„Mein größter Tag“

Michael Kügler sieht Flutlicht am Ende des Tunnels

Michael Kügler (Dresden, re.) gegen Torwart Dirk Orlishausen, Christian Dausel (2.v.li.) und Thiago Rockenbach da Silva (alle Erfurt) im Eröffnungsspiel der 3. Liga.

Michael Kügler (Dresden, re.) gegen Torwart Dirk Orlishausen, Christian Dausel (2.v.li.) und Thiago Rockenbach da Silva (alle Erfurt) im Eröffnungsspiel der 3. Liga.

Foto: imago sportfotodienst

Dahl/Friedrichsthal.  Michael Kügler aus Dahl/Friedrichsthal blickt auf seine Profikarriere, unter anderem bei Dynamo Dresden, zurück. Und auf eine lange Leidenszeit.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

In der Fußball-Bundesliga hat er als Profi gespielt, in der 2. Liga ebenfalls. Auch gehörte er der der U16- und U20-Nationalmannschaft an. Hatte dort die Trainer Uli Stielike und Horst Hrubesch.

Daher überrascht es, welchen Tag Michael Kügler (38) aus Dahl/Friedrichsthal als den größten seiner Karriere ansieht. „Rot-Weiß Erfurt gegen Dynamo Dresden,“ antwortet er, ohne lange zu überlegen.

Es war am Freitag, den 25. Juli 2008 das offizielle Eröffnungsspiel der neu geschaffenen 3. Liga. Das Steigerwald-Stadion war mit 15.500 Zuschauern voll, das TV übertrug das Flutlichtspiel. Vor dem Anpfiff gab es das übliche Brimborium drumherum. Wie bei solchen Premieren halt üblich.

Aber warum sticht diese Drittliga-Begegnung so hervor aus der Masse von Höhepunkten, die Kügler zu seinen Erinnerungen zählt? Die Antwort ist einleuchtend: Weil sie die erste nach einer zweijährigen Leidenszeit war. Zwei Kreuzbandrisse hintereinander hatte Kügler erlitten. Und nach all dem wieder auf dem Rasen zu stehen, das sei ein unbeschreibliches Gefühl gewesen, sagt der Dahl/Friedrichsthaler über den Neustart im Dynamo-Trikot. Seine Mannschaft gewann das Ost-Derby mit 1:0. Kügler bereitete in der 43. Minute den Siegtreffer vor. Viel mehr geht nicht.

Fahrgemeinschaft mit Florian Kringe

Als Michael Kügler dies erzählte, wirkte er so happy, als sei dieses Spiel nicht elf Jahre, sondern erst elf Wochen her. „Das war der Moment. Der schönste Tag. Und das, nachdem die Ärzte sich zwischendurch sehr kritisch geäußert haben, was meine weitere Fußballerkarriere anging.“ Zu allem Überfluss hatte Dynamo seinen Vertrag nicht verlängern wollen. Zu riskant.

Küglers Karriere war bis zu den üblen Verletzungen traumhaft verlaufen. Beim SV Dahl/Friedrichsthal, und bei der SpVg Olpe spielte Michael Kügler die ersten Bälle, in der Kreis- und Westfalenauswahl fiel sein Talent den Spähern auf. Wie denen von Borussia Dortmund, die schließlich Küglers Eltern anriefen.

Beim BVB durchlief er C- bis A-Jugend, bildete mit dem Siegerländer Florian Kringe eine Fahrgemeinschaft. Drei- bis viermal die Woche. Im letzten A-Jugendjahr begann er eine Ausbildung zum Bankkaufmann in Dortmund. Es war eine intensive Zeit für Michael Kügler. In die fielen auch seine Einsätze in der U18-Nationalmannschaft. „Die meisten anderen Spieler dort hatten das Abi hinter sich oder waren beim Bund,“ erzählt Kügler. Für ihn dagegen war es da schon komplizierter, Fußball und Beruf unter einen Hut zu bringen. „An einem Montag nach einer Länderspielreise musste ich mal eine Arbeit schreiben,“ berichtete er, „die ging voll in die Hose.“

Mit Amoroso, Koller und Rosicky

Aber sportlich lief es bei Borussia Dortmund. Michael Kügler gehörte zur „Zweiten“, und dort zu denjenigen, die mit der Bundesliga-Mannschaft unter Matthias Sammer trainieren durften, wenn diese - etwa aufgrund Länderspiel-Abstellungen - unterbesetzt war. „Ich habe mit Marcio Amoroso, Jan Koller und Tomas Rosicky trainiert“, schwärmt er von dieser Zeit. Aber schon da legten sich die ersten Schatten auf seine Karriere. Die ersten Verletzungen. Bei einem Kick am „Sonderner Kopf“ brach er sich den Mittelfuß.

