Schalke 04

Warum Schalke 57 Amateurvereinen 1000 Euro schenkt

„Manchmal ärgern wir uns aber schon, wenn über uns geschimpft wird“: Peter Peters (rechts) und Sebastian Buntkirchen im WAZ-Interview.

Foto: Oliver Mengedoht

„Manchmal ärgern wir uns aber schon, wenn über uns geschimpft wird“: Peter Peters (rechts) und Sebastian Buntkirchen im WAZ-Interview.

Gelsenkirchen.  Schalke 04 unterstützt jeden Fußball-Verein im Fußballkreis Gelsenkirchen mit 1000 Euro. Vorstand Peter Peters versteht dies nicht als Anschub.

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1000 Euro als Geschenk für jeden der 57 Fußball-Vereine des Kreises: Mit dieser Idee hat Schalke 04 vor einem Jahr den Sport in der Region flächendeckend unterstützt. Jetzt wird die Aktion wiederholt. Finanzvorstand Peter Peters und Sebastian Buntkirchen, Geschäftsführer der Stiftung Schalke hilft! sprechen im WAZ-Interview über die Gedanken, die dahinter stecken, über das Verhältnis des Bundesligisten zur Amateurbasis, aber auch über Kritik.

Herr Peters, warum schenkt Schalke 04 jedem Verein 1000 Euro?

Peter Peters: Wir diskutieren ja seit Jahren über die Einheit von Profifußball und Amateurfußball. Dabei kommt man nicht weiter, wenn man sich bei Themen wie den Sonntagsspielen in der Bundesliga gegenseitige Vorwürfe macht. Der Amateurfußball hat seine eigenen berechtigten Probleme, und wir haben die Verpflichtung, uns mit diesen Problemen zu beschäftigen. Wir von Schalke 04 wollen schauen, wie wir helfen und unterstützen können - es muss nur Sinn machen. Und ein Ergebnis ist, dass wir jedem Klub 1000 Euro für besondere Aktionen geben.

Von welchen besonderen Aktionen sprechen Sie?

Sebastian Buntkirchen: Wir haben die Vereine gebeten, nachhaltige Projektideen zu entwickeln und diese bei uns vorzustellen. Im Wesentlichen geht es um drei oder vier Bereiche.

Konkret?

Buntkirchen: Zum einen Investitionen in die Infrastruktur: Viele Vereine haben vor einem Jahr mit dem Geld einen Verkaufsstand für Bratwurst und Getränke gebaut oder sie haben für Kinder eine Art Kita-Bereich geschaffen. Viel ist auch in die Ausbildung von Übungsleitern oder die Qualifizierung von Ehrenamtlern investiert worden. Wiederum andere haben Sportbekleidung und Trainingsmaterialien gekauft. Und es gab einige Vereine, die in Projekte für Menschen mit Handicap investiert haben. Das hat uns besonders gefreut.

Peters: Der Gedanke, der dahinter steckt: Wenn jemand aus den 1000 Euro eine Würstchenbude errichtet und dadurch für sich eine neue Einnahmequelle für die Zukunft erschließt, dann hat das doch eine Folgewirkung für diesen Verein. Die Kriterien sind nicht einfach von uns vorgegeben worden, sondern wir haben das mit dem Kreisvorsitzenden Christian Fischer gemeinsam erarbeitet.

Schalke verlangt Verwendungsnachweis

Das heißt, die Vereine dürfen die 1000 Euro nicht dafür ausgeben, um mit dem Geld mal eben den Torjäger von der Konkurrenz abzuwerben?

Buntkirchen: Um genau das zu vermeiden, haben wir um Verwendungsnachweise gebeten, und den haben auch alle Vereine erbracht, die das Geld abgerufen haben. Andernfalls würden wir jetzt in der zweiten Förderungsrunde keine Gelder mehr ausschütten. Wir waren auch bei einigen Vereinen vor Ort und haben uns das persönlich angeschaut - alle Vereine konnten wir natürlich nicht besuchen.

Haben nicht alle Vereine das Geld abgerufen?

Buntkirchen: Insgesamt war die Resonanz gut. Am Ende ist es aber auch so: Drei Vereine haben sich gar nicht gemeldet, obwohl wir den direkten Kontakt gesucht haben. Und bei acht Vereinen konnte die Ausschüttung der Gelder noch nicht vorgenommen werden, weil entscheidende Unterlagen noch nicht eingereicht wurden. Es ist tatsächlich so, dass wir immer wieder hinterher gegangen sind und die Vereine mehrfach angesprochen wurden.

Peters: Da habe mich dann auch mal gefragt: Wir geben 1000 Euro, und einige Vereine interessieren sich nicht dafür - was ist da los? Dann scheint die Geldnot dort ja vielleicht doch nicht so groß zu sein.

Schalke lässt sich die Aktion 57.000 Euro kosten. Kam von den Vereinen denn auch mal der Vorwurf: Für einen Millionen-Klub wie Schalke ist das nicht besonders viel Geld?

Buntkirchen: Natürlich wurde das nicht direkt in unsere Richtung artikuliert, aber man hat so etwas schon wahrgenommen.

Peters: Das ist ja ein typischer Reflex: Man gibt 50.000 Euro und dann kommt die Frage: Warum nicht 100.000 Euro? Und als nächstes: Bei euren Möglichkeiten könnten es auch 300.000 Euro sein. Wenn man das weiterdenkt…

Schalke will das Ehrenamt stärken

Bitteschön…

Peters: ...dann reden wir als nächstes darüber, dass Schalke ja auch einmal eine Sporthalle bauen könnte oder ein Leichtathletik-Stadion. Die Wunschpalette ist in solchen Dingen ja enorm. Ich sage aber auch, dass Schalke vor allem eine Aufgabe hat, nämlich erfolgreich Fußball zu spielen - das vor allem ist der Wunsch unserer Mitglieder. Wir sind der Fußball-Club Schalke 04 - weiteren Dingen stellen wir uns, aber es ist nicht unendlich. Wir machen viel, aber alles hat seine Grenzen.

