Schalke 04

Schalke-Trainer Domenico Tedesco vermeidet das Wort Abstiegskampf

Schalke-Trainer Domenico Tedesco

Schalke-Trainer Domenico Tedesco

Foto: Heidrich

Gelsenkirchen.  Schalkes Trainer weiß, dass das Derby gegen den BVB schwer wird. Das sagt Domenico Tedesco im Interview über seinen Klub und den Gegner.

„Tag, die Herren!”, ruft Domenico Tedesco (33), als er den Raum betritt. Er lacht, klingt nicht zögerlich, auch der Händedruck ist fest. Es ist Derbyzeit, da weiß der Trainer des FC Schalke 04, was zu tun ist: Haltung bewahren und Entschlossenheit zeigen. Am Samstag (15.30 Uhr/Sky) kommt Borussia Dortmund nicht nur als Revier-Rivale in die Arena, sondern auch als souveräner Tabellenführer der Bundesliga. Dass dies eine schwere Aufgabe für die auf Platz zwölf stehenden Schalker ist, weiß ihr Trainer natürlich auch.

Haben Sie schon im Baumarkt stabile Bretter geholt, um am Samstag Ihr Tor zu vernageln?

Domenico Tedesco: (lacht) Wieso sollten wir das denn tun?

Na ja, gegen die torgefährlichen Dortmunder werden Sie sich etwas einfallen lassen müssen. Schalke hat bisher 14 Tore geschossen, der BVB 37 - der Unterschied ist gravierend.

Ja, man muss schon sagen: Die Dortmunder machen das richtig gut. Man muss neidlos anerkennen, dass ihre Transfers top funktioniert haben. Sie haben einen tollen Saisonstart hingelegt, sind stark geblieben, finden in vielen Situationen die richtigen Lösungen. Aber wir waren zuletzt mit den Ausnahmen Porto und Frankfurt auch gut unterwegs. Wir freuen uns auf das Derby.

Aber der Spitzenreiter ist schon Favorit, oder?

Vor dem Derby würde ich nicht von einem Favoriten sprechen. Im Derby ist immer alles möglich, und dafür müssen wir sorgen.

Bis zum Relegationsplatz sind es nur drei Punkte Vorsprung. Steckt Schalke 04 im Abstiegskampf?

Ich bin kein Freund solcher Begriffe. Im letzten Jahr habe ich auch nicht reagiert, wenn andere von uns als Bayern-Jäger sprachen, selbst der Begriff Champions-League-Aspirant war mir nicht recht. Unser Plan ist immer, das nächste Spiel gut zu gestalten. Aber es stimmt natürlich, dass unser schlechter Saisonstart eine Last ist, die wir tabellarisch spüren.

Wenn wir die bisherige Saison betrachten, können wir ja die fünf Start-Niederlagen nicht herausrechnen. Die gab es nun mal.

Ja, das ist eine Hypothek. Aber wenn wir darauf schauen, wie überwiegend stabil wir in den letzten Spielen waren, dann macht das auch Mut.

Tedesco: Noch immer wahnsinnig stolz für diesen Klub arbeiten zu dürfen

In Ihrem ersten Jahr auf Schalke lief vieles wie geschmiert. Haben die Rückschläge in dieser Saison Sie verändert?

Zunächst mal kann ich nicht bestätigen, dass alles rund lief. Wir hatten auch schwierige Phasen, in denen wir dreimal am Stück verloren haben. Ob ich mich verändert habe? Kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall habe ich in anderthalb Jahren hier schon vieles erlebt. Was sich aber auf keinen Fall geändert hat: Ich bin noch immer wahnsinnig stolz darauf, für diesen Club arbeiten zu dürfen. Das empfinde ich als riesiges Privileg.

Im Gegensatz zu den meisten Ihrer Vorgänger haben Sie wegen der Vizemeisterschaft und Ihrer Identifikation mit dem Verein jetzt in einer schwierigen Zeit mehr Kredit - im Klub, bei den Fans, auch bei den Medien. Fürchten Sie, dass der auch mal aufgebraucht sein könnte?

Ich habe den Kredit nie für mich verlangt. Aber ich freue mich natürlich, wenn es Vertrauen in unsere Arbeit gibt. Wir als Trainerteam geben Vollgas, treffen Entscheidungen, bereiten die Spiele gut vor. Mehr können wir nicht machen.

Spieler dürfen mitreden

Die Spieler erzählen, dass Sie auch für deren Ideen offen sind.

Sie dürfen sich das jetzt nicht so vorstellen, dass viermal täglich einer an die Tür des Trainerraums klopft und sagt, er habe da mal eine Idee. Es sind eher Kleinigkeiten, manchmal während des Trainings. Ich erkläre, wie wir in die Spitze spielen wollen, und ein Spieler sagt: Trainer, vielleicht ist es besser, wenn das in diesem Fall der Außenverteidiger macht. Die Spieler sind doch die Protagonisten. Wenn ich eine Vorstellung habe und sie die nicht mittragen können, dann quetsche ich die doch nicht um jeden Preis durch. Es sei denn, ich bin zu hundert Prozent davon überzeugt, dass es in diesem einen Fall nicht anders geht.

Was ist passiert im Vergleich zur vergangenen Saison?

Wir haben Leon Goretzka, Max Meyer und Thilo Kehrer verloren, die alle wichtig waren. Und wir haben gleich zu Beginn auch Basti Oczipka und Benjamin Stambouli mit langwierigen Verletzungen verloren. In der vergangenen Saison hatten wir eine gesunde Rotation.

