Schalke

Schalkes innerer Wandel bringt den Erfolg zurück

Sie verstehen sich: Amine Harit (links) und David Wagner nach dem Schalker Sieg in Paderborn.

Sie verstehen sich: Amine Harit (links) und David Wagner nach dem Schalker Sieg in Paderborn.

Foto: firo Sportphoto/Ralf Ibing / firo Sportphoto

Paderborn.  Selbstvertrauen und Mut zur Offensive sind Attribute, die Schalke unter Trainer Wagner bisher auszeichnen. Deutlich wird der Wandel bei Harit.

Wer wissen wollte, was sich auf Schalke in den vergangenen Monaten so Bemerkenswertes verändert hat, der musste nur Amine Harit zuhören. „Wenn der Trainer verlangt, dass du laufen sollst, dann musst du laufen – sonst gehst du auf die Bank. Und wenn alle machen, was der Trainer sagt, gewinnen wir 5:1“, sprudelte es aus dem 22-Jährigen hervor. Der Marokkaner hielt seine kleine Rede auf Deutsch, das hatte es so noch nicht gegeben. Bislang hatte sich Harit stets in englischer oder französischer Sprache verständlich gemacht.

Das gab’s für Schalke seit 20 Jahren nicht

Die Sprache war das, was vordergründig auffiel: Wer genau zuhörte, der bemerkte aber auch inhaltlich einen anderen Akzent, auf den Harit nach dem Schalker 5:1-Erfolg im Bundesligaspiel beim SC Paderborn zu sprechen kam. Immer wieder betonte er, wie wichtig für sein Spiel Attribute wie Selbstvertrauen und Wertschätzung seien. Nur dann könne er so befreit aufspielen wie jetzt in Paderborn, als er zum ersten Mal in seinem Leben zwei Tore in einem Bundesligaspiel erzielte und damit entscheidenden Anteil an einer bemerkenswerten Marke hatte: Nach mehr als 20 Jahren schoss Schalke auswärts in der Bundesliga wieder fünf Tore in einem Spiel. Das hatte es zuletzt im Mai 1999 gegeben, damals siegte Schalke mit 5:4 beim TSV 1860 München.

Dass nun ausgerechnet die Mannschaft der Saison 2019/20 wieder für ein solches Fußball-Feuerwerk sorgt, stand vor Beginn dieses Spieljahres auf keiner Rechnung. Denn bei genauer Betrachtung ist es von den Namen her fast dieselbe Mannschaft, die in der vergangenen Saison mit ihrem Auftreten die Zuschauer gequält hat und die bis kurz vor Schluss ernsthaft um den Klassenerhalt bangen musste. Beim Spiel in Paderborn war der englische Außenverteidiger Jonjoe Kenny der einzige Neuzugang in der Schalker Startelf. Alle anderen hatten sich im Vorjahr als Teil einer Rumpelfußball-Mannschaft hervorgetan, für die schon ein 1:0 ein kleiner Kantersieg gewesen wäre. Was also hat das Schalker Spiel so durchschlagend verändert?

Wagner findet einen Zugang zu den Schalker Spielern

Der naheliegende Reflex ist der Blick zur Bank, wo nun David Wagner als Trainer andere Töne anschlägt als seine Vorgänger. Der einstige Eurofighter wirkt mitreißend - er hatte schon in der Woche vor dem Spiel in Paderborn bei jeder Gelegenheit betont, wie gut er die Mannschaft im Training erlebt habe. Auf jeden Fall scheint er einen guten Zugang zu den Spielern zu finden und ihnen das Vertrauen in die verloren gegangene Stärke vermitteln zu können - auch in dem Punkt, dass man den Fußball als offensives Spiel interpretieren kann. Nicht nur Amine Harit spürt jetzt wieder das Selbstvertrauen, andere Spieler äußerten sich ähnlich. „Jetzt haben wir alle die Köpfe frei und können befreit aufspielen“, sagte Kapitän Alexander Nübel.

In der vergangenen Saison hatte sich vom ersten Spieltag an ein negativer Druck aufgebaut, der jede Woche größer wurde: Die ersten fünf Bundesligaspiele waren alle verloren gegangen, Domenico Tedesco reagierte mit Vorsicht und Sicherheitsdenken auf den Sog nach unten. Diesmal scheint sich eher eine von Optimismus getragene Welle zu entwickeln. Ahmed Kutucu, im Vorjahr während der Saison aus der Jugend zu den Profis gestoßen, wagt den Vergleich: „Die Sache ist einfach: Die letzte Saison war nicht so gut, und wenn man einmal schlecht in einer Saison ist, dann ist das auch eine Kopfsache. Dann wird es schwer, guten Fußball zu spielen, weil man auch als Mannschaft nicht mehr das Selbstvertrauen hat. Dieses Jahr haben wir gut angefangen und uns das Selbstvertrauen geholt.“

Schalke könnte mit Leipzig gleichziehen

Aus solchen Äußerungen spricht die pure Freude. Amine Harit ergänzt: „Ich denke, wir sind bereit für das nächste Spiel.“ Das findet bereits am Freitagabend in der Arena gegen Mainz statt. Theoretisch könnte Schalke (7 Punkte) dann mit Tabellenführer Leipzig (10) gleichziehen. Doch um die Tabelle geht es im Moment noch nicht. Es geht eher darum, gut Fußball zu spielen, die Entwicklung zu unterstreichen und dann vielleicht das dritte Spiel in Folge zu gewinnen.

Am auffälligsten ist diese Entwicklung eben bei Amine Harit, dem die Lust aufs Spielen wieder so sehr anzusehen ist. „Ich bin frei“, sagt er: „Ich habe viel Selbstvertrauen vom Trainer bekommen, und das brauche ich.“ Ob er den schrecklichen Unfall vom Sommer 2018, als er in Marokko mit dem Auto einen Menschen überfuhr, jetzt auch verarbeitet hat, hat er nicht gesagt. David Wagner findet aber ohnehin, dass es jetzt an der Zeit ist, dieses Thema zu beenden. „Wir können alle gar nicht nachvollziehen, was so eine Erfahrung mit einem Menschen macht“, sagt Schalkes Trainer: „Aber wir sollten das jetzt auch mal weglegen. Ich glaube, es hilft ihm nicht, wenn wir dauernd darüber reden und ihn daran erinnern, was er in der letzten Saison erlebt hat.“

Auf Schalke hat eine neue Zeit begonnen. Und die fängt bisher gut an.

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