Fußball

Von Heßler ins Camp Nou

Werner Schütte (li.) stand beim Spiel im Europapokal der Pokalsieger zwischen dem FC Barcelona und dem RSC Anderlecht an der Linie.

Werner Schütte (li.) stand beim Spiel im Europapokal der Pokalsieger zwischen dem FC Barcelona und dem RSC Anderlecht an der Linie.

Foto: Funke Foto Services

Gelsenkirchen.   Der Gelsenkirchener Werner Schütte war Schiedsrichter in der 1. Bundesliga. Mit 76 Jahren ist er noch immer Mitglied des Kreisschiedsrichterausschusses.

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120 000 Zuschauer sahen im November 1978 zu, als der FC Barcelona im Europapokal der Pokalsieger im heimischen Camp Nou den RSC Anderlecht empfing. Linienrichter des deutschen Schiedsrichters Walter Eschweiler war ein Gelsenkirchener: Werner Schütte. „Das war mehr als beeindruckend“, sagt Schütte.

Heute ist der ehemalige Bundesligaschiedsrichter 76 Jahre alt, obwohl er schon lange in Dortmund lebt, ist er Mitglied des Kreisschiedsrichterausschusses Gelsenkirchen. Aktuell ist Schütte Beisitzer, 27 Jahre lang war er Lehrwart, außerdem sieben Jahre als Obmann tätig.

Seine Prüfung als Schiedsrichter legte der gebürtige Gelsenkirchener 1958 ab, damals war er 19 Jahre alt und Mitglied bei Hessler 06. Dabei war er erst gar nicht begeistert davon, als ihm der Vorschlag gemacht wurde, sich beim Anwärterlehrgang anzumelden. Aber er kannte Willi Thier, mit dem er im „Weka“, dem alten Westfalen-Kaufhaus an der Bahnhofstraße zusammenarbeitete. Thier war ebenfalls Bundesliga-Schiedsrichter und so wusste Werner Schütte früh, dass man als Unparteiischer durchaus Karriere machen kann. „Als Fußballspieler wäre die Kreisliga A sicher schon das höchste der Gefühle gewesen“, sagt Schütte und lacht.

In den ersten Jahren fuhr er über die Dörfer, leitete Spieler in der Kreisliga B, manchmal auch in der Kreisliga A. Dann ging es aber schnell steil bergauf, 1969 war er bereits als Schiedsrichter in der 2. Bundesliga gelistet. 1984, mit 44 Jahren, kam er dann in der Bundesliga zum Einsatz, international wurde er als Linienrichter eingeteilt. Wie eben 1978 in Barcelona.

Zu dieser Zeit sei es nicht üblich gewesen, dass die Schiedsrichter an fast jedem Wochenende im Einsatz waren. Deshalb kommt der gebürtige Gelsenkirchener zwischen 1984 und 1986 auf insgesamt „nur“ 15 Bundesligaspiele. Unvergessen bleibt das Spiel zwischen Werder Bremen und Eintracht Braunschweig im Mai 1985, als Werner Schütte den Bremer Jonny Otten nach 76 Minuten mit Rot vom Platz stellte. „Nur ich habe gesehen, dass Otten seinen Gegenspieler getreten hatte. Irgendwie hatte das keiner im Stadion gesehen, nicht einmal meine Assistenten“, berichtet Schütte.

Videoanalyse im VIP-Raum

Entsprechend aufgebracht seien die Bremer gewesen, allen voran der damalige Präsident Dr. Franz Böhmert habe getobt und Schütte angedroht, dass er nie wieder ein Bundesligaspiel pfeifen würde. Nach dem Spiel folgte die gemeinsame Analyse vor einem Fernseher in einem VIP-Raum des Eintracht-Stadions. Die ganze Mannschaft von Werder Bremen habe am Tisch gesessen, Schütte und sein Gespann gleich daneben. „Ich habe mir nur gedacht: Lieber Gott, bitte lass’ den Otten getreten haben“, sagt der Gelsenkirchener. Und in der Tat: Jonny Otten hatte getreten, der Platzverweis war also die richtige Entscheidung. „Die Spieler und auch Dr. Böhmert sind sofort aufgestanden, sie haben mich keines Blickes mehr gewürdigt. Von Dr. Böhmert kam nicht mal eine Entschuldigung. Das habe ich als sehr unsportlich empfunden.“ Werner Schütte verfasste daraufhin ein Beschwerdeschreiben an den Deutschen Fußball Bund – eine Antwort bekam er nie.

Vor den Leistungen der heutigen Bundesliga-Schiedsrichter hat Wener Schütte den größten Respekt. „Heute sind 100 Kameras im Stadion, es gibt zig Zeitlupen. Wenn man mal sieht, wie wenig Fehler unsere Schiedsrichter machen, finde ich das sehr beachtlich.“ Einmal hätte aber auch er ganz bestimmt anders entschieden: am letzten Spieltag der Saison 2000/01, als die Bayern den Schalkern durch das 1:1 in Hamburg in der 94. Minute noch die Meisterschale klauten. „Eine unglückliche Entscheidung von Markus Merk“, sagt Schütte, der Merk aber viel mehr als die Rückpass-Entscheidung ankreidet, dass er so lange hat nachspielen lassen. „Die Bayern haben beim Stand von 0:0 ständig verzögert. Daher entsprach die Entscheidung, vier Minuten nachspielen zu lassen, nicht dem Sinn der Regel.“

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