Fußball

Seifried im Tor und den Papst in der Tasche

Mit einem langen Bein versucht Erhan Duyar, den Ball gegen drei Sprockhöveler zu behaupten.

Mit einem langen Bein versucht Erhan Duyar, den Ball gegen drei Sprockhöveler zu behaupten.

Foto: Klaus Pollkläsener

Westfalia Herne sammelt gegen die TSG Sprockhövel drei glückliche Punkte ein. Tasaka und Abdallah treffen zum 2:1-Sieg. Seifried hält fast alles.

Seifried im Tor, die Fans im Rücken,, den Papst in der Tasche: Mit derart vereinten Kräften schaffte es der SC Westfalia Herne, die fußballerisch eine Klasse stärkere TSG Sprockhövel mit 2:1 (0:0) niederzuringen und sich drei ungeheuer wertvolle Punkte aufs Oberligakonto zu packen. Als Schiedsrichter Lukas Sauer die fünfminütige Nachspielzeit endlich abpfiff, fielen den Hernern dicke Brocken vom Herzen. Ein dicker Brocken lag sogar platt auf dem Kunstrasen: Christian Knappmann. Der SCW-Trainer, der in den 95 Minuten am Seitenrand wieder viele Höllen durchgemacht hatte, musste sich erst einmal einen Moment erholen. Konnte man verstehen.

Wenig später hatte sich Knappmann dann auch wieder gesammelt und sagte, was kaum einer der 380 zahlenden Zuschauer anders gesehen haben dürfte: „Man muss ehrlich zugeben, dass heute die bessere Mannschaft verloren hat. Da bricht uns kein Zacken aus der Krone.“ Aber, so fügte er hinzu: „Wir nehmen den Sieg gerne mit. Schließlich haben wir hier oft genug gesessen, uns Komplimente angehört, hatten aber nichts in der Tasche.“ Er nahm das Ergebnis als ein Stück ausgleichende Gerechtigkeit, diesmal war der Fußballgott halt ein Herner.

Teufelskerl Seifried pariert alles

Schon zur Pause hätten die Gäste mit zwei, drei Toren führen können, ja müssen. Aber mit Ricardo Seifried stand ein echter Teufelskerl im Herner Tor. Nach einem Luftloch des sonst grundsoliden Felix Fuchs parierte er Dytkos 14m-Schuss (22), Buluts Hochgeschwindigkeits-Dropkick lenkte er mit dem Fuß zur Ecke (39.), und als Dytko nach Ülkers feinen Freistoßlupfer aus kürzester Distanz zum Abschluss kam, machte Seifried die Ecke zu und verhinderte erneut einen Einschlag (44.). Weitere brenzlige Situationen konnten seine Vorderleute Enis Schick und Maurice Haar in höchster Not noch bereinigen, und Bulut (16.) wie Ülker (18.) verfehlten bei guten Gelegenheiten das Ziel.

Die erste Chance des Spiels hatten allerdings die Hausherren, als Haar nach einem verlängerten Temme-Einwurf nicht genug Druck hinter seinen Kopfball bekam (4.). Doch danach hakte es im Herner Offensivspiel. Knappmanns Plan, den Platz hinten breit zu machen, die Gäste mit Querpässen herauszulocken und dann mit langen Bällen das Mittelfeld zu überspielen, ging nur selten auf. Michael Smykacz konnte in der ersten Hälfte noch einige Bälle festmachen, aber das Mittelfeld rückte nicht schnell genug nach. Über Außen lief ganz wenig.

SCW-Stürmer laufen oft ins Abseits

„Duyar und Abdallah sind ständig entgegengekommen, statt abzugehen“, ärgerte sich der Coach. Und Ciccarelli habe sich meist zu spät vom Ball getrennt. So wurde Herne bis zur Pause nur selten gefährlich, zumal Smykacz und Duyar ständig ins Abseits liefen, Ab und an raffte sich der durch eine Schambeinentzündung arg gehandicapte Bilal Abdallah zu einem Dribbling auf. So wie in Minute 19, als er drei Gegner austrickste und auf Smykacz ablegte, dessen Schuss aber zur Ecke abgeblockt wurde. Mit dem 0:0 war der SCW zur Pause bestens bedient.

Nach Wiederanpfiff änderte sich erst einmal nichts. Hernes lief gleich nach seinem überfallartigen Anstoß in einen Konter, der absichernde Nico Pulver rutschte aus, ein Herner konnte noch retten, und Seifried nahm den Ball auf. Lukas Sauer sah darin einen Rückpass, pfiff indirekten Freistoß aus elf Metern. Zum Herner Glück landete der in der recht luftig gebauten Mauer. Sekunden später lenkte Seifried Dytkos Kracher über die Latte, dann rettete Haar gegen Casalino, Bulut köpfte aus fünf Metern direkt in Seifrieds Arme: Alles Situationen aus den ersten fünf Minuten der zweiten Hälfte. Das Tor lag förmlich in der Luft.

Das Tor fällt auf der anderen Seite

Es fiel dann auch – allerdings auf der anderen Seite. Keeper Staudt ließ einen Abdallah-Schuss prallen, und der gerade eingewechselte Takuya Tasaka staubte ab (61.). Das Spiel war auf den Kopf gestellt. Claus hätte gleich bei seiner ersten Ballaktion ausgleichen können, als Seifried mit dem Herauslaufen zögerte. Aber sein Schuss zischte vorbei, und im Gegenzug nutzte Abdallah ein Missverständnis in der TSG-Abwehr und erzielte das 2:0 (72.).

Die letzten 20 Minuten gerieten zur Abwehrschlacht. Knappmann brachte mit Maurice Kühn einen dritten Sechser, aber keine Minute darauf veredelte Claus eine Sprockhöveler Traumkombination zum 1:2. Danach warf die TSG alles nach vorn, beorderte Abwehrturm Bulut in den Sturm, doch der SCW überstand auch diese Belagerung. Mit Seifried im Tor, den Fans im Rücken und dem Papst in der Tasche.