Amateursport

Gewalt im Fußball: Briten entwickeln Bodycam-App für Schiris

Die App „iRespect“ soll die Gewalt gegen Amateur-Schiedsrichter reduzieren.

Die App „iRespect“ soll die Gewalt gegen Amateur-Schiedsrichter reduzieren.

Foto: Katrin Simoneit/ FUNKE Foto Services / FFS

Essen.  Martin Cassidy von „Ref Support UK“ erklärt, wie eine App Gewalt reduzieren könnte. Und er verrät, vor welchen Hürden seine Stiftung noch steht.

Nicht nur in Deutschland kommt es immer wieder zu Gewalt gegen Amateur-Schiedsrichter. Auch auf englischen Fußballplätzen werden Unparteiische beleidigt, bedroht und tätlich angegriffen. Erst im Juni berichtete der britische Fernsehsender BBC News über einen 14-jährigen Jungen aus Nottinghamshire, der infolge eines Jugendspiels einen Nervenzusammenbruch erlitten haben soll. Der Nachwuchsschiedsrichter war nach Angaben seiner Mutter von Zuschauern und einem Trainer wüst beschimpft und verspottet worden.

Bodycam im Test: Ein Amateurspiel aus Sicht des Schiris
Bodycam im Test- Ein Amateurspiel aus Sicht des Schiris

Um Vorfälle wie in Nottinghamshire in Zukunft zu vermeiden, arbeitet die britische Stiftung „Ref Support UK“ an der Entwicklung einer App, mit deren Hilfe Schiedsrichter ihr Smartphone zu einer Bodycam umfunktionieren können. Geschäftsführer Martin Cassidy erklärt, wie die an der Brust befestigten Körperkameras Gewalt im Amateurfußball reduzieren sollen. Und er verrät, vor welchen Hürden seine Stiftung noch steht.

Seit wann gibt es „Ref Support UK“ und welche Ziele verfolgt die Organisation?

„Ref Support UK“ wurde vor rund drei Jahren gegründet und ist laut Cassidy die erste registrierte Stiftung, die in England und Wales die Interessen von Amateurschiedsrichtern vertritt: „Wir haben einen Mangel an unabhängiger Unterstützung festgestellt und erkannt, dass Schiedsrichter keine öffentliche Stimme hatten“, so Cassidy. „Niemand schien öffentlich erklären zu wollen, dass es ein Problem mit Übergriffen gegen Unparteiische gibt.“

Um die Qualität und Sicherheit auf den Amateurplätzen zu verbessern, bietet die Stiftung Trainings- und Mentoring-Programme an, informiert über aktuelle Entwicklungen und Regeländerungen und setzt sich unter dem Hashtag „#Lovethewhistle“ („Liebe die Pfeife“) unter anderem für den freiwilligen Einsatz von Bodycams ein. Darüber hinaus hat die Organisation auf ihrer Homepage eine Beratungshotline für Schiedsrichter eingerichtet.

Welchen Nutzen erhofft sich „Ref Support UK“ von den tragbaren Kameras?

„Wir glauben, dass Bodycams drei Vorteile haben“, erklärt Cassidy. „Erstens: Sie wirken als sichtbare Abschreckung.“ Sowohl die Amateurspieler und Trainer als auch der Schiedsrichter würden durch Körperkameras dazu ermutigt, verantwortungsbewusst zu handeln und auch in hitzigen Situationen nicht die Beherrschung zu verlieren.

Darüber hinaus könnten die Videoaufnahmen als Beweismittel verwendet werden, falls ein Gewaltvorfall vor dem Gericht landet: „Es gab viele Fälle von Körperverletzung, die nicht nachgewiesen werden konnten“, so der Geschäftsführer. Oft stünde Aussage gegen Aussage. „Außerdem können Spieler zu den Anhörungen in der Regel ihre Teamkollegen mitbringen, die ihre Aussagen stützen“, meint Cassidy. Der Schiedsrichter sei hingegen häufig auf sich allein gestellt, weil er in den unteren Ligen ohne die Unterstützung von Linienrichtern auskommen muss.

Ein weiterer Vorteil der Bodycams: Die Videoaufnahmen könnten laut Cassidy als Trainingshilfe verwendet werden und somit die Ausbildung von Schiedsrichteranwärtern verbessern.

Wie teuer wäre eine geeignete Bodycam und wer kommt für die Kosten auf?