Buntkirchen: Unser Ansatz ist der, die Vereine dazu zu bewegen, sich mit ihrer eigenen Situation auseinandersetzen: Wie können wir jetzt 1000 Euro, die außerplanmäßig unser Budget erhöhen, sinnvoll einsetzen, um neue Wege zu gehen? Die Stärkung des Ehrenamts oder die Weiterbildung für Jugendtrainer sind Dinge, die zukünftig greifen, um die Situation zu verbessern. Und sei es nur dadurch, dass vermehrt Jugendliche in den Verein eintreten.

Peters: Die 1000 Euro pro Verein sind eine Aktion - es gibt ja auch noch andere Dinge, über die wir regelmäßig sprechen. Wir laden Ehrenamtliche aus den kleinen Vereinen zu uns in die Arena ein, wir starten bei manchen Spielen Freikarten-Aktionen. Das alles soll nicht als Alibi-Maßnahme herüber kommen, sondern es soll das Miteinander zum Ausdruck bringen.

Wie würden Sie das Verhältnis zu den kleinen Vereinen im Moment beschreiben?

Peters: Gut. Meine Erfahrung ist: Die meisten sind sehr zufrieden. Aber diejenigen, die es nicht sind, sind manchmal einfach lauter. Wir müssen allerdings auch die Stärke haben, gewisse Kritik auszuhalten und trotzdem weiterzumachen.

In der vergangenen Saison schaukelte sich die Kritik daran hoch, dass das Derby gegen Dortmund an einem Sonntag stattfand.

Peters: Ich bin ja auf mehreren Wegen unterwegs, weil ich bei der Liga ein Amt habe, beim DFB und auf Schalke. Insofern kenne ich alle Seiten, und dabei ist für mich eine sehr enge Zusammenarbeit auch auf den lokalen Ebenen wichtig, im Fußballkreis Gelsenkirchen wie auch im Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen. Manchmal ärgern wir uns aber schon, wenn über uns geschimpft wird.

Wie beim Derby-Termin?

Peters: Diese Frage wird es immer wieder mal geben. Damals gab es wichtige terminliche Gründe: Es gibt eben Zwänge durch internationale Spiele oder durch Sicherheitsvorgaben - alle wissen, dass das Derby nicht in den Abendstunden gespielt werden soll und die Polizei da mitredet. Fakt ist: Man darf auch mal sagen, wenn etwas missfällt. Man darf es aber nicht zum Gegenstand für alle Probleme machen.

Oft wird behauptet, dass der Amateurfußball auch unter den Profivereinen wie Schalke leidet, weil die Zuschauer zur Bundesliga abwandern.

Peters: Das ist ja eine gerne gemachte These, aber ich ziehe in Zweifel, ob sie auch stimmt. Ich frage mich manchmal, was passieren würde, wenn wir uns den FC Schalke 04 aus dieser Stadt wegdenken würden, ob dann im Amateurfußball blühende Landschaften hier wären? Wenn die These stimmen würde, müsste sich ohne Schalke in dieser Stadt ja alles entfalten. Da werden wir schnell zu der Erkenntnis kommen: Das wird nicht passieren. Ich glaube sogar, dass Schalke 04 förderlich ist für den Fußball allgemein.

Inwiefern?

Peters: Es gibt ja ganz klare Belege, dass Kinder oder Jugendliche neu in Vereine eintreten, je erfolgreicher man ist. Die Leute sehen tolle Stimmung und sagen sich: Das will ich auch erleben - und melden sich oder ihre Kinder in einem Fußballverein an. Daher mein Grundsatz: Wir befruchten uns gegenseitig. Ich wehre mich gegen diese These, dass der Profifußball zum Nachteil für die Amateure ist.

Bei den kleineren Vereinen hört man oft den Wunsch, Schalke möge doch auch einmal zu einem Spiel gegen eine Stadtauswahl antreten. Ist das machbar?

Peters: Wir kennen diesen Wunsch und beschäftigen uns auch damit. Freundschaftsspiele sind allerdings ein komplexes Thema, weil wir sehr viele Verpflichtungen aus Ablösevereinbarungen oder Sponsorenterminen haben. Wir werden an dieses Thema noch einmal rangehen, aber alles hat seine Endlichkeit. Es gibt ja oft den Reflex: Obwohl man eigentlich viel macht, wird man dann an den zwei Punkten gemessen, die nicht erfüllt werden.

Haben Sie im Austausch mit dem Kreisvorsitzenden Christian Fischer noch weitere Ideen für den Amateurfußball?

Peters: Ein Vorschlag von mir war zum Beispiel, die Vereine bei den Schiedsrichterkosten zu entlasten, damit sie mehr Geld haben für solche Aktivitäten, wie wir sie jetzt mit der 1000-Euro-Aktion anstoßen wollen. Bei dieser Aktion geht es um die Förderung des Sportes, bei allen Aktionen unserer Stiftung Schalke hilft! geht es um den sozialen Aspekt. Das sind auf verschiedene Arten sinnvolle Themen, mit denen wir auch die Verbundenheit zu unserer Stadt zum Ausdruck bringen. Damit wollen wir nicht nur ein Zeichen setzen, sondern deutlich machen, dass wir wirklich alle zusammen in einem Boot sitzen.

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