Das Leben ist (k)ein Ponyhof

Familiensache Pferdezucht

Pferdezüchterin Andrea Harbig mit ihren Kindern – und auch die Pferde sind verwandt: Vorne die Tochter, hinten die Mutter.

Pferdezüchterin Andrea Harbig mit ihren Kindern – und auch die Pferde sind verwandt: Vorne die Tochter, hinten die Mutter.

Foto: Fabian Vogel

Gevelsberg.  Wie werden eigentlich Pferde gezüchtet und was löst das beim Besitzer aus? Andrea Harbig aus Asbeck erklärt.

Bei Betrachtung der restlichen Proportionen wirken die Beine noch ein wenig zu lang, die ersten Schritte sehen entsprechend etwas staksig aus. Elf lange Monate hat Andrea Harbig auf diesen Anblick gewartet, das Leuchten in ihren Augen verrät, welches Glück sie bei dem Anblick des gerade zur Welt gekommenen Fohlens ihrer Lieblingsstute empfindet. Harbig züchtet Pferde, sie hat das Wunder der Geburt bei den Vierbeinern schon oft miterlebt. Dennoch ist jedes neue Fohlen für sie etwas ganz besonderes.

20 Mal war sie jetzt schon dabei, als ein Fohlen das Licht der Welt entdeckte. Trotz allem ist sie vor jedem Mal aufs neue gespannt, wenn nach elf Monaten Schwangerschaft ein neues Pferd die Erde betritt. „Man weiß bei Pferden vorher nie, welches Geschlecht, welche Fellfarbe oder welche Besonderheiten es hat“, weiß die erfahrene Pferdezüchterin. In den ersten Momenten nach der Geburt, die im Vergleich zur Geburt eines Menschen deutlich kürzer ist, weiß sie, was für ein Pferd sie aus ihrer Züchtung bekommt. Wünsche gibt es immer, in Erfüllung gehen die aber nicht jedes Mal.

Erster Herzschlag nach 40 Tagen

Doch bis das Wunder der Geburt tatsächlich stattfindet, ist es ein langer Weg. Andrea Harbig redet aus Erfahrung, ihre Schilderungen klingen pragmatisch. Was nichts damit zu tun hat, dass jede einzelne Zucht für sie nicht mehr speziell ist, viel mehr gehören gewisse Dinge einfach dazu, wenn ein Hengst gefunden werden muss.

„Es gibt Präsentationen, da kann man sich die Hengste ansehen“, sagt sie. Doch nicht nur im realen Leben zeigen sich die Tiere öffentlichkeitswirksam, auch in den sozialen Medien sind sie präsent. „Jeder Deckhengst, der etwas auf sich hält, hat auch ein Facebook-Profil“, sagt Harbig. Werbung gehört eben dazu für die Hengsthalter, wenn sie die Samen ihres Tieres anbieten.

Ist ein Hengst ausgesucht, wird gewartet bis die Stute rossig ist -- das Fachwort für die Empfängnisbereitschaft eines Pferds. Die Befruchtung erfolgt heutzutage in der Regel künstlich wenn der Eisprung der Stute im Vorfeld per Ultraschall genau vorhergesagt werden konnte. Nach der Besamung heißt es dann warten – 16 Tage lang. Dann erfolgt eine weitere Ultraschalluntersuchung, bei der festgestellt wird, ob bei der Besamung alles glatt gelaufen ist und die Stute aufgenommen hat.

„Nach 40 Tagen kann man dann zum ersten Mal das Herz schlagen sehen“, weiß Andrea Harbig. Die Aufregung wächst dabei von Tag zu Tag. Für Harbig ist es fast so als wäre sie selbst schwanger – auch wenn es von der körperlichen Wahrnehmung klare Unterschiede gibt.

Nach 30 Minuten schon auf den Beinen

Denn ein Pferd bleibt in Form, als Fluchttier ist es darauf angewiesen, immer schnell in Sicherheit laufen zu können. Rein äußerlich ist dem Tier, anders als beim Menschen, die Schwangerschaft erst in den letzten Wochen deutlich anzusehen. „Da vertraut man einfach auf die Natur“, sagt Harbig aus ihrer Erfahrung.

Nach langem Warten ist es dann doch so weit. Während die Stute auf der Seite liegt, gebärt sie ihr Fohlen. Meistens fünf Minuten, maximal 15 Minuten, dauert es dann bis das Fohlen vollständig den Körper der Mutter verlassen hat. Erst mit den Vorderfüßen, dann mit dem Kopf. „Das ist einfach toll zu beobachten“, sagt Harbig. Eine halbe Stunde später steht das Fohlen dann auf eigenen Beinen und läuft die ersten Meter mit seiner Mutter – was dann gar nicht mehr staksig aussieht.

„High-Tech hat auch in der Pferdezucht Einzug gefunden“, sagt Andrea Harbig und lacht. Der Grund dafür liegt in dem sogenannten System „Birth Alarm“, dass die Züchter rechtzeitig darüber informiert, wenn die Geburt bei einem Pferd eingeleitet wird. Das sorgt für Sicherheit bei Tier und Besitzer.

Zwar gehen laut Harbig 99,9 Prozent der Geburten auch ohne die Beobachtung oder Hilfe vom Menschen erfolgreich über die Bühne, um aber ganz auf Nummer sicher zu gehen, wird das System „Birth Alarm“ installiert. Dabei wird dem Pferd ein Melder in die Schamlippen eingenäht, der sich meldet sobald die Kontraktionen der Wehen einsetzen.

Der eingesetzte Transmitter erkennt dies und wählt nach 7,6 Sekunden die vorprogrammierten Telefonnummern. „Dann klingelt unser Handy und wir schauen nach der Stute“, erklärt Andrea Harbig. So können Andrea und ihr Mann Sascha, der als mobiler Tierarzt selbstständig ist, der Stute bei der Geburt helfen, wenn es nötig werden sollte. Rechtzeitig vor Ort sind die beiden in jedem Fall – dank der Technik im Stall.

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