Reitsport-Serie

Mut und Vertrauen lernen bei der Reittherapie in Herdecke

Therapiestunde auf dem Reiterhof in Herdecke mit Wiebke Stahr. Bei dieser Übung sucht Tim mit geschlossenen Augen nach Wäscheklammern.

Therapiestunde auf dem Reiterhof in Herdecke mit Wiebke Stahr. Bei dieser Übung sucht Tim mit geschlossenen Augen nach Wäscheklammern.

Foto: Veronika Szary

Herdecke.  Auf dem Therapie- und Reithof in Herdecke unterstützt Wiebke Stahr mit Islandpferden Kinder. So gelingt es ihr, Motorik und Vertrauen zu stärken.

Die Hände fahren behutsam durch die weiche Mähne des braunen Islandpferdes Bragi, den Kopf schmiegt Tim (Name geändert) an den Rücken des Tieres. Vorsichtig tastet sich der Achtjährige weiter nach vorne, die Augen sind geschlossen. „Ich hab’ eine“, sagt er stolz, greift nach der Wäscheklammer und reicht sie Wiebke Stahr, die geduldig neben dem Pferd wartet. Am Sattel, in der Mähne, an Tims Kleidung – die Reittherapeutin hat an verschiedenen Stellen die bunten Klammern platziert, die Tim ertasten soll. Er beugt sich konzentriert nach vorne, greift mit den Armen hinter sich und nach unten bis zu seinen Schuhen.

„Bei dieser Übung geht es um die Wahrnehmung und darum, das Pferd zu spüren. Die Kinder lernen dabei auch Raumorientierung, da sie die Klammern an verschiedenen Stellen um sich herum ertasten und suchen müssen“, erklärt Wiebke Stahr, während sie auf der Koppel des Therapie- und Reithofs an der Dortmunder Straße in Herdecke steht. Der Achtjährige nimmt erst seit Kurzem an der Reittherapie teil, mit ihm arbeitet Wiebke Stahr an der Stärkung seines Selbstwertgefühls und Förderung der motorischen Fähigkeiten. „Es macht ihm unheimlich viel Spaß, und er hat innerhalb kurzer Zeit schon viel gelernt, was ihn sehr stolz macht“, betont die Reittherapeutin.

Therapeutisches Reiten in Herdecke

Entspannte Islandpferde

Gemeinsam mit ihrem Team will Wiebke Stahr unter anderem Kinder mit Behinderung oder verzögerter Entwicklung durch die Arbeit mit den Pferden unterstützen. Die Kinder, die an der Therapie teilnehmen, haben beispielsweise Autismus oder Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme, zeigen Auffälligkeiten in der Psychomotorik oder dem Verhalten, was sich durch Unsicherheit, Aggressivität und Ängste äußern kann. Auch Kinder und Jugendliche mit Schwierigkeiten im Sozialverhalten oder Lernproblemen werden durch die Reittherapie unterstützt.

„Pferde eignen sich besonders gut, um Kindern mit den verschiedensten Arten von Förderbedarf zu helfen. Denn die Tiere geben durch ihr Verhalten direktes Feedback. Die Kinder können non-verbal mit den Pferden kommunizieren und leicht Vertrauen aufbauen“, erklärt Wiebke Stahr, die für das heiltherapeutische Reiten die Islandpferde Fjölnir, Riddari, Nói, Vitus und Bragi einsetzt. „Ich habe Islandpferde in meiner Jugend kennengelernt und war direkt von ihrem Charakter begeistert, sie sind total entspannt und gehen auf Menschen zu“, betont sie.

Auch wenn Kinder mit einer Behinderung plötzlich anfangen zu klatschen oder laut rufen, bleiben die Islandpferde ruhig und schrecken nicht auf. Und so ist auch Bragi ganz gelassen, während Tim ihm vor jeder Therapiestunde gewissenhaft die Hufe reinigt, mit der Bürste über das braune Fell streicht und das Tier sachte zur Seite schiebt, um den Stall zu fegen. „Auch das gehört mit dazu. So lernen die Kinder, Verantwortung zu übernehmen“, erklärt die Therapeutin.

Ein Strahlen im Gesicht

Nachdem Tim sichtlich stolz alle Klammern entdeckt hat, greift Wiebke Stahr nach einem großen, bunten Würfel. Auf den Seiten sind jeweils Bilder von verschiedenen Aktionen auf dem Pferd abgebildet. Eine Mühle machen, rückwärts reiten, auf dem Pferd knien – die Auswahl ist groß. Was er davon am liebsten machen würde? Tim zuckt schüchtern mit den Schultern und wirft der Therapeutin zaghaft den Würfel zu. Die Entscheidung ist gefallen – eine Mühle machen.

Bragi setzt sich in Bewegung, Tim dreht sich geschickt auf dem Pferd, bis er rückwärts über die Koppel reitet. Mutig hebt er sogar einen Arm in die Luft und legt sich anschließend flach auf den Rücken des Pferdes. „Super machst du das“, lobt Wiebke Stahr. Sie weiß, dass Tim am liebsten im schnellen Galopp über die Koppel reitet und so legt Bragi an Tempo zu, sobald Tim wieder vorwärts auf dem Sattel sitzt. Ein Strahlen schleicht sich auf das Gesicht des Jungen, er kann gar nicht mehr aufhören zu grinsen.

Auf dem Islandpferd scheinen Schüchternheit und Unsicherheit von ihm abzufallen. Er fasst Vertrauen, ist mutig und traut sich jede Menge zu. Auch Wiebke Stahr ist immer wieder fasziniert, was Reiten bewirken kann: „Es ist so schön zu sehen, wie die Kinder aus sich herauskommen und lernen, in ihre eigenen Stärke wieder Vertrauen zu haben.“

Weitere Folgen der Serie „Das Leben ist (k)ein Ponyhof“ finden Sie hier.

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