere. Ich bin als 18-Jähriger in der 68. Minute eingewechselt worden.

Mächtig Druck für einen jungen Fußballer, oder?

Auf dem Platz habe ich die 21.000 Zuschauer oder auch die Gegner wie Sebastian Kehl, Mats Hummels, Dede oder Nelson Valdez nicht so wahrgenommen. Hinterher zu Hause, als ich mir die Aufzeichnung angesehen habe, habe ich nur gedacht: Du hast da wirklich mitspielt!

Ihre Ausflüge in die zweite und dritte türkische Liga waren nur von kurzer Dauer. Was ist dort passiert?

Ich wollte da meine Chance nutzen, doch vor Ort stellte sich vieles als unseriös heraus. Das versprochene Geld wurde nicht überwiesen, meine Familie war als Rückhalt nicht da. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich keinem jungen Spieler empfehlen, in die Türkei zu gehen.

Also sind Sie nach Deutschland zurückgekehrt.

Deutschland hat mir ja alles gegeben in meinem Leben. Die Verhältnisse hier sind top, das kann niemand wegreden – auch wenn es mit der Profikarriere nichts geworden ist.

Türkei gegen Deutschland – wem drücken Sie die Daumen?

Ich bin immer für Deutschland – nur nicht, wenn es gegen die Türkei geht. Dann ist das Herz doch näher bei meinen familiären Wurzeln.

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