Fußball

Ein „Saisonabbruch light“ wird im Amateurfußball realistisch

Um mögliche Corona-Übertragungen zu verhindern, herrscht im Ruhrgebiet auf allen Sportplätzen Maskenpflicht – mehr als 90 Minuten lang.

Um mögliche Corona-Übertragungen zu verhindern, herrscht im Ruhrgebiet auf allen Sportplätzen Maskenpflicht – mehr als 90 Minuten lang.

Foto: Olaf Ziegler / FUNKE Foto Services

Ruhrgebiet.  Das Ruhrgebiet gilt als Corona-Risikogebiet, Bochum schließt die Sportanlagen. Der FLVW will vorerst weitermachen, hätte aber eine Alternative.

  • Die Fußballvereine haben Sorgen – um die Gesundheit und um den Spielbetrieb
  • Der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) will weiterspielen, doch im Ruhrgebiet steht der Spielbetrieb auf der Kippe
  • Es gibt ein realistisches Szenario, wie die Saison geordnet abgebrochen werden kann

Die Corona-Zahlen am Morgen geben aktuell den Ton für den Tag an. 152,8 – die 7-Tage-Inzidenz für Herne am Donnerstag. 1420 – so viele Menschen lagen am Freitag in NRW wegen Corona im Krankenhaus. 1915 – die Gesamtzahl der positiv auf Corona getesteten Bochumerinnen und Bochumer. 19 – die Zahl der Menschen, die in Gelsenkirchen damit verstorben ist. Das Ruhrgebiet gilt flächendeckend als Corona-Risikogebiet.

Der Amateurfußball macht, im Gegensatz zu anderen Sportarten, trotzdem weiter. Das gab der FLVW am Freitag ausdrücklich bekannt. Mit der Schließung der städtischen Sportanlagen in Bochum hat sich aber eine neue Situation ergeben – wenn diese Regel über das größtenteils fußballfreie Allerheiligen-Wochenende so bleibt, ist der Spielbetrieb in mehreren Ligen lahmgelegt. Der Verband hat für diesen Fall vorgesorgt, es könnte zu einem „Saisonabbruch light“ kommen.

Corona: 50 Prozent der Spiele ist das Minimalziel des Verbands

Das Ziel, die Saison bis Ende Juni 2021 komplett auszuspielen, ist nicht mehr absolut. Minimalziel ist, eine Saison zu spielen, die sich werten lässt. Der Verband hat dafür vor der Saison Vorkehrungen in seinen Bestimmungen getroffen. Wenn es doch nicht weitergeht, gibt es einen eleganten Ausweg, man könnte ihn „Saisonabbruch light“ nennen.

Der Weg ist zwar nicht explizit formuliert, aber technisch möglich und sportlich zumindest einigermaßen fair: Ist der Spielbetrieb nicht mehr haltbar, würde die Saison nicht sofort abgebrochen, sondern nur ausgesetzt.

Nach einer langen Winterpause könnte es im Frühjahr hoffentlich ohne große Einschränkungen weitergehen – und wenn die Hinrunde im Frühsommer abgeschlossen ist, würde die Saison „abgebrochen“, also nach einer Einfachrunde vorzeitig beendet.

Vereine bereiten sich auf so ein Szenario vor: „Nach der Hälfte der Spiele kann die Saison abgebrochen werden, dann müssen wir über dem Strich stehen. Sieben sind rum, 13 haben wir noch“, sagt zum Beispiel Christian Knappmann, Trainer des schlecht gestarteten Oberligisten Westfalia Herne.

Corona: Das Gesundheits-Risiko liegt außerhalb der vier Eckfahnen

Die Argumente, auch den Fußballspielbetrieb zu stoppen, liegen nahe. Die Vereine haben Sorgen. Die erste Sorge ist die Gesundheit: Dass Spielerinnen und Spieler nicht mehr trainieren und spielen wollen, weil sie sich auf der Arbeit nicht erlauben können, in Quarantäne zu kommen.

Oder schlicht, weil sie Angst haben, sich selbst anzustecken, krank zu werden oder das Virus an Geschwister, Kinder, Eltern, Großeltern weiterzugeben, bei denen ein schwerer Krankheitsverlauf wahrscheinlicher ist.

Zwar gibt es weiterhin null bestätigte Virus-Übertragungen auf dem Spielfeld. Fußball könne man nicht einmal wirklich als Kontaktsport bezeichnen, sagte zuletzt Dr. Tim Meyer, Leiter der DFB/DFL-Task-Force Sportmedizin, in einem vom Verband veröffentlichten Interview.

Das heißt aber nicht, dass der Fußballspielbetrieb unproblematisch ist, was das Infektionsgeschehen angeht, zum Fußball gehört ja aber auch das Drumherum, von der Bratwurstbude über den Mannschaftskreis bis zum Bier unter der Dusche.

