VfL-Chaos

VfL Bochum: Ein Revier-Verein zerlegt sich selbst

Einer aus der ersten, zwei aus der zweiten Reihe: Mit dem kaufmännischen Vorstand Wilken Engelbracht und den Aufsichtsratsmitgliedern Frank Goosen sowie Matthias Knälmann verlassen drei Protagonisten den VfL Bochum.

Einer aus der ersten, zwei aus der zweiten Reihe: Mit dem kaufmännischen Vorstand Wilken Engelbracht und den Aufsichtsratsmitgliedern Frank Goosen sowie Matthias Knälmann verlassen drei Protagonisten den VfL Bochum.

Bochum.   Unmut gegenüber Klub-Chef Villis und Sport-Chef Hochstätter wächst. Der Rückzug von drei Verantwortlichen schürt bei Fans des Zweitligisten Ängste.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Mit einer Portion Zynismus ließe sich das, was der VfL Bochum in den vergangenen Monaten dargeboten hat, als unterhaltsam bezeichnen. Aber dazu ist die Sache zu ernst. Denn auch über Weihnachten, das Fest der Liebe und Einkehr, kam der Fußball-Zweitligist nicht nur nicht zur Ruhe, sondern er produzierte nach einer absurd turbulenten Hinrunde weitere Schlagzeilen. Schlagzeilen, die den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Peter Villis auf den Plan rufen. Im Gespräch mit dieser Redaktion sagte er am Dienstag: „Wir stehen nicht kurz vor dem Abgrund. Wir haben nur einige Personalentscheidungen getroffen. Es ist nicht richtig, dass alles den Bach runtergeht.“ Sätze, die dennoch dokumentieren, wie die Befindlichkeiten an der Castroper Straße bisweilen so sind. Der VfL versinkt – so scheint es – im Chaos.

Drei Rücktritte an einem Tag

Am Freitagabend hatte der Klub bekanntgegeben, dass sich der Kabarettist Frank Goosen und Matthias Knälmann mit sofortiger Wirkung aus dem Aufsichtsrat zurückziehen. Sie begründeten ihren Schritt mit unterschiedlichen Vorstellungen über die Zusammenarbeit innerhalb des Gremiums. Noch ärger trifft den Klub, dass der kaufmännische Vorstand Wilken Engelbracht hinschmeißt. Der Mann, der die Ausgliederung der Profi-Abteilung im Oktober vorangetrieben hatte. Der Mann, der den VfL in die Zukunft führen sollte. Der Mann, der den Schuldenstand in seiner Amtszeit (seit 2014) von acht auf unter vier Millionen Euro gedrückt hat. Den Übergang zu seinem Nachfolger moderiert er noch, spätestens am Saisonende ist Schluss.

Resignation. Kapitulation. „Die Entscheidung zu gehen lag bei allen selbst“, sagt Villis. Heißt: Niemandem wurde der Rücktritt nahegelegt. Aber das heißt vermutlich auch: Ein Szenario, in dem Villis weiterhin seinen Sportvorstand Christian Hochstätter stützt, war für die, die nun gehen, eher nicht die beglückendste Aussicht.

Hochstätter ist längst schwer in die Kritik geraten. Der von ihm zusammengestellte Kader dümpelt trotz erhoffter Aufstiegsambition nahe des unteren Tabellendrittels herum – mit einem Polster von nur vier Punkten zu den Abstiegsplätzen. Mit Gertjan Verbeek und Ismail Atalan verschliss er binnen weniger Wochen zwei Trainer, Jens Rasiejewski musste übernehmen.

Hinzu gesellt sich der noch immer schwelende Streit mit Ex-Kapitän Felix Bastians. Der unter Laktose-Intoleranz leidende Profi hatte auf einer Dienstreise mit dem VfL das falsche Essen serviert bekommen und einen allergischen Schock erlitten. Zuständig in dem Bereich: Hochstätter-Sohn Christian. Bastians soll außer sich gewesen sein – und wurde von Höchstätter senior suspendiert. Mittlerweile spielt Bastians wieder. Doch auch er will den VfL verlassen.

Ein Klub zerlegt sich selbst. Selten zuvor wirkte der mit Hingabe strauchelnde Verein so gespalten.

Ein Beleg dafür: eine Online-Petition, die am Dienstag ins Leben gerufen wurde. Ihre Ziele: Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, Neuwahl des Aufsichtsrates, Abberufung von Villis. Einer ihrer Unterstützer: Schauspieler und VfL-Mitglied Uwe Fellensiek („Manta, Manta“, „SK Kölsch“, „Alarm für Cobra 11“). Er bemängelt die Gesprächskultur im Verein: „Das Beispiel Bastians spricht für sich. Das war eine autoritäre Entscheidung, die dem Verein nicht zuträglich war. Bastians ist einer der wenigen echten Bochumer, die immer vorangehen.“ Seit über 50 Jahren geht Fellensiek zum VfL, jetzt stellt er nicht nur bei sich Entfremdungsprozesse fest. „Diese Angst, dass der VfL nicht mehr der ist, der er mal war, ist tief verwurzelt bei vielen.“

Fans erhöhen den Druck auf den VfL

Als Indiz dafür taugen die Unterstützer der Petition. Das Votum von etwas mehr als 2000 Mitgliedern wäre nötig, um laut Vereinssatzung eine außerordentliche Versammlung zu erzwingen. Die 1011 bisher gelisteten Unterstützer sind nicht zwingend Mitglieder. Aber sie erhöhen den Druck. Fellensiek: „Ich glaube an die Petition. Der Verein ist so geschwächt, dass er gezwungen sein wird zu handeln.“ Villis weiß um den Gegenwind. Für Mittwoch stellt er ein Treffen zwischen Teilen des Aufsichtsrats und Fan-Vertretern in Aussicht. „Wir“, sagt er, „stellen uns der Diskussion.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (108) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik