Lorant

Werner Lorant - die Bundesliga-Legende auf dem Campingplatz

Werner Lorant auf seinem Campingplatz

Werner Lorant auf seinem Campingplatz

Foto: Matthias Balk

Waging am See  Als Trainer war Werner Lorant eine schillernde Figur der Bundesliga. Nun lebt er auf einem Campingplatz. Ein Besuch zum 70. Geburtstag.

Werner Lorant empfängt in schwarzen Latschen. Das T-Shirt unter der Strickjacke spannt nach all den Jahren beachtlich, die Haare glänzen gewohnt grau, die Brille überrascht im modernen Leopardenmuster. In der Hand qualmt eine Zigarette, die darf nicht fehlen.

„Wollen wir spazieren gehen?“, fragt er und marschiert schon los. Vorbei an leeren Wohnwagen und Sanitäreinrichtungen. Jetzt, im kühlen Herbst, denkt kaum jemand daran, hier seine freie Zeit zu verbringen. Lorant aber will ein bisschen werben für sein neues Leben. Im Fünfsterne-Campingparadies in Waging am See, wo er in einem Appartement über der Rezeption residiert. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin und Hund Jackson (wie der King of Pop) feiert die Bundesliga-Legende morgen ihren 70. Geburtstag.

Einen wie Lorant gibt es nicht mehr

Schön sei es hier, betont Lorant. Nach München nicht weit. Nach Salzburg schon gar nicht. Die Berge. Die Natur. „Ich lebe da, wo andere Urlaub machen“, meint er und lächelt. Herausfordernd. Das kann er noch immer, der Meister der Provokation. Natürlich hat auch er mitbekommen, was die Leute so reden. Dass er, der Kult-Trainer, der Ex-Profi, der viel verdient hat, pleite sei, deswegen nun hier lebe. „Quatsch“, sagt er dann, das habe sich eben so ergeben, der Chef sei sein Freund, „also, wozu die ganze Aufregung?“

Vielleicht, weil mit Werner Lorant nicht irgendwer sein siebtes Lebensjahrzehnt zwischen Wohnmobilstellplätzen und neu errichteten Schlaffässern abhakt, sondern einer, den sie alle kennen. Einer, der Sehnsüchte weckt. Nach dem Fußball der 1990er-Jahre, als der Privatsender Sat.1 mit Ran die Bundesliga in die Wohnzimmer transportierte und Lorant als Trainer von 1860 München schimpfte, rauchte, Schiedsrichter anschrie, einmal Mario Basler anmotzte. Eben einer, der so in der durchakademisierten Profi-Welt nicht mehr existiert, wenn Pressekonferenzen gelegentlich an Mathematik-Vorlesungen erinnern mit den ganzen Sechsern, Achtern, falschen Neunern. „Alles Quatsch“, posaunt Lorant stattdessen, „die Spieler müssen laufen können.“ Punkt. Aus. So einfach könnte Fußball sein. Und ist es natürlich nicht, weil moderne Trainingsführung und Empathie ja durchaus Sinn ergeben. Lorant hingegen wurde Mobbing vorgeworfen.

Leicht war es nicht, unter diesem Trainer zu spielen. Das berichtet auch Martin Max, der bei 1860 unter Lorant die Torjägerkanone (2000) eroberte. „Es war eine Hassliebe“, sagt er heute, „wir mussten laufen und laufen.“ Aber der Stürmer erzählt eben auch vom lustigen Lorant, vom herzlichen Lorant, der in der Vereinskneipe „Löwenstüberl“ die Leute bespaßte. „Neben dem Platz war er locker.“

Was auch in Waging am See auffällt. Wo Lorant jeden, der vorbeikommt, mit ein paar netten Worten begrüßt, glücklich von seinen Campingfreunden Thomas und Werner berichtet. Nur wenn sich das Gespräch um Fußball dreht, verfinstert sich die Miene. Dann schimpft er über die modernen Profis mit ihren vielen Tattoos, aber wenig Willen. Deswegen fehle sie ihm auch nicht, die Bundesliga. „Quatsch“, sagt Lorant dazu, schüttelt den Kopf, „das ist vorbei.“

Über Gefühle spricht Lorant nicht gerne

Überhaupt schüttelt Lorant gerne den Kopf, immer dann, wenn die Fragen etwas persönlicher werden, in die Tiefe gehen. Über Gefühle spricht er nicht gerne, was an seiner harten Kindheit liegen könnte. Sechs Geschwister hat er, der Vater war Maurer. „Wenn der was wollte, musste ich gehorchen“, sagt Lorant. Aber, Kopfschütteln: „Das war halt so.“

Immerhin gibt er dann doch zu, dass er manchmal in seiner Kiste stöbert, die versteckt im Schrank ruht. Darin lagern Bilder aus so vielen Bundesliga-Jahrzehnten. Werner Lorant als beinharter Bundesliga-Profi, die Haare dunkelbraun. Werner Lorant als ebenso harter Trainer, die Haare schon grau. Niemand darf da reinschauen. Nicht seine Partnerin. Nicht seine Söhne. „Das will ich nicht“, also passiert es auch nicht. Lebensmotto: Keine Widerrede.

Geboren wurde Lorant 1948 in Welver in Nordrhein-Westfalen. Der Vater verlangte Härte, die der Sohn als gefürchteter Verteidiger auf dem Platz lebte. Über Westfalia Herne, Borussia Dortmund, Rot-Weiss Essen grätschte er sich zu Eintracht Frankfurt, gewann dort den Uefa-Pokal (1980) und den DFB-Pokal (1981). Danach ging es zu Schalke. 1987 endete die Karriere beim 1. FC Schweinfurt.

Durchbruch in München

Als Trainer klappte der Durchbruch erst in München. Präsident Karl-Heinz Wildmoser – auch so ein Zampano – lockte ihn 1992 zu den Löwen. Lorant führte den Klub von der drittklassigen Bayernliga in die Bundesliga, etablierte ihn dort, gewann in einer Saison (1999/2000) zweimal das Derby gegen den großen Konkurrenten FC Bayern. Bis 2001 der Erfolg ausblieb, Lorant gehen musste. „Es war klar, dass das mal passiert“, erzählt er jetzt. Doch irgendwie wollten beide Seiten ohneeinander nicht mehr so richtig glücklich werden. 1860 jedenfalls strauchelte, tritt nun in der 3. Liga an. Lorant wiederum hangelte sich von Station zu Station.

Es zog ihn in die Türkei, nach Südkorea, Griechenland, China, die Slowakei. Es gab ein paar Höhen, aber wesentlich mehr Tiefen. 2011 wurde auch noch sein Anwesen in der Nähe von München zwangsgeräumt, seine Frau ließ sich scheiden. Nun also Camper. Hier betreut er im Sommer immerhin noch die Fußballschule.

Sozialstunden im Altenheim

Viel ist passiert. Was denkt Lorant also über das Leben?

Letztens, berichtet er, sei er mit Alkohol am Steuer erwischt worden. Die Strafe wollte er nicht zahlen, „natürlich nicht“, also absolvierte er Sozialstunden. Im Altenheim um die Ecke. „Jetzt weiß ich, so will ich nicht enden“, erklärt er. Deswegen sei alles gut. Weil erstens: „Ich habe viel erlebt.“ Zweitens: „Ich bin gesund.“ Drittens: „Ich habe meine Ruhe.“

Zufrieden sei er also. Die Berge. Die Natur. Aber, wenn es mal vorbei sei, „dann können sie mit meiner Kiste machen, was sie wollen.

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