Insolvenz

SG-Wattenscheid-Spieler wollen trotz Finanzkrise alles geben

Nico Buckmaier (l.) hat mit und bei der SG Wattenscheid 09 schon viel erlebt. Die aktuelle Situation belastet aber auch ihn.

Nico Buckmaier (l.) hat mit und bei der SG Wattenscheid 09 schon viel erlebt. Die aktuelle Situation belastet aber auch ihn.

Foto: Thorsten Tillmann

Wattenscheid.  Bei der SG Wattenscheid ist es laut Insolvenzverwalterin, „fünf Sekunden vor Zwölf“. Der Kapitän verrät, wie die Mannschaft damit umgeht.

Das Statement von Insolvenzverwalterin Dr. Anja Commandeur klingt niederschmettern: „Es ist fünf Sekunden vor Zwölf. Ein 110-jähriger Traditionsverein inklusive mehrerer hundert Jugendspieler droht komplett zu verschwinden.“ Um die SG Wattenscheid 09 steht es schlecht, niemand weiß, wie es weitergehen wird. Kapitän Nico Buckmaier erklärt im WAZ-Interview, wie die Mannschaft die Situation in der Woche vor dem Auswärtsspiel bei Tabellenführer SV Rödinghausen (Samstag, 14 Uhr) verarbeitet.

Nico Buckmaier, konnte diese Nachricht Sie noch schocken?
In der Vergangenheit habe ich schon Artikel gelesen, in denen stand, dass es schon fünf nach zwölf ist. Das ist allerdings schon ein paar Jahre her. Die finanziellen Schwierigkeiten gehören einfach seit lange Zeit zur SG Wattenscheid 09. Wir alle wussten, wie die Situation ist. Aus diesem Grund konnten mich die Aussagen darüber, wie eng es tatsächlich ist, leider nicht mehr richtig schocken.


Dem Verein droht das endgültige Aus. Haben Sie mit Ihrem Vater schon darüber gesprochen?
Mit ihm bin ich ja regelmäßig im Austausch. Wir sprechen selbstverständlich darüber, dass die Situation nicht einfach ist. Er hängt ja immer noch voll mit drin. Er fragt oft nach, aber ich kann ihm nur selten positive Nachrichten übermitteln.



Wie haben die Mannschaftskollegen reagiert, nachdem am Donnerstagmorgen bekannt wurde, wie es um den Verein bestellt ist?
Es war eine ganz komische Stimmung, ein ganz seltsames Gefühl. Plötzlich gibt es diese Frist, bis zu deren Ablauf sich alles entscheiden kann. Das Gefühl ist zwar nie ganz weg, sobald man auf dem Platz ist. Aber in unserer Mannschaft vergisst niemand, dass er gerne Fußball spielt und deshalb zum Training oder zum Spiel kommt. Und jeder, der zur Mannschaft gekommen ist, hatte im Hinterkopf, dass es hier finanzielle Schwierigkeiten gibt. Dieser Zustand nervt manchmal, den Trainer sicher noch mehr als uns Spieler.


Was haben Sie nach der Nachricht besprochen?
Für uns wäre es die schlechteste Einstellung, den Kopf in den Sand zu stecken. Außerdem wissen wir, dass es uns Spielern hilft, wenn wir bis zum letzten Tag - wann immer der sein mag - alles geben und so einen guten Eindruck hinterlassen. Wir sind hierhin gekommen, um erfolgreichen Fußball zu spielen. Natürlich gibt es die eine oder andere Ausrede, es nicht zu tun. Aber es geht für sich selbst und für die Mannschaft darum, da ordentlich rauszukommen.


Wie denken Sie darüber, dass auch der Jugendabteilung die Schließung droht?
Wenn man das Gesamtkonstrukt sieht, ist das sicher das schwerstwiegende Problem. Wenn so ein Verein mit so vielen jungen Fußballern einfach von der Bildfläche verschwinden würde, wäre das eine Katastrophe. Das sollte allen um Umfeld klar sein: Es geht nicht nur um den Halbprofi-Fußball, den wir spielen, sondern auch um viele junge Spieler und deren Eltern, die am Verein hängen.


Könnten Sie sich überhaupt vorstellen, dass es den Verein eines Tages nicht mehr gibt?
Das ist sehr schwer vorstellbar. Seit meine Mutter mich damals mit ins Stadion genommen hat, gab es kein Jahr, in dem es Wattenscheid 09 nicht gab. Ich habe einen Teil meiner Fußball-Jugend bei der SGW verbracht und sieben von neun Jahren im Senioren-Bereich. Um es elegant auszudrücken: Es wäre schon sehr komisch und gewöhnungsbedürftig.



Können Sie die damit verbundenen Emotionen zurückhalten?
Jetzt, da wir darüber sprechen, nimmt dieses Szenario tatsächlich Formen an. Momentan ist das noch ein Schwebezustand. Sollte es eines Tages aber tatsächlich so sein, wird es einige Leute geben - nicht nur in Wattenscheid, sondern deutschlandweit - die erst einmal schlucken müssen.


Nun muss die Mannschaft nach Rödinghausen reisen und gegen den Tabellenführer spielen. Wollen Sie dort ein Signal setzen?
Da müssten wir uns nicht extra Rödinghausen rausnehmen. Wir können jede Mannschaft an jedem guten Tag schlagen. Aber es kommt extrem auf die Einstellung an. Spielerisch können wir an einem guten Tag auch mir Rödinghausen mithalten. Auch wenn sie bis jetzt sehr konstant unterwegs sind. Aber es wäre nicht als Wunder zu betiteln, wenn wir da dreifach punkten.

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