Boxsport

Bonk über Boxer Dieter Renz: „Er konnte niemandem wehtun“

Alfred Bonk (und Lore Jakobi) bei der Enthüllung einer Gedenktafel an der DIeter-Renz-Halle in Bottrop im Juli 2019.

Alfred Bonk (und Lore Jakobi) bei der Enthüllung einer Gedenktafel an der DIeter-Renz-Halle in Bottrop im Juli 2019.

Foto: Thomas Gödde / FUNKE Foto Services

Vor 50 Jahren verunglückte Dieter Renz. Im Interview erinnert sich Kollege Alfred Bonk an Renz und die besten Zeiten der Bottroper Boxer.

Freddy Bonk ist einer der großen Bottroper Boxer der 60-er Jahre. Wie Dieter Renz 1943 geboren, kämpfte er bis 1968 für die Boxfreunde Bottrop, danach für den Bundesligisten Ringfrei Mülheim. Er absolvierte 250 Kämpfe, von denen er 190 gewann, die meisten durch K.o. Dem stehen 40 Unentschieden und 20 Niederlagen gegenüber. Zweimal wurde Bonk auch in die Nationalstaffel der Bundesrepublik Deutschland berufen.

Bei der Einweihung der Gedenktafel an der Renz-Halle im Juli sagten Sie, Sie wären gerne auch solch ein guter Mensch wie Dieter gewesen. Wie meinen Sie das?

Bonk: Dieter war jemand, der hat jedem geholfen und konnte keinem wehtun.

Keinem wehtun, als Boxer?

Es ist ja kein Zufall, dass er nie einen Kampf durch einen klassischen K.o. gewonnen hat. Schon mal durch Abbruch oder weil der Ringrichter wegen seiner Überlegenheit den Kampf beendet hat. Aber nie, dass sein Gegner wirklich umgefallen ist. Er hatte auch einen ganz komischen Boxstil, damit kam niemand zurecht. Normal haben Boxer den Oberkörper vorn, aber er kämpfte eher nach hinten gebeugt …

Wie Mohammed Ali?

Genau. Er hatte lange Arme und kam so immer über die anderen weg. Einmal hat er sich in der ersten Runde den Kiefer gebrochen – mit der Niederrheinauswahl in der Frankfurter Jahrhunderthalle, da hat er weitergeboxt und noch gewonnen. Das müssen wahnsinnige Schmerzen gewesen sein.

Wie haben Sie von seinem Tod erfahren?

Ich war damals bei einer Straßenbaufirma auf einer Baustelle in Unna. Da wurde ich ans Telefon gerufen, Handys gab es ja noch nicht, und meine Frau hat es mir gesagt. Das war schlimm.

Sie haben ja zusammen mit Dieter Renz zu boxen begonnen?

Ja, komisch, sogar am selben Tag im Jahr 1954, obwohl wir uns gar nicht kannten. In der Prosperstraße in der Halle des Polizeisportvereins. Ich hab mich da ohne Erlaubnis meines Vaters hingeschlichen und sogar seine Unterschrift unter der Einverständniserklärung gefälscht. Erst bei den ersten kleinen Berichten in der Zeitung hat er es gemerkt und war dann auch stolz.

Wurde viel berichtet in der Zeitung?

Eigentlich nicht. Erst, als dann Günter Koch Deutscher Meister wurde, kamen ein paar Artikel. Einmal hat der WAZ-Fotograf Schweitzer mich bei einer Wehrübung begleitet und darüber wurde berichtet. Es gab da an der der WAZ-Geschäftsstelle einen gläsernen Schaukasten, da wurde ein Bild von mir mit Gewehr gezeigt und der Unterschrift: „Freddy Bonk nimmt seine Braut in den Arm.“

Wie war Ihr Boxstil?

Ich war ja so ein Hänfling mit dünnen Armen. Das bin ich immer noch, obwohl ich neunzig Kilo wiege. Aber ich hatte so eine Schlagtechnik und damit mehr als die Hälfte meiner Kämpfe durch K.O. gewonnen. Deshalb war ich in Bottrop beliebt, denn die Zuschauer sehen so etwas gerne.

Wo war das?

Im Lichthof der Berufsschule – und es war immer voll.

Dort, wo heute die Konzerte stattfinden?

Klar. Wir haben immer am Tag vorher den Boxring aufgebaut, der lagerte dort im Keller. Darum herum waren Stühle und in der ersten Etage und im zweiten Stock an den Geländern waren die Stehränge. Oft waren 2.000 Leute da. Selbst die Fußballer vom VfB haben sich bemüht, nie zeitgleich mit uns zu spielen, damit sie keine Zuschauer verloren. Der Lichthof war damals die schönste Boxarena in ganz Deutschland.

