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Hattingen: Sportfreunde kicken ohne Meckern und mit Gefühl

Die Handicapgruppe der Sportfreunden Niederwenigern trifft sich einmal in der Woche und trainiert mit dem Fußball auf dem Glückauf-Sportplatz.

Die Handicapgruppe der Sportfreunden Niederwenigern trifft sich einmal in der Woche und trainiert mit dem Fußball auf dem Glückauf-Sportplatz.

Foto: Christof Köpsel / FUNKE Foto Services

Hattingen.  Bei den Sportfreunden Niederwenigern gibt es eine Handicapgruppe. Die Trainerin leitet außerdem ein Pilotprojekt im Fußballverband Niederrhein.

Schritt für Schritt, wie im Entenmarsch dribbeln die jungen Sportler durch einen Hütchenparcours auf dem Glückauf-Sportplatz. Nacheinander schießen sie aufs Tor. Der eine trifft, der andere hat Probleme beim Zielen. Macht nichts! Ball wieder holen und noch einmal von vorne. Alle warten, bis jeder seinen Ball wieder am Fuß hat. Keiner nörgelt. Denn alle haben eines gemeinsam: eine körperliche oder geistige Einschränkung. Die Sportfreunde Niederwenigern bieten eine Handicapgruppe an.

Martina Bayer-Kraushaar

lobt die Teilnehmer, die zwischen sieben und 20 Jahre alt sind. Sie freut sich, wenn die Sportler Spaß haben. Gemeinsam mit Elke Schasiepen hat sie die Gruppe ins Leben gerufen. Sie hat noch genau das Datum des ersten Trainings im Kopf, es war der 1. September 2010. Sie hat selbst vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter. Die Tochter hat eine geistige Behinderung. So ist Martina Bayer-Kraushaar ganz nah dran an den Kindern mit Einschränkung.

Seltenes Angebot in der Region

„Die Lebenshilfe Ennepe Ruhr/Hagen ist damals auf uns zugekommen und hat nach einem möglichen Angebot gefragt“, erzählt die Trainerin, die seit 22 Jahren die Bambinis der Wennischen trainiert. Die Sportfreunde eröffneten also die neue Gruppe, die schnell Zuwachs bekam. „So ein Angebot gibt es in unserer Region nicht oft. So kommen die Kinder zum Teil aus Hagen oder Herdecke nach Hattingen. Mit Freude und Begeisterung. „Sie finden es toll, auch auf dem Platz zu stehen, da es nicht selbstverständlich ist“, weiß Bayer-Kraushaar.

Sie lacht viel im Training, Kollegin Elke Schasiepen auch. Manchmal passiert auch etwas Unerwartetes. Alles in allem ist die Atmosphäre sehr herzlich. Das ist es, was die Gruppe ausmacht. „Niemand wird von einem anderen ausgelacht, weil mal was nicht gelingt“, erzählt die Trainerin.

Ein Mädchen, Lara, hat eine Gehhilfe, kommt trotzdem gut mit. Helfer Tom (16), der eine Lähmung an einer Körperseite hat, ist einige Jahre dabei und wächst als Betreuer heran. „Diesen Zusammenhalt können sich andere Teams abgucken“, so Bayer-Kraushaar.

Training in Kleingruppen

Die Übungen sind an die Möglichkeiten der Teilnehmer angepasst, zu kompliziert wird es nicht. Dribbling, Torschuss und Passspiel bestimmen das Training wie woanders auch. Es wird oft in Kleingruppen abgehalten. „Außerdem haben wir feste Strukturen. Das ist wichtig, um Sicherheit zu geben“, merkt die Trainerin an. Sie möchte jeden weiterbringen, manche Kinder hätten Talent. Und das, was alle Fußballer wollen, kommt nicht zu kurz: spielen, spielen, spielen.

Im Spielbetrieb ist die Gruppe nicht. „Das würde nicht funktionieren“, erklärt Bayer-Kraushaar. Dafür nehmen die Sportfreunde an Turnieren teil, die speziell für Handicapteams organisiert werden. Ein Junge war mal eine Saison lang als Torwart in einem Team ohne Handicap integriert. Denn Talente möchten die Trainer fördern. „Die Eltern wollten es hinterher aber nicht mehr“, erzählt Bayer-Kraushaar. Ihr Ziel sei es, vereinzelt Spieler in Teams zu integrieren.

Testphase im Franz-Sales-Haus

Das macht sie bereits im Franz-Sales-Haus in Essen, einer katholischen Einrichtung der Behindertenhilfe. Dort trainiert die Wennische ein U13-Mädchenteam im Ligabetrieb, wo zwei behinderte Spielerinnen integriert werden. „Wir befinden uns in einem Pilotprojekt zum Nachteilsausgleich. Immer, wenn eine behinderte Spielerin dabei ist, darf die Mannschaft mit sieben statt sechs Mitspielerinnen plus Torhüterin spielen oder eine der sechs Spielerinnen darf aus der höheren Altersklasse kommen“, erklärt die Trainerin.

Dies werde von den gegnerischen Teams gut angenommen. „So können einzelne Kinder in Dorfvereine integriert werden und sind nicht außen vor“, hofft Bayer-Kraushaar. Das Projekt läuft im Sommer aus, zwei Jahre sind dann verstrichen. Danach soll im Fußballverband Niederrhein und Westdeutschen Fußballverband entschieden werden, ob dieser Schritt ins Regelwerk aufgenommen wird.

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