Trotzdem legte er noch einen großen Karrieresprung hin, landete für zwei Jahre beim 1. FC Nürnberg, erlebte dort den Weltmeister Klaus Augenthaler als Trainer und einen jungen, talentierten Stürmer, der gerade aus der Jugend kam: Stefan Kießling. 2010 im Trikot von Bayer Leverkusen Bundesliga-Torschützenkönig.

Die ganz gravierenden Verletzungen, die dramatische Misere, begann nach Michael Küglers Wechsel vom VfL Osnabrück zu Dynamo Dresden. In einem Vorbereitungsspiel kam er nach einem Kopfball falsch auf und verdrehte sich das Knie. „Ich habe gemerkt, da ist irgendwas kaputt,“ erinnert sich Kügler. Sein damaliger Trainer Peter Pacult ließ ihn zwar noch drei Standards üben, aber im Krankenhaus kam die Diagnose: Meniskusschaden und Innenband gerissen. Kügler: „Der Schock war riesig. Ich hatte mir so viel vorgenommen.“ Acht Monate war er danach außer Gefecht. Im Mai 2006 stieg er wieder ein, wollte die Sommerpause nutzen, um zum Saisonstart wieder voll einsatzfähig zu sein.

Bevor es dazu kam, ereilte ihn der nächste Verletzungsschlag. In einem Vorbereitungsspiel gegen den FC Schalke 04 tunnelte er Levan Kobiashvili, „bei dem Schritt mit gestrecktem Bein ging wieder alles kaputt,“ schüttelt er auch 13 Jahre danach noch mit dem Kopf über das Malheur in dem Spiel, das als letzter Härtetest deklariert worden war. Weder zehn Monate Pause. Und er war erst 24 Jahre.

Wie hält man das aus? Sportbegeistert zu sein, erfolgreich zu sein und auf dem Höhepunkt zwei Jahre zu verlieren? „Ich bin ein Typ, der sehr hart gegen sich selbst ist und eine hohe Eigenmotivation hat,“ sagt er von sich selbst. Dennoch waren die finsteren Gedanken nicht immer zu verdrängen. „Man wusste nie, ist man gesund oder nicht? Wie geht das alles weiter?“ Dann die Eintönigkeit in der Reha, in der jede Abwechslung auch irgendwann eintönig wird. Die Familie, Eltern, Schwester, Freundin - sie waren Michael Kügler eine große Unterstützung. „Als Jonas 2008 geboren wurde,“ sagt er, „hat mir auch das sehr, sehr viel Kraft gegeben.“

Hohe Meinung von Pele Wollitz

Auch wenn seine Profizeit noch nicht lange zurück liegt, hat Michael Kügler dennoch das Gefühl, dass sich in diesem einen Jahrzehnt einiges geändert hat. „Ich habe auf einiges verzichtet, klar. Aber dafür hat es Sachen gegeben, die heute nicht mehr so sind: Ich durfte noch jugendlich sein. Wenn ich mal am Abend vor einem Training auf eine Abifete ging, hat mir das keiner übel genommen. Heute sind die Spieler gläsern.“

Am Ende eines Gesprächs mit einem, der so viel, erlebt hat, kommt man um die Frage nicht herum, welches für ihn der beste Trainer war. Unter Hans Meyer hat Michael, Kügler gespielt, unter Norbert Meier, unter Peter Pacult oder Klaus Augenthaler. Nein, es ist keiner von ihnen. „Pele Wollitz,“ antwortete Kügler, „der hat den Trainerjob gelebt, war mit einem unheimlichen Enthusiasmus dabei. Er ist für mich ein Typ!“

Nach einer Saison bei den Sportfreunden Lotte war der 1. FC Kaan-Marienborn Küglers längstes, aber als reiner Spieler auch letztes Engagement. Sechs Jahre spielte er für die Siegerländer, ehe er 2016 als Spielertrainer beim SV Ottfingen einstieg. Zwei Jahre drauf kehrte Michael Kügler zurück zu seinen Wurzeln, zum SV Dahl/Friedrichsthal, bei dem er Sportlicher Leiter ist und für den er in der ersten Mannschaft spielt, die im Sommer den Aufstieg in die Kreisliga A geschafft hat.

Ein großer Kreis schloss sich. Mit Glanzlichtern, aber auch dunklen Phasen. Was ihn Letzteres gelehrt hat, ist: „Letztendlich hängt das meiste von dir selber ab.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben