Reportage

Fußballabend in der Kneipe: VIP-Lounge des einfachen Mannes

Dane hat Geburtstag. Aber Dane muss auch arbeiten. Der Kellner im Hürter bekennt dabei Farbe.

Dane hat Geburtstag. Aber Dane muss auch arbeiten. Der Kellner im Hürter bekennt dabei Farbe.

Foto: Heinrich Jung

Bottrop.   König Fußball füllt nicht nur deutsche Fußballstadien. Schalke gegen Wolfsburg im DFB-Pokal. Ein ganz normaler Fußballabend an Hürters Theke.

Die meisten Emotionen verursacht ein schlafendes Kind. Als gegen 22:30 Uhr auf dem Fernsehbild aus der Arena auf Schalke ein Junge gezeigt wird, dem im Fußballstadion die Augen zugefallen sind, lacht die ganze Gaststätte befreit auf. Denn die Stimmung ist doch sehr angespannt, die Nervosität ist groß bei Hürter, einer typischen Kohlenpottkneipe aus den 60er-Jahren. Fast alle Gäste dieses Abends nämlich fiebern mit Schalke 04, dessen DFB-Pokalspiel gegen den VfLWolfsburg auf einem großen Bildschirm und einer Leinwand gezeigt wird.

Hier treffen sich sachkundige Fußballanhänger

„Das wird noch eng, wir werden noch ganz schön zittern müssen“, fürchtet Horst, ein rüstiger Rentner. „Meine Güte!“, entfährt es Ecki, als Leon Goretzka in der 84. Minute den Kopfball von Didavi klärt. „Oh je, oh je“, jammert ein anderer. Es herrscht eine herzliche Stimmung im Lokal in der Gladbecker Straße, sachkundige Fußballanhänger, die an „ihrem“ Klub hängen, weder laut noch fanatisch – eine sehr angenehme Atmosphäre. Fast alle hier drücken den Schalkern die Daumen.

Es sind Arbeiter, Studenten und etliche Rentner, daneben auch ein Arzt und zwei Unternehmer – überwiegend männliches Publikum. Fast den ganzen Abend ist neben Wirtin Ramona Fleer nur eine Frau in der Kneipe. Keiner allerdings ist äußerlich als Schalkefan zu erkennen, der einzige im Trikot ist Dane, der Kellner, der an diesem Tag seinen 30. Geburtstag hat und ganz normal zur Arbeit geht. Sein Sportdress ist schwarz-grün, nicht königsblau. „Das Ausweichtrikot“, erklärt Dane. „Das ist schöner. Bei den blauen Heimtrikots gefällt mir das Design nicht so.“

Golf und Formel 1 laufen nicht

Fußball ist ein wichtiger Faktor bei Hürter; beim Finale einer Welt- oder Europameisterschaft oder wenn Schalke sonntags spielt, lässt Wirtin Ramona Fleer, seit sechs Jahren hier die Chefin, sogar den einzigen Ruhetag der Woche ausfallen.

Sie hat Abos der beiden Sender, die die Bundesliga zeigen und zahlt dafür im Jahr eine fünfstellige Summe – da müssen schon etliche Biere durch den Zapfhahn laufen. Ramona Fleer überlegt, ob sie sich das Bezahlfernsehen auch in Zukunft leisten kann, denn große Teile des Angebots nutzen ihr nichts. „Mit Golf und Formel 1 kann ich nichts anfangen“, argumentiert sie – auch die vielen langweiligen Partien wie Hoffenheim gegen Hannover bescheren ihr keinen zusätzlichen Gast. „Aber es ist eine schöne Community“, meint sie, die mag sie nicht missen.

Die Gaststätte hat zwei große Räume, eine halbe Stunde von Spielbeginn verlieren sich 13 Leute darin. „So leer hab ich das noch nie erlebt“, analysiert Udo, der wie immer im Saal hinten mit vier Männern in den Sechzigern vor der großen Leinwand sitzt, nebeneinander am mittleren Tisch, vor sich fünf volle Biergläser: „Wir sind hier die VIP-Lounge!“ Hans-Josef sagt: „Es ist immer brechend voll, wenn Schalke spielt.“

Das Spiel am Werktagabend ist im frei empfangbaren Fensehen zu sehen

Dieser Abend bildet aber eine Ausnahme: Das späte Spiel am Werktagabend ist im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen, Altweiberfastnacht steht vor der Tür und es ist bitterkalt draußen. Franz-Peter nennt noch einen Grund: „Der ganze Tisch da vorne ist im Stadion, 15 oder zwanzig Mann.“ Samstags ist es immer viel voller. „Gegen Dortmund musst du eine Stunde vorher da sein“, verrät Hans-Josef. „Da passt hier keine Maus mehr rein.“

Vor dem Anpfiff an diesem Mittwochabend läuft aus der Arena das Steigerlied mit Bildern von unter Tage. „Ah“, raunt Peter. „Noch zehn Monate, dann ist es vorbei!“ 17 Gäste sind es inzwischen, einer isst Salat mit dem Rücken zum Bildschirm. Als das Schnitzel kommt, fällt das 1:0 durch Guido Burgstaller. Einer der Gäste schreit seinen Jubel hinaus, die anderen bleiben ruhig. Kellner Dane meint lakonisch: „Wenigstens mal ein Goalgetter!“

"Soll ich einen Hunderter auf Sieg Wolfsburg setzen?"

