Leichtathletik

Tatjana Pinto: In Berlin Außenseiterin – aber selbstbewusst

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Sprinterin Tatjana Pinto beim Medientermin wenige Tage vor den Deutschen Meisterschaften am Wattenscheider Olympia-Stützpunkt.

Sprinterin Tatjana Pinto beim Medientermin wenige Tage vor den Deutschen Meisterschaften am Wattenscheider Olympia-Stützpunkt.

Foto: Rainer Raffalski / FUNKE Foto Services

Wattenscheid.  Tatjana Pinto geht bei der DM gesund an den 100-Meter-Start. Favoritin ist sie nicht, aber gerade in Berlin macht ihr das überhaupt nichts aus.

In der Bestenliste dieser Saison sucht man ihren Namen vergeblich. Einen einzigen Wettkampf-Sprint hat Tatjana Pinto in dieser Saison gemacht – 11,84 Sekunden brauchte sie (bei Gegenwind) vor zehn Tagen in Marseille. Keine nennenswerte Zeit für die Sprinterin, die als großes Karriereziel hat, einmal die 11-Sekunden-Marke zu unterbieten. Nicht weniger ist der Anspruch für Tatjana Pinto – die deshalb auch ohne besondere Vorleistung selbstbewusst bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften an den Start geht, ihren ersten im Trikot des TV Wattenscheid 01. In Berlin – ausgerechnet Berlin.

Pinto startet am Samstag im 100-Meter-Wettbewerb an dem Ort, an dem sie vor drei Jahren zum bislang letzten Mal DM-Gold gewann. „Auch letztes Mal war ich nicht die Favoritin“, sagte Pinto am Dienstag in der Medienrunde des TV 01 angesprochen auf ihre Chancen – und klang dabei so trotzig wie entschlossen. Dass die 11,84 aus Marseille kein Maßstab sind, ist klar für die dreifache Olympia-Teilnehmerin und Deutsche 100-Meter-Meisterin von 2014, 2016 und 2019.

Tatjana Pinto mit großer Vorfreude aufs Berliner Olympiastadion

Mit diesen Titeln und dem medialen Fokus auf dem Sprint hat sie sich einen Status erarbeitet, wie ihn nicht viele deutsche Leichtathletinnen haben. Ihr Gesicht ist auf überdimensionalen Werbebannern auch in der Bochumer Innenstadt zu sehen. „Ich werde öfter drauf angesprochen. Das ist schon eine Wucht, aber auch eine Ehre“, findet Pinto. „Vor allem aber ist es gut, diese Unterstützung zu erfahren.“

Mindestens genauso groß wie Tatjana Pintos Ehrgeiz ist an diesem Wochenende aber die Vorfreude: „Ich freue mich einfach. Berlin ist echt cool“, sagt sie vor ihrer Rückkehr ins Olympiastadion mit der markanten blauen Bahn, die als besonders schnell gilt. Aber nicht nur die macht für Pinto den Reiz aus in der Hauptstadt: „Es ist die gesamte Atmosphäre, das Flair – das ist schwer zu beschreiben“, versucht sie es in Worte zu fassen und sagt dann: „Es ist einfach ein cooles Gefühl, aus den Katakomben in dieses riesige Stadion hineinzukommen.“

Die Verletzung aus dem Winter ist überstanden

Für Pinto ist es keine Selbstverständlichkeit, bei diesen Leichtathletik-Festtagen dabeizusein, die vergangenen Monate waren hart. Sie wird in zwar wenigen Tagen 30 Jahre alt, ist damit die älteste Starterin im Feld. Dass sie aber Außergewöhnliches leisten kann, hat sie zuletzt in der Halle bewiesen. In Leipzig (auch da liegt eine blaue Bahn) steigerte sie sich zweimal, schlug im Finale unter anderem Lückenkemper und holte sich den Meistertitel. Das ist am Sonntag vier Monate her.

Nach dem Meistertitel war Pinto eigentlich fest entschlossen, noch bei der Hallen-WM zu starten, verletzte sich aber im Training am Oberschenkel. Wochenlang musste sie aussetzen, konnte erst spät in die Saison einsteigen. „Ich fühle mich gut“, sagt sie jetzt aber.

Anders als im vergangenen Jahr habe sie sich bewusst Zeit genommen. „Es war gut, dieses Jahr alles in Ruhe aufzubauen. Es wird eine lange Saison, mit zwei, eigentlich drei Höhepunkten.“ Natürlich stehen in Pintos Kalender auch die Weltmeisterschaften in Eugene/USA im Juli sowie die Heim-Europameisterschaften in München im August. Ihr Ticket dorthin sollte sie über die Staffel sicher haben. Um bei der WM auch alleine starten zu dürfen, müsste sie am Samstag eine Zeit unter 11,15 Sekunden abliefern.

Favoritin Gina Lückenkemper warnt vor ihren Konkurrentinnen

Wenn sie sich Druck macht, dann lässt Tatjana Pinto sich das aber nicht anmerken: „Ich bin vor allem froh, dass ich gesund bin nach meiner Verletzung. Auch im Kopf ist da eine Hürde, gesund wieder rauszukommen.“ Das sei das wichtigste – nun gehe es einfach darum, ihre beste Leistung abzurufen, alles rauszuholen, was drin ist.

So wie 2019, als sie auch aus einer Verletzung kam und in Berlin zu Höchstform auflief, unter anderem Favoritin Gina Lückenkemper besiegte. Die betonte im Sportschau-Interview vor der DM nun, sie wolle ihre Konkurrenz nicht unterschätzen.

„Einige haben in dieser Saison noch nicht zeigen können, was sie drauf haben. Ich bin definitiv nicht die Einzige, die an den Start geht, die hart gearbeitet und trainiert hat. Und die in einer Wettkampfatmosphäre aufblühen und über sich hinauswachsen kann“, so Lückenkemper. Genau darauf setzt Tatjana Pinto. Für 17.53 Uhr am Samstag sind die Halbfinals angesetzt, für 19.30 Uhr, als letzter Wettkampf des Tages, das Finale.

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