Schalke-Interview

Jobst: Deshalb plant Schalke in der Hinrunde ohne Zuschauer

„Bei Clemens Tönnies steht eine Entscheidung – es gab keine Überredungsabsichten“: Schalke-Vorstand Alexander Jobst.

„Bei Clemens Tönnies steht eine Entscheidung – es gab keine Überredungsabsichten“: Schalke-Vorstand Alexander Jobst.

Foto: Ralf Ibing / Ralf Ibing / firo Sportphoto

Gelsenkirchen.  Schalke plant einen Sparkurs, der auch eine Gehaltsobergrenze beinhaltet. Im Interview spricht Jobst über die finanzielle Zukunft des Klubs.

Der Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies (64) am Dienstag war einschneidend für den FC Schalke 04. Der sportlich und wirtschaftlich angeschlagene Revierclub sieht sich zum Sparen gezwungen und fährt die Ansprüche runter. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur nennt Marketing-Vorstand Alexander Jobst (46) konkrete Maßnahmen, äußert sich zum Rücktritt von Tönnies und spricht über künftige Gehaltsgrenzen und die umstrittene NRW-Landesbürgschaft.

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Wie sollen die angekündigten Sparmaßnahmen konkret aussehen?

Alexander Jobst: Konkret planen wir unter anderem im Lizenzspielerbereich auch zur kommenden Saison einen prozentualen Gehaltsverzicht. Diese Gespräche führt Jochen Schneider direkt nach der Sommerpause mit den Spielern. Der Verzicht soll dann zeitlich andauern, bis unsere Heimspiele wieder mit Zuschauern stattfinden können. Spieler und Trainerteam werden mitziehen. Zusätzlich werden wir uns intern ab sofort eine Richtlinie auferlegen für ein maximales Gehaltsgefüge in Bezug auf die Neuverpflichtung von Spielern. Und auch in anderen Bereichen des Vereins setzen wir konsequent den Rotstift an.

Wo genau?

Jobst: Der gesamte Verein ist in seiner Organisation, in seinen Projekten und damit auch seinen Budgets in den letzten Jahren mit internationalem Anspruch gewachsen. Ob zum Beispiel in geplanten Investitionen für die Veltins-Arena, in der digitalen Vorreiterrolle beim E-Sport oder in der Internationalisierung: Wir müssen uns zukünftig noch klarer fokussieren und werden Einsparungen außerhalb des Kerngeschäfts für die kommende Saison im hohen siebenstelligen Bereich vornehmen.

Soll es E-Sport künftig gar nicht mehr geben?

Jobst: Es wäre unternehmerisch mehr als unvernünftig, dieses erfolgreiche Geschäftsfeld aufzugeben, denn trotz Corona ist E-Sport nach wie vor ein Wachstumsfeld. Doch auch hier werden wir unser Tempo drosseln müssen und aktuell nicht weiter investieren können.

Ist ein weiterer Verzicht der Spieler auf Teile ihres Gehalts existenziell wichtig?

Jobst: Es ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Maßnahmen. Ein erneuter Verzicht zur kommenden Saison wird ein wichtiges Zeichen sein, unter anderem für die Mitarbeiter. Im Übrigen haben dem ja auch Trainerteam, Führungsebene und unsere Direktionen zugestimmt und tragen den Verzicht auch weiter mit. Der Mannschaft ist natürlich bewusst, dass man in der Rückrunde nicht gerade dazu beigetragen hat, Vertrauen für Schalke in der Corona-Krise zu gewinnen. Auch deshalb ist dieses Zeichen wichtig.

Wo soll die künftige Gehaltsgrenze genau liegen?

Jobst: Den finanziellen Rahmen legt Jochen Schneider mit seinem Team fest. Natürlich können wir bei einer erfolgreicheren Zukunft auch wieder aufsatteln, sollten wir sportlich über den Erwartungen liegen. Wir dürfen und werden uns nicht für alle Zeiten nach unten manövrieren wie zum Beispiel der ein oder andere Traditionsverein in der Vergangenheit.

Können Sie den Weg von Werder Bremen wirklich ausschließen? Auch Werder hat nach einem schlechten Jahr ohne Champions League mit dem Sparen begonnen und steht nun an der Schwelle zur zweiten Liga.