Auch für den Gegner gibt es Lob. „Nicht schlecht“, sagt laut einer zur Ballführung von Wolfsburgs Malli. Und Rolf, früher Besitzer eines kleinen Autohauses in Gelsenkirchen, flachst: „Wir haben gerade ein Hotel in Berlin gebucht.“ Gemeint ist der Tag des DFB-Pokal-Endspiels, das in der Hauptstadt stattfindet. Aber es ist nur ein Scherz. Noch ist sogar das Halbfinale mindestens eineinhalb Stunden entfernt. Jürgen, der Nachbar am Stehtisch, guckt derweil auf die Handy-App eines Wettanbieters und fragt: „Soll ich einen Hunderter auf Sieg Wolfsburg setzen?“ Rolf rät zu Zurückhaltung: „Besser einen Zehner.“

„Super“, kommentiert später einer die Parade von Torhüter Fährmann, ein anderer fordert: „Komm jetzt!“ Es läuft die 32. Spielminute, Ballgeschiebe im Mittelfeld, da erscheinen fünf neue Gäste. Investigative Reporterfrage: „Was treibt euch in die Kneipe?“ Die Antwort ist so kurz wie präzise und ruhrgebietstypisch: „Durst!“ Das Quintett nimmt weit entfernt vom Großbildschirm Platz.

In der Halbzeitpause ziehen einige Männer ihre dicken Jacken an und gehen zum Rauchen vor die Tür. Das Spiel ist mäßig, der Vorsprung klein, aber Hans-Jürgen glaubt fest an einen 3:1-Sieg: „Für mich ist das Glas immer halbvoll.“

An Nachbartisch schlägt Rolf vor: „Den Goretzka muss er eigentlich rausnehmen!“ Es wird intensiv, aber unaufgeregt diskutiert. „Schalke reagiert nur noch“, schimpft dann einer in der zweiten Halbzeit, als nun drei Dutzend Menschen in der Gaststätte sind, ein anderer fragt: „Warum die jetzt keinen Druck machen?“ Ein Gegentor und es gäbe Verlängerung, die wäre gut für den Umsatz. Doch Kellner Dane winkt ab: „Nee, nee, bloß nicht. Das wäre der Super-GAU.“ Denn nach Ablauf der normalen Spielzeit wollen Helfer kommen um eine Bühne aufzubauen für die Altweiberparty am Tag danach.

Um halb vier ist Schicht im Schacht

Die Begegnung im 17 Kilometer entfernten Stadion wird nicht besser, gegen Ende hat Wolfsburg noch Torchancen – die Leute im Hürter werden unruhig. Aber hier haben sie wenigstens Leidensgenossen. „Natürlich könnte ich auch zu Hause gucken“, sagt Udo. „Aber hier ist doch die Stimmung viel besser, allerdings nicht ganz so gut wie im Stadion.“ Und Klaus sinniert: „Daheim ist warm, aber ich steh hier neben der Pflaume.“ Er meint den Nebenmann, der grinst und nochmal zwei Pils bestellt.

Vier Minuten Nachspielzeit in der Arena, die letzte Geduldsprobe in der Ruhrpottkneipe. Es sind davon erst 3:18 Minuten vergangen, da schreit jemand: „Eh! Ist doch längst um die Zeit!“ Damit ändert er aber nichts am Gang der Dinge. Erst eine knappe Minute später ist das Spiel in Gelsenkirchen zu Ende, gedämpfter Jubel in Bottrop um 22:39 Uhr. Jetzt wollen viele schnell bezahlen, zehn Minuten später ist die Kneipe fast leer.

Auf der Leinwand läuft jetzt ein Interview mit Torschütze Burgstaller, eine Stehleiter verdeckt teilweise das Fernsehbild, die zwei inzwischen angekommenen Monteure mühen sich schon mit der Bühne für den Altweibertag, an dem die Gaststätte dann brechend voll sein wird. Bis dafür alles geschmückt ist und die Wirtin ihr Lokal abschließt, wird es halb vier in der Nacht. Ramona Fleer ist zufrieden mit dem Abend: „Der harte Kern war wie immer da. Es sind halt Menschen, die gerne Worte wechseln.“

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