Schiedsrichter

Warum der Schiedsrichter-Job jetzt noch schwieriger wird

Ratlos vor der Fankurve: Schiedsrichter Christian Dingert beim Spiel der TSG Hoffenheim gegen den FC Bayern.

Ratlos vor der Fankurve: Schiedsrichter Christian Dingert beim Spiel der TSG Hoffenheim gegen den FC Bayern.

Foto: Michael Probst / dpa

Essen.  Schiedsrichter müssen jetzt genau auf Plakate und Gesänge achten. Knut Kircher sieht die Ex-Kollegen gerüstet, sagt aber auch: Es wird schwierig.

Knut Kircher ist selbst nicht mehr betroffen. Der 51-Jährige hat vor knapp vier Jahren die Altersgrenze erreicht und seine Laufbahn als Bundesliga-Schiedsrichter beendet. Aber er kann sich gut hineinversetzen in die missliche Lage, in der seine einstigen Kollegen derzeit stecken: Sie müssen nicht mehr nur beurteilen, ob ein Handspiel ein Handspiel ist, ob es für einen Zweikampf einen Freistoßpfiff, eine Gelbe oder gar eine Rote Karte gibt. Sie müssen nun auch besonders wachsam sein bei Plakaten und Rufen der Zuschauer. Und entscheiden, ob es sich um eine zulässige Meinungsäußerung handelt – oder um Diskriminierungen oder Beleidigungen.

„Es ist schwierig, weil eine weitere Aufmerksamkeitsquelle hinzukommt, weil man auch Augen und Ohren fürs Publikum haben muss“, sagt Kircher im Gespräch mit dieser Zeitung. Schwierig ja, unmöglich nein. „Ich würde nicht sagen, dass man dem Schiedsrichter zu viel zumutet“, meint Kircher. „Er ist ja auch nicht allein, er hat seine beiden Assistenten und den Vierten Offiziellen.“ Aber: „Wenn man konzen­triert und im Tunnel ist, ist es natürlich schwierig, manche Dinge wahrzunehmen, gerade auch akustisch. Wenn das Spiel intensiv ist, ist die Aufmerksamkeit erst mal auf dem Platz gefragt.“

In den Fankurven brodelt es

In den kommenden Tagen und Wochen aber werden die Schiedsrichter gar nicht drumherum kommen, immer wieder ihr Auge und ihr Ohr auf die Fankurven zu richten. Denn dort brodelt es, seit das DFB-Sportgericht verfügte, dass die Anhänger von Borussia Dortmund in den kommenden zwei Jahren keine Partien bei der TSG Hoffenheim mehr besuchen dürfen – unter anderem, weil es immer wieder Beleidigungen gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp gegeben hatte.

Die Ultra-Szene, der solche Kollektivstrafen ein Dorn im Auge sind, reagierte quer durch die Bundesliga-Stadien mit heftiger Kritik und weiteren Beleidigungen gegen Hopp – was zu mehreren Spielunterbrechungen führte. Denn der DFB hat seine Unparteiischen angewiesen, in solchen Fällen konsequent den Dreistufenplan der Fifa anzuwenden, der für rassistische und diskriminierende Parolen vorgesehen ist. Der sieht als ersten Schritt eine Spielunterbrechung samt Durchsage des Stadionsprechers vor. Wird es nicht besser, soll der Schiedsrichter die Spieler in die Kabine schicken. Und Schritt drei wäre ein Spielabbruch.

Entscheiden muss darüber der Schiedsrichter, dem eine enorme Verantwortung zukommt. Die aber trage er ja ständig, meint Kircher. „Schwierig ist auch eine Rote Karte oder ein Strafstoß in der 89. Minute, der über den Spielausgang entscheidet und damit vielleicht über Wohl und Wehe eines ganzen Vereins. Deswegen ist der Spielabbruch nicht unbedingt die schwierigste Entscheidung.“

Es passieren auch Fehler

Zumal er dabei ja auch Unterstützung bekomme: „In den Profiligen ist auch der Beobachter im Stadion vor Ort“, erläutert der frühere Fifa-Schiedsrichter Kircher. „Und wenn es zu diesen Eskalationsstufen kommt, wenn die Mannschaften in die Kabine gerufen werden, steht er mit Rat und Tat zur Seite. Da er auf der Tribüne sitzt, hat er vielleicht auch einen anderen Blick auf diese Dinge und kann ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken.“

Trotzdem passieren Fehler. Beim Drittligaspiel des SV Meppen gegen den MSV Duisburg gab es die erste Unterbrechung, weil die MSV-Fans per Plakat verkündeten: „Hat der Dietmar genug Kohle, wird zu seinem Schutz und Wohle von Leuten, deren Wort nichts wert, mal wieder jemand ausgesperrt.“ Beim Bundesligaspiel von Union Berlin gegen den VfL Wolfsburg löste eine derber formulierte Kritik am DFB den Dreistufenplan aus. Beleidigungen hatte es da noch nicht gegeben.

Knut Kircher sieht einen großen Graubereich

Es gebe eben einen großen Graubereich, sagt Kircher, und wählt als Vergleich das Handspiel: „Man muss entscheiden: Wo ist die Schwelle erreicht, dass ein Vergehen vorliegt? Mit dem Dreistufenplan geht man genauso vor. Man fragt: Ist das schon ein Vergehen, ist es noch keins? Und so tastet man sich heran.“

Beim Thema Handspiel allerdings sind die deutschen Schiedsrichter deutlich besser ausgebildet als beim Thema Diskriminierungen – von Ausnahmen abgesehen: Das DFB-Pokalspiel zwischen Schalke 04 und Bayern München am Dienstagabend (20.45 Uhr/ARD und Sky) leitet Tobias Stieler. Der ist Jurist – und sollte daher einschätzen können, was eine Beleidigung ist.

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