„Wir haben eine App entwickelt, mit der Schiedsrichter ihr Smartphone für 35 Pfund (ungefähr 41 Euro, Anm. d. Red.) zu einer Bodycam umfunktionieren können“, erklärt Cassidy. Im Preis enthalten sei ein Gurt, mit dem das Handy am Körper befestigt wird. Die Kosten für die Anwendung tragen die Schiedsrichter selbst.

Die App mit dem Namen „iRespect“ befinde sich derzeit noch im Testmodus. Ab wann die Anwendung erhältlich sein wird, sei unklar. „Wir werden die App weltweit anbieten“, verspricht der Geschäftsführer von „Ref Support UK“. „Jeder, der Englisch versteht, wird sie nutzen können.“

Gibt es Vorkehrungen zum Schutz der Privatsphäre und der Nutzerdaten?

„Wir haben einen verschlüsselten Server, so dass der Nutzer das Filmmaterial nicht einsehen kann“, versichert Cassidy. Die Aufnahmen würden zuerst an die Stiftung gesendet und dort entschlüsselt werden: „Falls es sich nicht um eine illegale Aufzeichnung handelt, senden wir es an den Nutzer zurück.“ So könne sichergestellt werden, dass die App nicht für Aufnahmen abseits des Fußballplatzes verwendet wird. Erst nach der Überprüfung könne der Nutzer den Videoclip abspielen.

Was schreibt das Regelwerk der Fifa bei elektronischen Geräten vor?

Schiedsrichter in den einzelnen Mitgliedsverbänden dürfen sowohl Headsets zur Kommunikation mit den Linienrichtern als auch elektronische Geräte zur Kontrolle der eigenen Fitness tragen. Sonstige technische Hilfsmittel sind jedoch nicht erlaubt. Damit Unparteiische zukünftig Bodycams einsetzen dürfen, müssten also zuerst die Fußballregeln angepasst werden.

Können Nationalverbände Bodycams eigenmächtig erlauben?

Nein. Für Regeländerungen ist das International Football Association Board (IFAB) zuständig. Das achtköpfige Gremium setzt sich aus vier Mitgliedern des Weltverbandes Fifa sowie je einem Vertreter des englischen, nordirischen, schottischen und walisischen Verbandes zusammen und tagt einmal im Jahr. Lediglich bei einigen Ausnahmen (z.B. der Größe des Spielfeldes oder dem Einsatz von Zeitstrafen) haben die Nationalverbände die Entscheidungshoheit.

Um eine Regeländerung wie die Genehmigung von tragbaren Kameras zu erwirken, bedarf es einer Dreiviertelmehrheit (sechs Stimmen). Anträge dürfen allerdings nur von Nationalverbänden und nicht von unabhängigen Organisationen gestellt werden. Dagegen will „Ref Support UK“ nun vorgehen: „Wir sind bereits in Kontakt mit einem Anwalt und glauben, dass wir IFAB vor den Internationalen Sportgerichtshof bringen können“, so Cassidy.

Was halten der englische und deutsche Fußballverband von Bodycams?

Der englische Fußballverband FA habe signalisiert, dass er „kein Interesse“ an Körperkameras hat, so Cassidy: „Wir sind hingegen der Meinung, dass der Verband falsch liegt und dass alles, was Schiedsrichter schützen kann, überprüft werden sollte.“ Bereits seit mehreren Jahren fordert „Ref Support UK“ einen Testlauf, um die Auswirkungen von Bodycams auf die Gewaltbereitschaft von Amateurspielern zu untersuchen – bislang ohne Erfolg.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wollte sich auf Anfrage dieser Redaktion nicht zu einem möglichen Einsatz von Bodycams im Amateurfußball äußern. Das Thema sei „aktuell leider keines, zu dem wir fundiert Stellung beziehen können“, heißt es in einer schriftlichen Antwort.

Wie realistisch ist es, dass Bodycams in absehbarer Zeit erlaubt werden?

Trotz der fehlenden Unterstützung des englischen und deutschen Fußballverbandes gibt sich der Geschäftsführer von „Ref Support UK“ zuversichtlich: „Wir glauben, dass Amateurschiedsrichter innerhalb der nächsten fünf Jahre Körperkameras tragen werden dürfen.“ Bis es soweit ist, arbeiten Cassidy und sein Team weiterhin an der Optimierung ihrer Bodycam-App.

Weitere Links zum Thema:

Experte: So könnten Bodycams Gewalt im Fußball reduzieren
Bodycam-Video zeigt Fußballspiel aus Perspektive des Schiris
Gewalt im Amateurfußball - Wie groß das Problem wirklich ist Gewalt gegen Schiedsrichter: „In der Jugend ansetzen“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben