Fußball

Hilker wird 90: Der Mann, der die erste Rote Karte zeigte

Zeitzeuge: Wilfried Hilker mit einem Zeitungsausschnitt vom 9. Dezember 1968. Er hatte Gerd Müller des Feldes verwiesen.

Zeitzeuge: Wilfried Hilker mit einem Zeitungsausschnitt vom 9. Dezember 1968. Er hatte Gerd Müller des Feldes verwiesen.

Foto: Gero Helm / FUNKE Foto Services

Bochum.  Diese Marke nimmt ihm keiner. Der Bochumer Wilfried Hilker war der Schiedsrichter, der die erste Rote Karte zeigte. Freitag wird er 90 Jahre alt.

Klaus Gjazula hat in der vergangenen Saison einen neuen Rekord aufgestellt. 15 Gelbe Karten hatte bis dahin in einer Saison noch kein Bundesligaspieler gesammelt. Den zweifelhaften Rekord bei den meisten Roten Karten teilen sich mit jeweils acht Feldverweisen Jens Nowotny und Luis Gustavo. Möglich, dass diese Marke irgendwann übertroffen wird. Auf immer und ewig behalten wird Friedel Lutz seinen Zusatz. Der Spieler von Eintracht Frankfurt war der erste Bundesligaspieler überhaupt, der die Rote Karte bekam. Wilfried Hilker, der Mann, der sie ihm gab, ist mit dieser Geschichte eng verbunden. Er wird an diesem Freitag 90 Jahre alt.

Die 90 Jahre sieht und merkt man ihm nicht an. Gut gelaunt öffnet er an einem dieser warmen August-Tage die Tür seines Hauses in Bochum. Bis zu seinem runden Geburtstag sind da noch ein paar Tage hin. Das historische Datum der Bundesligageschichte liegt dagegen fast 50 Jahre zurück. Am 3. April 1971 schrieb Schiedsrichter Wilfried Hilker aus Bochum Fußball-Geschichte, als er den Frankfurter Friedel Lutz mit „Rot“ vom Platz schickte. Schon vorher hatte er mit einem Platzverweis gegen den „Bomber“ Gerd Müller für Aufsehen gesorgt – auch ohne Karte.

Entspannte Gesprächsrunde mit Lutz

Oft schon hat Hilker die Geschichte mit den Feldverweisen erzählt. 2014 hat der Kicker ihn und Lutz an einen Tisch gebracht. Es war eine entspannte Gesprächsrunde, ein Video belegt das. Es gab Kaltgetränke und Schnittchen. 1971 im Spiel Frankfurt gegen Eintracht Braunschweig ging es gerade zwischen Lutz und dem Braunschweiger Jaro Deppe nicht so friedlich zu. Deppe foulte Nationalspieler Lutz, Lutz ließ sich zu einem Revanchefoul hinreißen, trat Deppe in den Hintern. Hilker, das wusste Lutz sofort nach seiner Aktion, hatte gar keine andere Wahl, als die Rote Karte zu ziehen.

Diese Strafe war gerade erst eingeführt worden. Inzwischen haben Schiedsrichter die Möglichkeit Trainern die Rote Karte zu zeigen. 1971 sah zum ersten Mal sah ein Spieler in der Fußball-Bundesliga Rot. Kurioserweise war die Premiere zugleich auch das Finale für Hilker auf diesem Terrain: Bis zum Ende seiner Laufbahn in der Saison 1977/78 zog Hilker nie wieder die Rote Karte.

Drohungen gegen Hilker

Die Aktion mit Gerd Müller, dem Nationalspieler war vorher. Ihn verwies Hilker mit erhobenem Zeigefinger des Feldes. „Ja, die Sache mit dem Müller“, hat Hilker vor Jahren mal wieder erzählt. „Wäre er doch bloß nicht mit zehn Metern Anlauf auf Jupp Heynckes zugestürmt. Das Spiel ruhte, so war es Vorsatz.“ Es war im Dezember 1970, als die Bayern bei Hannover 96 aufliefen und Schiedsrichter Wilfried Hilker Torjäger Müller kurz vor der Pause wegen einer Tätlichkeit vom Platz warf.