Jobst: Ausschließen kann man im Fußball prinzipiell gar nichts. Aber Schalke 04 hat auch in den nächsten zwei, drei Jahren eine sehr starke Ertragskraft, die wichtigsten Einnahmesäulen sind unsere Vermarktungs- und medialen Erlösen. Unsere Sponsorenverträge sind langfristig angelegt und anhand der Erlöse liegen wir innerhalb der Bundesliga auf Platz drei. Aber auf Dauer korreliert die Ertragskraft natürlich immer mit dem sportlichen Erfolg. Wir müssen in unseren Möglichkeiten in unserem Anspruchsdenken in den nächsten Spielzeiten realistisch sein und auch allen Schalke-Fans signalisieren: Der Wettbewerb hat sich verändert.

Inwiefern?

Jobst: Es gibt mehr potenzielle Konkurrenten um die Europapokal-Teilnahme. Wir haben auch durch unsere langfristigen Verbindlichkeiten und die Dynamisierung der Pandemie mit erheblichen Auswirkungen zu kämpfen. Umso wichtiger: Die Neuausrichtung muss mit Augenmaß und wirtschaftlicher Vernunft erfolgen. Wir fahren in unterschiedlichen Bereichen Budgets nach unten, um bei sportlichem Erfolg variabel und zügig wieder hochfahren zu können. Schalke 04 ist und bleibt eine starke Marke mit enorm werthaltigen Rechten, die den Verbindlichkeiten gegenüberstehen. Vorrangig müssen wir unsere sportlichen Ziele jetzt aber realistisch neu definieren.

Wie sollen die künftig aussehen? Gehälter von maximal 2,5 Millionen Euro sind relativ wenig, gemessen an dem, was Spitzenspieler zuletzt hier verdienen konnten.

Jobst: Es stimmt, dass die Gehälter im Schnitt über dem Niveau liegen, das sportlich erreicht wurde. Jetzt liegt es in der sportlichen Verantwortung, kluge Transfers zu tätigen – im Einklang zwischen Transferausgaben und Transfereinnahmen. Ein 'Weiter so' wird es nicht geben.

Ist Schalke darauf angewiesen, ab einem gewissen Zeitpunkt wieder vor Zuschauern zu spielen?

Jobst: Nein. Die entscheidenden Einnahmesäulen sind die TV- und Sponsoring-Erlöse. Wir planen für die kommende Saison konservativ, das heißt, mit einer Hinrunde ohne Zuschauer und die daraus resultierenden Einnahmen.

War der Rücktritt von Clemens Tönnies für Schalke zum jetzigen Zeitpunkt auch eine Befreiung?

Jobst: Er hat diesen Verein über viele Jahre auf vielfältige Weise geprägt: mit seiner Art, seinem Führungsstil und seinem Einfluss. Er war für viele das Gesicht von Schalke 04. Seine Entscheidung ist ihm sehr schwergefallen, hat sich in den vergangenen Tagen aber abgezeichnet. Auch wenn das kurz nach seinem Rücktritt schwerfallen mag: Es liegt jetzt auch in Jochen Schneiders und meiner Vorstandsverantwortung, mit Schalke in die Zukunft zu blicken. Der Club wird sich dabei in gewissem Sinne emanzipieren und eine neue Führungskultur ebnen. Ich hatte eine sehr angenehme und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Clemens Tönnies und weiß, dass er Schalke auch weiter im Herzen trägt und bei Bedarf auch Ratgeber sein wird.

Waren die Diskussion um Tönnies und die Proteste gegen ihn am Ende eine zu große Belastung für Schalke?

Jobst: Es begann im letzten Jahr mit den rassistischen Äußerungen, die er als Unternehmer auf dem Handwerkstag in Paderborn geäußert und für die er sich entschuldigt hat. Diese Welle hat sich natürlich auch auf Schalke übertragen mit der Folge, dass wir bei Sponsoren und Fans Gesprächsbedarf spürten. Natürlich wussten wir immer, wie wichtig Clemens Tönnies mit seiner Entscheidungskraft und seinem Netzwerk für Schalke war. Probleme in seinem Unternehmen durch großflächige Corona-Infektionen innerhalb seiner Mitarbeiterschaft wurden in den letzten Wochen völlig undifferenziert 1:1 auf Schalke übertragen – nicht zuletzt sicher auch bedingt durch eine angespannte Grundstimmung nach unserer Niederlagenserie und dem negativen Gesamtbild, das Schalke in den letzten Monaten abgegeben hat.

Tönnies hat Schalke auch viel gegeben. Inwieweit werden er und sein Netzwerk Ihnen und dem Club fehlen?

Jobst: Nach über 20 Jahren können Sie davon ausgehen, dass ich in der Branche meine eigenen Kontakte habe, ein starkes Team an meiner Seite weiß und in den vergangenen Jahren den Verein entsprechend meiner Verantwortung erfolgreich vermarktet habe.