Die Nachholspiel-Situation spitzt sich jetzt schon zu

Die andere Sorge: Dass der Spielbetrieb nicht aufrechtzuerhalten ist. Westfalenligist DJK TuS Hordel ist schon zum zweiten Mal in dieser Saison betroffen, am 8. Spieltag wurde zum dritten Mal eine Hordeler Partie wegen Corona abgesetzt. Hordels Teammanger Jörg Versen meint: „Es wäre sinnvoll, den Spielmodus zu ändern und nach der Hinrunde nur noch eine Auf- und Abstiegsrunde zu spielen.“

Auch Oberligist SV Schermbeck pausiert am Wochenende, bei Gegner Wattenscheid 09 gab es mehrere positive Tests. Am 10. Spieltag hat Schermbeck erst sechs Spiele absolviert. 34 muss der Club also noch bestreiten. B-Kreisligist Hammerthaler SV aus Witten wird (nicht nur, aber auch aus Corona-Gründen) bis zum neunten Spieltag gerade einmal zwei Partien gemacht haben.

Die genannten Fälle sind sicher Extrembeispiele – falls aber in den Bochumer Kreisligen und der Bezirksliga 10 ganze Spieltage ausfallen und dazu auch höherklassige Bochumer Clubs bis hin zur SG Wattenscheid vorerst nicht trainieren und spielen können, wird die Lage kritisch.

Verharmlosen will der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen das sicher nicht. Am Donnerstagabend tagten die Verantwortlichen, ein Abbruch des Spielbetriebs stand dabei aber noch nicht zur Debatte. Das bekräftigte der FLVW am Freitag nochmals in einer Pressemitteilung.

Das Ruhrgebiet trifft es viel härter als den Rest von Westfalen

„Wir möchten nicht den Eindruck erwecken, die Saison durchzuprügeln. Aber dort, wo es möglich ist, wollen wir den Spielbetrieb anbieten“, sagt Amateurfußball-Vizepräsident Manfred Schnieders.

Denn auch der Verband hat Zahlen: 98,2 Prozent zum Beispiel, so viel Prozent der Spiele im Verbandsgebiet sind nämlich wie angesetzt ausgetragen worden. Weniger als 500 Spiele sind seit Anfang September wegen Corona-Infektionen oder -Verdachtsfällen verschoben worden, im riesigen FLVW ist das nicht viel. Westfalen ist schließlich auch Sauerland und Ostwestfalen-Lippe. Aber eben auch Ruhrgebiet.

In den Ruhrgebietskreisen scheint die Stimmung auf der Kippe zu stehen. „In Bochum haben wir rund sechs Prozent Spielausfälle zu verzeichnen. Zudem dürfen sich nur noch fünf Personen gleichzeitig in der Kabine aufhalten“, sagt der Kreisvorsitzende Klaus-Dieter Leiendecker stellvertretend für seine Kollegen. Besonders die Kabinensituation stellt Vereine vor große Probleme.

Viele offene Fragen – und die Bochumer Hiobsbotschaft

Sollen sich die Teams im November und Dezember draußen umziehen, draußen Besprechungen abhalten? Was, wenn doch noch mehr Spiele ausfallen? Was, wenn plötzlich mehrere Spieler lieber aus Vorsicht nicht mehr spielen wollen? Viele Fragen sind offen und ein Tabu-Thema ist die Unterbrechung der Saison auf keinen Fall.

Bis Freitag war es nur eine von mehreren Möglichkeiten, die Saison zu unterbrechen und womöglich nur eine Einfachrunde zu spielen, bis die Saison im Sommer abgebrochen werden könnte. Dass dieser Schritt nötig werden könnte, ist mit der Bochumer Hiobsbotschaft wahrscheinlicher geworden.

Nach dem aktuellen Spieltag wird sich erneut beraten

Klar ist, dass auch der Verband bei einer weiteren Verschärfung der Lage reagieren muss, bevor er durch politische Maßnahmen dazu gezwungen wird (zum Beispiel indem Städte wie Dortmund oder Gelsenkirchen nachziehen).

Entscheidungen der örtlichen Gesundheitsbehörden werde man vollumfänglich unterstützen, heißt es vom Verband. „Sollte sich das Infektionsgeschehen oder die politische Verfügungslage in den kommenden Wochen ändern, ist der FLVW jederzeit in der Lage, flexibel und angemessen auf die Auswirkungen für den Spielbetrieb zu reagieren“, so Verbandspräsident Gundolf Walaschewski in der Mitteilung des FLVW.

Immerhin ist von der Landesregierung aktuell kein grundsätzliches Kontaktsportverbot zu erwarten, aber auch das kann sich täglich ändern.

Mit der Durchführung des aktuellen Spieltags gewinnt der Verband Zeit, nochmals die Köpfe zusammenstecken, durch das Allerheiligen-Wochenende sind es dann zwei Wochen bis zum nächsten regulären Spieltag. Wer weiß, wie die Lage dann ist.

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