Ist die Rotation in dieser Saison ungesund?

Gute Frage. Da gibt es keine Pauschallösung, das muss man immer wieder neu entscheiden. Zwei Beispiele. Wir stehen in Istanbul auch unter schwierigen Bedingungen auswärts stabil, dann willst du danach eher nicht vieles verändern. Mit der Leistung in Porto aber sind wir äußerst unzufrieden. Da kannst du dann gar nicht anders, als die Mannschaft anschließend zu verändern.

Porto-Niederlage hat auch mit Haltung zu tun

Beim 1:3 in Porto waren zum Teil Spieler auf dem Platz, die bisher nicht häufig gespielt haben und sich zeigen müssten. Und dann schießt die Mannschaft nach gut einer Stunde zum ersten Mal aufs Tor.

Ja, das hat uns schon sehr enttäuscht. Es hat ja auch etwas mit Haltung zu tun.

Sie benennen das Problem hier klar. Nach dem 0:3 in Frankfurt haben Sie noch gesagt, die Spieler hätten es eine Stunde lang gut gemacht. Diese Rücksichtnahme haben viele Fans nicht verstanden. Wann reden Sie auch öffentlich Klartext, und wann nehmen Sie die Spieler in Schutz?

Ich nehme mir morgens beim Kaffeetrinken ja nicht vor: Heute mache ich das mal so. Ich bin ein ganz normaler Mensch, auch mit Emotionen. Wenn ich sehe, dass Spieler sich zerreißen und das machen, was wir besprochen haben, werde ich sie immer schützen. Ich kann einem ja nicht böse sein, wenn er aus Nervosität mal einen Fehlpass spielt, das macht er ja nicht mit Absicht. Ich haue jedenfalls nicht auf den Tisch, nur weil das jemand gerne hören möchte.

Sich zu zerreißen ist das eine. Aber es gibt doch auch die Sehnsucht nach mehr Kreativität und Durchschlagskraft.

In einigen Spielen haben wir es nicht geschafft, in Eins-gegen-Eins-Situationen zu kommen, und wenn, dann haben wir uns nicht durchgesetzt. Das kann man schon als fehlende Durchschlagskraft bezeichnen. Aber glauben Sie mir: Wir machen uns ständig Gedanken darüber, wie wir das ändern können. Wir lassen nichts unversucht. Es geht ja auch darum, dass wir unsere DNA behalten.

Tedesco: Die Basis muss immer stimmen

Was ist denn die Schalke-DNA?

Es geht darum zu wissen: Wo sind wir hier überhaupt? Wer sind die Menschen, die uns unterstützen? Alles hier hat mit harter Arbeit zu tun, auch damit, Grenzen zu überwinden. Das ist die Basis, auf der man dann auch spielerisch aufbauen und sich weiterentwickeln kann. Aber diese Basis muss immer stimmen. Wenn wir uns wehren, können wir sogar einen 0:4-Rückstand wie vor einem Jahr in Dortmund aufholen. Das ist Schalke. Wenn ich als neuer Spieler hierher komme, muss ich wissen, dass ich hier erst mal schrubben, mich richtig reinhängen muss.

Hat es Sie überrascht, dass Sebastian Rudy so lange gebraucht hat, um hier richtig anzukommen?

Nein, ich war nicht überrascht. Es war klar, dass das passieren kann. Er hat bei Bayern München lange nicht gespielt, war bei der WM, hatte danach Urlaub, kam bei den Bayern in der Vorbereitung kaum zum Einsatz.

Aber jetzt wird es doch Zeit, oder?

Ja, aber die Zeichen sind auch positiv. Am Samstag in Hoffenheim hat er so gespielt, dass ich sage: So wollen wir ihn sehen!

Muss Schalke im Winter das Aufgebot verstärken?

Wir müssen nichts machen. Aber wir halten natürlich die Augen offen und beobachten den Markt. Von Beratern werden uns im Moment schon ständig Spieler angeboten.

Müssen zuerst Spieler gehen, bevor Schalke neue holen kann?

Ich hätte zwar nichts dagegen, wenn wir auch in der Rückrunde noch sechs Champions-League-Spiele hätten, aber davon dürfen wir natürlich nicht ausgehen. Wenn wir also ein paar Spiele weniger haben werden und deshalb ein Spieler vielleicht eine veränderte Perspektive hat, dann müssen wir uns mit ihm unterhalten.

Keine Gedanken über Szenarien danach

Fürchten Sie eigentlich, dass die Stimmung nach einer Derby-Niederlage kippen könnte?

Ich mache mir nie Gedanken über Szenarien danach. Das zapft nur unnötig Energie ab. Wir fragen uns lieber: Was machen die Dortmunder gut? Was machen sie vielleicht nicht so gut? Wie reagieren wir darauf? Und wie können wir ihnen Probleme bereiten?

Zeigen Sie den Spielern beide Derbys aus der vergangenen Saison komplett noch mal?

Nein, das werden wir dosieren. (lacht)

Immerhin können Sie nach dem 4:4 und dem 2:0 sagen, dass Sie noch kein Derby mit Schalke verloren haben.

Da sehen Sie mal! (lacht) Die Bilanz gefällt mir. Die würde ich gerne nach dem Samstag noch mal so ziehen.

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