Ein VfB-Spieler hat doch sogar bei Ihnen mittrainiert?

Fred Bockholt, der Torwart. Dem gefiel unser Konditionstraining so gut, da hat er ein paar Mal mitgemacht. Das hat unser Trainer Heinke dann ausnahmsweise erlaubt, aber geboxt hat Fred natürlich nicht.

Wie oft haben Sie trainiert?

Dreimal die Woche, aber ich hab das nicht so ernst genommen und meine Karriere selbst ein bisschen versaut. Mich haben Frauen immer mehr interessiert; nach dem Training stand immer schon unten eine (vor der Halle, Anm. der Red.). Ich hab übrigens nie einen K.o. gekriegt, ich konnte auch was einstecken.

Haben Sie denn Geld gekriegt?

Höchstens mal fünf Mark, wenn wir zu Schilling kamen. Später in den 70er Jahren, als ich in der Bundesliga für Mülheim boxte, waren es dann auch schon mal fünfzig Mark und die Stars haben vielleicht auch mehr bekommen.

Gab es sonst Unterstützung?

Von wegen! Wenn das Boxen zu Ende war, sind Vorstand und Zuschauer sofort zum Schilling ins Vereinslokal und wir mussten abbauen. Nur Trainer Günther Heinke hat immer mitgeholfen.

Mitte der 60er-Jahre stellten die Boxfreunde Bottrop doch die halbe Niederrheinauswahl?

Genau. Die Koch-Brüder Günther und Hansi, Dieter Renz, Hansi Grube und ich. Zehn Boxer und fünf davon aus Bottrop. Wenn es damals schon eine Bundesliga gegeben hätte, wären wir einer der Favoriten gewesen. Günter Koch und Dieter Renz waren ja Deutsche Meister und auch ich war zweimal in der Nationalstaffel, bei Länderkämpfen in Wesel und Köln. Im Fußball würde man sagen, ich hab auf der Bank gesessen und war als Ersatzmann vorgesehen. Wir hatten eine Kampfgemeinschaft mit Wesel, die hatte auch noch zwei Deutsche Meister, Schmellenkamp und Tepper, das war schon eine prima Truppe. Oberhausen, Hamborn 07 und Mülheim waren auch stark, aber die hatten oft nur einzelne gute Boxer.

Haben Sie mit Bottrops Boxern nur hier in der Gegend gekämpft?

Nein, man hat viel gesehen. Wir haben in Barcelona geboxt, in London. Auch gegen englische und US-amerikanische Militärauswahlen. Und im Osten waren wir sehr oft.

Wie waren die Reisen in die DDR?

Wir sind bis Helmstedt (Grenzübergang von West- nach Ostdeutschland bis 1989, Anm. d. Red.) mit dem Bus und mussten dort aussteigen. Da stand ein DDR-Bus; von Aufmachung und Optik haben die Busse Welten getrennt. Die Fenster waren zugeklebt, damit wir nicht rausschauen konnten, denn außer in Berlin waren da ja nur Trümmer. Wir waren unter anderen in Cottbus und Schwerin, alles sehr gut organisiert. Wir mussten aber vorher zum militärischen Abschirmdienst und wurden instruiert, was uns erwartet. Am Ziel kamen immer DDR-Agentinnen zum Bus, die haben wir abends getroffen und die haben uns ausgefragt. Einmal hab ich eine tolle Frau kennengelernt, die schrieb mir dann, dass sie schon alles klar gemacht hätte. Ich sollte nach Moskau kommen, hätte dort Arbeit und könnte dort boxen. Hab ich natürlich nicht gemacht. Eins weiß ich noch: Überall im Land war es ja relativ dunkel, aber die Transitautobahn war so hell ausgeleuchtet, da konntest du nachts jede Fliege über die Straße gehen sehen. Wenn du heute noch an diese deutsche Grenze denkst, kriegste Gänsehaut.

Waren Sie denn in letzter Zeit noch mal hier beim Boxen?

Lange nicht mehr. Hier in der Gegend gibt’s ja eigentlich nichts mehr, schon gar kein Amateurboxen.

Und im Fernsehen?

Da gucke ich schon mal, doch leider gibt es dort überhaupt nie Amateurboxen. Der letzte, der mich wirklich fasziniert hat, war Henry Maske. Der erste, der mit Musik in den Ring eingezogen ist, ein richtiger Gentlemanboxer. Sah toll aus, das hat die Leute begeistert. Er war wie viele aus dem Osten so eingestellt, das er nicht auf einen K.O. aus war. Der Dieter Renz war ja auch so einer. Wenn er gesehen hat, dass er total überlegen ist, hat er sich zurückgehalten.

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