Fußball

Rot-Weiss Essen erarbeitet sich Heimsieg mit Willen und Moral

 Klarer Sieger in der Nachspielzeit: RWE-Keeper Jakob Golz hat die Riesenchancen zum Ausgleich von Janik Steringer (l.) vereitelt.J

Klarer Sieger in der Nachspielzeit: RWE-Keeper Jakob Golz hat die Riesenchancen zum Ausgleich von Janik Steringer (l.) vereitelt.J

Foto: Thorsten Tillmann

Essen.  Der Essener Viertligist muss wieder einmal einem Rückstand hinterlaufen. Gastgeber lässt aber nicht locker und wird mit drei Punkten belohnt.

Es schien für einen Moment, als träumte Felix Bechtold. Da saß der Trainer des SV Lippstadt auf dem Podium im Presseraum und wartete, dass man ihm das Wort zur Analyse erteilte. Sekundenlang blickte er ziemlich regungslos ins Nirgendwo und gut möglich, dass er da noch einmal die Szene in der Nachspielzeit vor Augen hatte.

Rot-Weiss führte mit 2:1 und wackelte. Lippstadt hatte sich auf rechts durchgespielt, und der Ball kam sauber adressiert zu Janik Steringer, der drei Meter unbewacht vor dem gegnerischen Tor wartete. Entsetzen auf den Rängen. Doch unglaublich: Der Lippstädter scheiterte an Keeper Jakob Golz, der sich in den Ball warf und das Unheil abwehrte. Aber was war das für eine Einladung? Steringer stand da und fasste sich fassungslos an den Kopf.

Wieder einem Rückstand hinterhergerannt

Die Rot-Weissen hatten sich ordentlich abstrampeln müssen gegen den mutigen Abstiegskandidaten und mussten fast eine Stunde lang einem Rückstand hinterherrennen. Spannend war’s, nicht immer schön. In der Schlussphase geriet RWE sogar noch einmal unter Druck, auch, weil Jonas Hildebrandt wegen einer Muskelverletzung nur noch Statist war. Wechseln konnte RWE nicht mehr, denn das hatte man zuvor schon viermal.

Die Gastgeber kämpften mit allem, was sie hatten, nur Ruhe bekamen sie nicht in ihre Aktionen. Das lässt sich selbst in Unterzahl souveräner lösen. „Wir haben aufgehört, klar weiterzuspielen”, meinte Titz. Die Gäste kamen immer wieder an den Ball, Winterzugang Maximilian Pronichev erlöste schließlich seinen neuen Arbeitgeber und tat das, wofür er verpflichtet worden ist. Er machte mit Schlusspfiff das 3:1, unaufgeregt und abgeklärt.

Lage im Aufstiegsrennen bleibt unverändert

Niemand mochte sich später ausmalen, was passiert wäre, hätten die Rot-Weissen als Aufstiegsanwärter erneut vor eigenem Publikum gegen ein Kellerkind Punkte liegen gelassen. So wie damals gegen Homberg - oh, Gott, nein - unvorstellbar. So aber bleibt die Lage im Aufstiegsrennen unverändert. Weil der Tabellenzweite SC Verl einen Tag später in Mönchengladbach mit 3:2 gewann, bleibt RWE sechs Punkte hinter den Ostwestfalen. Und am Mittwoch im Nachholspiel gegen TuS Haltern (19.30 Uhr, Lohrheidestadion) geht das Spielchen von vorn los.

„Es war ein gutes Spiel des SV Lippstadt”, sagte Bechtold. „Natürlich wussten wir, wie dominant RWE ist. Ich glaube, meine Mannschaft hat heute aber gezeigt, dass sie absolut bereit ist, den Abstiegskampf anzunehmen. Es ist frustrierend und schade, dass wir uns für die harte Arbeit nicht belohnt haben, aber unterm Strich ist der Sieg für RWE verdient.”

Mit etwas Glück wäre 2:0-Führung möglich gewesen

Und richtig, mit etwas Glück hätte Lippstadt in der ersten Halbzeit sogar mit 2:0 in Führung gehen können. Immer wieder gibt es Situationen, in denen es die Rot-Weissen ihrem Gegner einfach zu leicht machen. Beim 1:0 (14.) war es die schon oft kritisierte Inkonsequenz in der Abwehrarbeit. RWE verlor trotz Überzahl im Mittelfeld den Ball, und sogleich war Haus der offenen Tür: Pass auf Matriciani, Sprint, Pass nach innen, Kaiser, Tor. Das geht zu einfach.

Ähnlich die Situation in der 35. Minute. Wieder wurden die Roten in Überzahl überspielt, Liehr bekam den Ball 14 Meter vor dem Tor völlig freistehend, doch Hahn blockte ab. Allerdings hatte auch RWE genügend Gelegenheiten auszugleichen, auch einen Handelfmeter hätte es geben müssen, wie Titz versicherte. Die mangelnde Chancenverwertung in der ersten Hälfte hatte dem Trainer natürlich ebenfalls nicht gefallen.

Moral und als Mannschaft Stärke gezeigt

Die Erlösung ließ auf sich warten. Marcel Platzek glich nach einem Eckball und einer Kopfball-Vorlage von Hahn aus (69.), der eingewechselte Hamdi Dahmani traf sehenswert von der Strafraumgrenze (73.).

„Wir haben Moral und als Mannschaft Stärke bewiesen”, fand Torschütze Pronichev. Und Trainer Titz fasste zusammen: „Wir mussten alles in die Waagschale werfen, weil der Gegner seine Torchance genutzt und unglaublich leidenschaftlich verteidigt hat. Da rennst du hinterher, musst aber immer auch auf Konter aufpassen.”

Bemerkenswert sei es gewesen, mit welcher Moral die Mannschaft aus der Kabine gekommen und vom Stadion nach vorne gepeitscht worden sei. Der Mythos Hafenstraße, immer wieder ins Spiel gebracht, gegen Lippstadt konnte man ahnen, wovon die Rede ist. „Es war ein hart erkämpfter Sieg, gegen einen wirklich guten Gegner”, schloss Christian Titz. Trösten konnte es den Verlierer aber nicht.

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