Leichtathletik-WM

Konstanze Klosterhalfen hat Verständnis für kritische Fragen

Eine strahlende Bronze-Gewinnerin: Konstanze Klosterhalfen.

Eine strahlende Bronze-Gewinnerin: Konstanze Klosterhalfen.

Foto: Getty

Doha.  Trotz des Wirbels um die Doping-Affäre von Alberto Salazar hat Konstanze Klosterhalfen Bronze gewonnen. Das Thema wird sie weiter beschäftigen.

Als sie endlich etwas zum Festhalten hatte, ging es schon viel besser. Nach einem packenden Sprint über 400 Meter war Konstanze Klosterhalfen mit einem ungläubigen Lächeln über die Ziellinie gelaufen. Ja, da stand es: 14:28,43 Minuten, Bronze über 5000 Meter bei der Leichtathletik-WM in Doha. Während die Siegerin Hellen Obiri (14:26,72) und Silber-Gewinnerin Margaret Kipkemboi (14:27,49) jubelnd aufeinander lagen, stand die Deutsche wie verloren da und wusste nicht wohin mit sich und ihrem Glück. Erst als ihr jemand eine schwarz-rot-goldene Fahne zuwarf, ging es ab: Die zierliche Frau hielt sich an dem Stück Stoff fest, rannte vor den deutschen Fans im Khalifa-Stadion auf und ab, lachte, hüpfte, jubelte und winkte aufgeregt.

Erste deutsche Medaille über 5000 Meter

Durch eine starke taktische Leistung in einem Rennen, in dem sie sogar blutige Beine durch Tritte der Kolleginnen ertragen musste, gewann Konstanze Klosterhalfen gleich in ihrem ersten WM-Finale eine Medaille. Es war sogar die erste, die jemals eine Deutsche über diese Distanz gewonnen hat. „Das schwierigste war, ruhig zu bleiben“, sagte die 22-Jährige. „Es ist ein gutes Gefühl, nicht die Kontrolle verloren zu haben.“

Am Tag danach war von der wilden Freude des Abends kaum etwas geblieben. Konstanze Klosterhalfens große Augen wirkten müde, selbst die langen krausen Haare hatte sie geglättet. Doch das Lächeln, das mal so schüchtern, aber immer freundlich wirkt, hatte sie nicht verloren. „Ich weiß immer noch nicht, was ich fühlen soll“, sagte die Athletin von Bayer Leverkusen. „Dass ich in meinem ersten Finale eine Medaille geholt habe, kann ich noch gar nicht richtig einschätzen.“

Klosterhalfens Erfolg steht unter Beobachtung

Ja, es ist schwer auszumachen, was man von dieser Medaille halten soll. Denn Konstanze Klosterhalfens Erfolg steht unter besonderer Beobachtung. Die gebürtige Bonnerin trainiert seit November 2018 in den USA beim Nike Oregon Project. Seit April ist sie offiziell Mitglied. Den Kontakt hatte ihr Oliver Mintzlaff hergestellt. Der Geschäftsführer von RB Leipzig ist ein Bekannter der Eltern, Klosterhalfen wird zudem von Red Bull gesponsert – was sie mit einer großen Kette um den dünnen Hals auch gerne zeigt.

Doch nun ist Alberto Salazar, Gründer und Cheftrainer des Projektes, für vier Jahre wegen Dopings gesperrt worden. Auch wenn er Einspruch einlegen will, der Ruf des Projekts ist beschädigt. Auch der von Konstanze Klosterhalfen? „Ich hoffe nicht“, sagt sie. „Ich hoffe, dass die Menschen das differenzieren können und bald wieder über die Leistungen sprechen.“

Konstanze Klosterhalfen gilt seit Jahren als das größte deutsche Lauftalent. Experten sehen in ihr die erste nicht-afrikanische Athletin, die es nach ganz oben schaffen kann. Sie hat sich kontinuierlich gesteigert. Doch in diesem Jahr, nach ihrem Wechsel in die USA, hat sie einen extremen Sprung gemacht.

Sechsmal hat sie in dieser Saison deutsche Rekorde gebrochen. Sie hat Verständnis dafür, dass nun kritische Fragen kommen, schließlich will sie selber einmal Sportjournalistin werden. „Diese Fragen sind ja auch wichtig, um erklären zu können, dass wir Athleten davon nicht betroffen sind“, sagt sie. Auch im Moment ihres größten Triumphes wurde sie nicht müde zu erklären: „Ich weiß, dass mich das nicht betrifft und dass Pete Julian mein Trainer ist.“

Ja, das stimmt. Die Vorwürfe gegen Salazar beziehen sich auf die Zeit zwischen 2010 und 2014. Kein einziger der aktuell im Team trainierenden Athleten wurde suspendiert. Allein in den sechs Tagen in Doha wurde Klosterhalfen zweimal kontrolliert. Und ja, sie wird nicht von Salazar, sondern von dessen Assistenten Pete Julian trainiert.

Konstanze Klosterhalfen: Kein Kontakt zu Salazar

Der war ebenfalls in Doha vor Ort und mit seiner Athletin überaus zufrieden: „Ich habe nicht mit einer Medaille gerechnet, aber ich wusste, dass Koko es kann“, sagt er. „Sie ist erst 22 Jahre alt und hat es mit der Macht aus Afrika aufgenommen.“ Charmant erklärt er seine Philosophie vom Denken an große Ziele, von der Konzentration auf Medaillen und Platzierungen statt auf Zeiten. Wenn man ihn erlebt, ahnt man, was Klosterhalfen so loyal sein lässt. Er betont aber auch: „Konstanze hat keinen persönlichen Kontakt zu Salazar. Er hat seine Athleten, ich habe meine. Das Ganze hat keinen Einfluss auf sie.“

Konstanze Klosterhalfen ist „so dankbar“, dass sie zu dem Team in Oregon gehört und freut sich schon jetzt bald wieder in die USA zurückkehren zu können. Sie fühle sich wohl, und will noch lange bleiben. Es wirkt, als habe sie eine kleine Insel gefunden, auf der sie bekommt, was sie braucht. Sie vertraut ihrem Trainer, glaubt an das Konzept. Denn sie sieht: Es funktioniert. Die Leistungen stimmen, ebenso die Zeiten und nun auch die Medaillen. Doch die kritischen Fragen, die werden sie noch lange begleiten.

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