WM 2018

Was die Kroaten bei dieser WM so stark macht

Von links: Vida, Rakitic und Mandzukic.

Foto: Getty Images

Von links: Vida, Rakitic und Mandzukic.

Moskau.  Kroatien trifft am Sonntag im WM-Finale auf Frankreich. Der Sieg gegen England ist auch einer des Willens. Rakitic spielt mit Fieber.

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Niemand wollte nach Hause gehen, die Spieler nicht mal in die Kabine, und als sie es dann irgendwann doch taten, wuselte immer noch ein Quintett in kroatischen Trikots über den Rasen im Luschniki-Stadion. Fünf Kinder im Vorschulalter, denen sich der für seine Gegner so furchteinflößende Domegoj Vida liebevoll angenommen und ihnen schließlich einen Ball besorgt hatte. Fünf kleine Kroaten aus dieser kleinen Nation mit so viel Fußballtalent, wo wir „einfach gute Mütter und Väter haben, die gute Liebe machen“, wie Vidas Abwehrkollege Dejan Lovren später witzelte, um zu erklären, dass es ein Vier-Millionen-Einwohnerland in ein WM-Finale schaffen kann.

An sich sind diese Siegesfeiern mit Kindern ja ein abgenutztes Ritual. Im riesigen Luschniki war das auch deshalb anders, weil sie in manchen Momenten so auf ihre Väter kamen, dass es schon fast klischeehaft wirkte. Als Vida noch vor der kroatischen Kurve auf- und abgehüpft war, kam es zu einem ungeplanten Zusammenstoß. Der Kleine, vielleicht vier Jahre alt, stand auf, als wäre nichts gewesen.

Kroaten stehen immer auf

Die Kroaten stehen immer auf, das weiß inzwischen die ganze Welt. Dänemark, Russland und England – alle sind mit 1:0 in Führung gegangen, alle schieden trotzdem aus. England schaffte es nicht mal ins Elfmeterschießen, weil es Mario Mandzukic schon vorher erledigte. Ein Mann, der kaum noch gehen zu können schien, der diese WM quasi durchspielen muss, weil sein einziger Ersatz Nikola Kalinic nach Hause geschickt wurde, und der trotzdem in der 109. Minute den x-ten Sprint in den Strafraum unternahm, weil der Ball ja dort landen könnte. Der Ball landete vor seinem Fuß, Mandzukic traf und Verbandspräsident Davor Suker attestierte ihm später „Eier wie die der Stiere, die an spanischen Autobahnen als Werbung stehen“.

Genauso könnte man über Ivan Rakitic sprechen, der spätnachts auf die Frage, wie es ihm gehe, verriet: „Ich bin ein bisschen müde. Gut, ein bisschen sehr müde. Letzte Nacht hatte ich ein bisschen Fieber. Gut, ziemlich viel Fieber, fast 39 Grad, ich war den ganzen Tag im Bett“. Oder über Ivan Perisic, der nicht nur wegen seinem Tor zum 1:1, einem Pfostenschuss kurz danach und der Vorlage zum 2:1 seine Auszeichnung zum „Mann des Spiels“ verdiente. Sondern auch, weil er nach dem frühen Rückstand den Ball umgehend auf den Anstoßpunkt trug und damit signalisierte: Jetzt fangen wir erst richtig an.

Diese Mannschaft auf ihrem Zenit hat viele Leader, auch das gehört zu ihrem Erfolgsgeheimnis. Kapitän Luka Modric, 32, Rakitic, 30, Perisic, 29, Mandzukic, 32, Lovren, 29, Vida, 29 – irgendwer injiziert immer diese balkanische Leidenschaft, die sich dann mit klugem Fußball paart. Als Kroatien seine Autorität im Mittelfeld etablierte, wirkten die Engländer geliefert. „Wir waren überlegen in allen Facetten“, jubelte Trainer Zlatko Dalic, der aussah, als käme er selbst direkt aus der Fankurve – er gab seine Pressekonferenz im Kroatien-Trikot. Dalic berichtete, selbst angeschlagene Spieler hätten die Auswechslung verweigert: „Dieser Charakter ist etwas, das ich bewundere.“

Modric: „Sie haben uns unterschätzt, ein großer Fehler."

Etwas, dass die Engländer vergaßen. „Sie dachten ja, sie stehen schon im Finale“, sagte Rakitic in Anspielung auf Berichte aus dem englischen Teamquartier, man werde die Müdigkeit der Kroaten ausnutzen: „Sollen sie ruhig so weitermachen“. Den Triumphalismus bei englischen Medien und TV-Experten habe man als Motivationshilfe genutzt, bestätigte Modric. „Sie haben uns unterschätzt, ein großer Fehler. Wir haben das alles gelesen und uns gesagt: ‚Okay, schauen wir mal, wer müde sein wird.’“

Müde? Jemand wie Mandzukic, bei dem jede Pore dieses Lebensgefühl ausstrahlt, es permanent mit der ganzen Welt aufzunehmen? Mit demselben starren Blick wie in seinen endlosen Zweikämpfen guckte er später an den wenigen Reportern vorbei, denen er überhaupt ein Statement gewährte. Harte Schale, süße Gefühle: „Es ist unglaublich, wir hatten Löwenherzen. Ich glaube, wir sind uns noch nicht bewusst, was gerade geschehen ist.“ Kroatien steht in seinem ersten Endspiel, die als für immer unerreichbar geltenden Halbfinalisten von 1998 sind sogar übertroffen.

„Glücklich, müde, bewegt, tot, lebendig – ich habe keine Worte“, sagte der damalige Torschützenkönig Suker. „In früheren Turnieren hat immer etwas gefehlt“, analysierte Modric, „aber diesmal kommt alles zusammen: Qualität, Charakter, das bisschen Glück, das man braucht.“ Ob das alles auch gegen Frankreich reicht? „Wir werden wieder Herz und Seele lassen“, so Modric. „Auf den Platz werden elf Krieger gehen.“

Im Luschniki blieben die fünf Kinder. Aus den Lautsprechern kam Popmusik, die trotzdem dankbaren englischen Fans sangen mit („Don’t look back in anger“ – „schau’ nicht im Zorn zurück“), die kroatischen bejubelten die Tores des Nachwuchses. Eine harmonische Szenerie, der Charme des Fußballs in einem Bild. Doch weil man immer ins Bett muss, wenn es am schönsten ist, kam Perisic auf den Platz, um seinen Sohn abholen. Der rutschte ihm mit einem Torjubel entgegen, als hätte er gerade das WM-Finale entschieden. Wer weiß, ob ihn der Vater am Sonntag nachmacht.

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