Welche Auswirkung hat der Rücktritt von Clemens Tönnies auf eine mögliche Ausgliederung der Profigesellschaft?

Jobst: Aktuell geht es in erster Linie darum, den Verein zu stabilisieren. Anschließend müssen Aufsichtsrat und Vorstand die Frage beantworten, wie Schalke langfristig im veränderten Wettbewerb sportlich und wirtschaftlich konkurrenzfähig sein kann. In anderen Worten: Natürlich ist es unsere Pflicht, uns Gedanken zu machen, wie die Zeit danach aussehen könnte, wenn man sich wieder den Zielen als international erfolgreicher Club widmen möchte. Denn ich bin überzeugt, dass die überwiegende Mehrheit der Schalke-Fans in Zukunft wieder ein sportlich erfolgreiches Schalke 04 sehen will. Wir sind aber noch nicht an dem Punkt, an dem Corona bereits überstanden und die nächste Saison stabilisiert ist. Daher ist es für eine ausführliche Diskussion mit unseren Mitgliedern eindeutig zu früh.

Also wird der Prozess einer möglichen Ausgliederung aktuell verlangsamt?

Jobst: Zeitlich darf Corona nicht zum Sprungbrett einer Rechtsformveränderung dienen. Wirtschaftlich beschleunigt die Pandemie jedoch die Grundsatzfrage. Ich wünsche mir deshalb die Diskussion darüber zu einem geeigneten Zeitpunkt, die dann mit Transparenz ausführlich geführt werden kann. Dafür müssen wir den Weg ebnen. Nun brauchen wir aber erstmal eine stabileres Schalke und müssen Vertrauen zurück gewinnen. Danach kann eine Diskussion stattfinden.

Wie wollen Sie das Vertrauen zurückgewinnen?

Jobst: Indem wir transparent sind und einige unbequeme Dinge klar benennen. Einige Schalker hoffen immer noch, bald müsse mal wieder der nächste Raúl verpflichtet werden und der Verein wieder angreifen. Das ist derzeit einfach nicht möglich. Die Wahrheit ist, dass uns einige Clubs enteilt und andere neu hinzugekommen sind. Wenn wir erfolgreicher sind als gedacht, können wir schnell wieder aufsatteln, weil die Ertragssituation immer noch überdurchschnittlich ist. Bayer Leverkusen etwa ist uns enteilt. Und auch, wenn es kein Schalker gerne hört: Borussia Dortmund ist weit weg. Das ist die Wahrheit. Ich wünschte, es wäre anders.

Musste Trainer David Wagner überzeugt werden von der Neuausrichtung?

Jobst: Überhaupt nicht. Wir sind überzeugt mit ihm den Weg zu gehen. Und David geht die Herausforderung mit Schalke zu 100 Prozent an.

Es steht eine NRW-Landesbürgschaft für einen neuen Kredit im Raum. Können Sie dazu Auskunft geben?

Jobst: Kreditgeber sind in solchen Fällen ja in der Regel die Hausbanken. Eine Grundvoraussetzung für die Übernahme einer Bürgschaft ist, dass ein Unternehmen ein tragfähiges Geschäftsmodell aufweist, also nachweist, dass es ist der Lage ist, Tilgungen und Zinsen, über die Laufzeit zu leisten. Das Land übernimmt gegenüber den Kreditgebern als Sicherheit eine Ausfallbürgschaft. Derartige Programme wurden aufgrund der Corona-Pandemie erweitert. Das heißt, die Gelder sind zu 100 Prozent zweckgebunden zur Liquiditätssicherung von coronabedingten Einnahmeverlusten. Sie können auf keinen Fall etwa zur Finanzierung von Spielern oder ähnlichem verwendet werden. In vielen anderen Branchen ist es völlig selbstverständlich, das Instrument der Landesbürgschaft zu nutzen.

Sie sprechen von coronabedingten Ausfällen – finanzielle Probleme hatte Schalke aber vorher schon.

Jobst: Die Saison 2019/2020 und die Saison 2020/2021 wären aber solide durchfinanziert gewesen. Wir haben das natürlich alles umfangreich dokumentiert. Zusätzlich müssen Fußballclubs ja auch im Rahmen der Lizenzierung der Deutschen Fußball Liga nachweisen, dass sie durchfinanziert sind. Hier hat Schalke in den letzten Jahren immer die Lizenz ohne Auflagen und Bedingungen erhalten. (dpa)

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