Er schickte ihn mit einer Handbewegung von Feld. Die Rote Karte gab es im Dezember 1970 in der Bundesliga noch nicht. Es war dennoch ein Platzverweis mit Folgen für Müller und Hilker. Müller verpasste durch den Feldverweis die Südamerika-Reise mit der Nationalmannschaft unter Trainer Helmut Schön, Hilker erhielt zahlreiche Briefe. „Die aus dem Norden fanden es gut, dass einer wie Müller auch mal bestraft wird. Aus dem Süden kamen böse Beschimpfungen, einer hat sogar gedroht, meine Frau mit Salzsäure zu bespritzen“, sagt Hilker.

„Spieler müssen wissen, wer das Sagen hat“

Der FC Bayern ging in die Berufung, doch das Bundessportgericht bestätigt das Urteil: Müller wird für acht Meisterschaftsspiele gesperrt. „Er ist trotzdem Torschützenkönig geworden“, sagt Hilker. Ein Jahr lang wird der Bochumer bei keinem Spiel der Bayern eingesetzt. Das Wiedersehen gab es dann im Stadion an der Grünwalder Straße beim Heimspiel gegen Werder Bremen: „Man kann sich vorstellen, wie ich empfangen wurde.“

Hilker sieht sich im Rückblick als „menschlich ausgeglichenen und sehr korrekten Schiedsrichter.“ Vieles im Fußball und als Schiedsrichter sei Psychologie. „Auf dem Spielfeld den dicken Hammer zu schwingen, war nie mein Ding. Doch die Spieler müssen wissen, wer das Sagen hat.“

„Sieg-Heil-Rufe“ in Griechenland

Bei aller Souveränität werden solche Tage auch im Rückblick nicht zur Routine. Hilker könnte viele weitere Geschichten und Anekdoten erzählen. Oft erzählt er die, als er als Schiedsrichter zu einem Relegationsspiel nach Griechenland angesetzt wurde. Doxa Dramas, die Heimmannschaft stieg nach einem 0:0 ab, Hilker wurde mit lauten „Sieg-Heil-Rufen“ verabschiedet. Die Szene ist ihm immer noch in befremdlicher Erinnerung.

81 Bundesligaspiele als Schiedsrichter, dazu Europapokalspiele, ein Finale im DFB-Pokal und auch zwei Länderspiele hat Wilfried Hilker geleitet. Dabei sei er sich immer treu geblieben. Er selbst formuliert es im Rückblick so: „Immer sportlich fair, immer korrekt, ohne Makel.“ Auch als der Boss von Fiat vor einem Spiel des AC Mailand den Geldkoffer weit öffnen will. „Tue recht und scheue niemand. So habe ich es immer gehalten“, sagt er.

Buch in Planung

Tue recht und scheue niemand. Dieses Motto, diese Einstellung will er weitergeben. Schon länger überlegt er, seine Erinnerungen in einem Buch zusammenzufassen. „Das könnte dann der Titel sein“, sagt Hilker. Möglich wäre natürlich auch: Der Mann, der die erste Rote Karte zeigte.

<<<INFO
Auch außerhalb des Spielfeldes macht sich Wilfried Hilker als Schiedsrichter verdient. Von 1963 bis 1998 ist er Lehrwart im Fußballkreis Bochum. Bis zu 400 Schiedsrichter greifen zwischenzeitlich zur Pfeife.

Vier Bochumer schaffen in dieser Zeit den Sprung in die 2. Bundesliga.

Von 1978 bis 2001 ist Hilker zudem vom Deutschen Fußballbund als Beobachter bestellt. Wochenende für Wochenende reist er zu den deutschen Stadien und berichtet über die Leistungen der Schiedsrichter.

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