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Schalke-Vorstand Jobst: "Ohne Europa wird es schwerer"

Plant Schalkes Zukunft und stößt Diskussionen an: Marketingvorstand Alexander Jobst.

Plant Schalkes Zukunft und stößt Diskussionen an: Marketingvorstand Alexander Jobst.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Schalke trifft nun zweimal auf Hertha BSC. Wir haben mit Marketingvorstand Alexander Jobst über Investoren, Strategien und mehr gesprochen.

Im Konferenzraum der Geschäftsstelle des FC Schalke 04 ist Vergangenheit sichtbar. An der Wand hängt eine große Foto-Collage, auf der Raúl zu sehen ist – vielleicht der beste Fußballer, der je das königsblaue Trikot trug. Und Manuel Neuer, als er noch Schalkes Rückhalt war. Davor sitzt Alexander Jobst und spricht über die Gegenwart. Als Vorstand für Marketing und Kommunikation aber hat der 46-Jährige auch klare Vorstellungen für die Zukunft.

Es stehen Wegweiser an - zwei Spiele gegen Hertha BSC, erst in der Bundesliga, dann im DFB-Pokal. Sorgen Sie sich davor angesichts des 0:5 in München?

Alexander Jobst: Ich bin absolut überzeugt, dass sich die Mannschaft von dem Spiel in München nicht beeindrucken lässt, und zuversichtlich, dass wir ein anderes Gesicht zeigen.

Es öffnet sich gerade die Tür zum internationalen Geschäft. Muss man sich vom kurzfristigen Ziel, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln, verabschieden?

Jobst: Platz sechs würde ich unterschreiben, und zwar sofort. Nach oben werden nie Grenzen sein. Sie werden mich aber nicht auf einen Satz festnageln können wie: Der europäische Wettbewerb ist Pflicht. Wir werden nicht aktionistisch noch einen Großtransfer tätigen, weil wir denken: Jetzt stoßen wir die Tür weiter auf. Wichtig ist – und das war eines unserer Ziele für die Saison - wir sehen eine sportliche Entwicklung. Zudem bin ich sehr froh, dass die Lethargie im Umfeld, von der ich im Sommer gesprochen habe, komplett weg ist. Der Funke springt von der Mannschaft auf die Fans über; man hat wieder Lust auf Schalke. Das Geschäftsjahr 2019 hat erstmalig in meiner Zeit eine Stagnation bei den Vermarktungserlösen gebracht. Nun spüren wir für 2020 auch in meinem Verantwortungsbereich - Vermarktung, Ticketing, Hospitality - dass wir wieder wachsen. .

Welche Bedeutung hat das Pokalspiel gegen Hertha?

Jobst: Der Pokal ist der „einfachste“ Titel, den man gewinnen kann. Für Schalke 04 ist der Pokal immer ein besonderer Wettbewerb, weil wir eine große Erfolgsgeschichte haben. Fans, Verantwortliche, Partner, Sponsoren - wir alle träumen davon, mal wieder nach Berlin zu kommen. Ich habe schon ein paar Bilderchen im Kopf, über die ich nicht näher sprechen mag... Bis dahin ist aber noch ein weiter Weg zu gehen.

Die Bundesliga hat sich verändert, indem ein Big Player wie RB Leipzig dazugekommen ist. Erwächst in Hertha BSC mit den Millionen von Investor Lars Windhorst der nächste Konkurrent für Schalke, der dafür sorgen könnte, dass wieder ein Platz da oben weg ist?

Jobst: Das mag ich nach der kurzen Zeit nicht beurteilen. Die große Frage, die sich stellt: Wie wird mit dieser Investition umgegangen? Wird sie Erfolg garantieren können?

Hertha könnte mit der Idee „Big City Club“ weitere Investoren anziehen. Wirkt das Konzept auf Sie etwas schlüssiger als das in Hamburg, das schief gegangen ist mit viel Investoren-Geld?

Jobst: Das ist für mich schwierig zu beurteilen, ob es eine durchdachte, nachhaltige Strategie ist. Sie klingt attraktiv, sie bewirkt, dass Hertha BSC in der öffentlichen Wahrnehmung einen katapultartigen Effekt erzielt hat, dass es wieder interessant ist, Hertha zu verfolgen. Was daraus erfolgt, was Hertha daraus ableitet, dafür bin ich zu weit weg.

In den vergangenen drei Jahren war Schalke zweimal nicht international vertreten. Es treibt Sie sicherlich um, dass dies nicht dauerhaft passiert.

Jobst: Wenn Schalke europäisch spielt, können wir weiter wachsen. Spielen wir nicht europäisch, hat das Stagnation zur Folge, während in der Bundesliga ohnehin mehr Konkurrenten als noch vor ein paar Jahren um die europäischen Plätze spielen. Schalke 04 ist in seiner Organisation und in seiner Gesamtstruktur als europäischer Klub aufgestellt. Unser Anspruch ist es, auch in Zukunft so agieren zu wollen. Das zeigen auch die Infrastruktur-Maßnahmen mit Investitionen in Höhe von 90 Millionen Euro. Unsere Vermarktungserlöse sind innerhalb der letzten Jahre auf ein sehr hohes europäisches Niveau gewachsen, liegen bei jährlich über 90 Millionen Euro. Unsere Sponsoren und Partner haben den Anspruch, Schalke europäisch spielen zu sehen. Das ist und bleibt unser Ziel.

2014 hat der damalige Sportvorstand Horst Heldt einmal gesagt: „Wir wollen die Voraussetzung schaffen für eine neuerliche deutsche Meisterschaft“. Das war damals etwas verwunderlich, schien aber nicht unmöglich zu sein. Sie würden 2020 so einen Satz nicht noch einmal sagen...

Jobst: Ich habe ihn ja damals nicht gesagt (lacht).

Aber es war damals nicht so unrealistisch, wie es heute klingen würde. Was ist passiert in diesen sechs Jahren?

Jobst: Die äußere Wettbewerbssituation hat sich verändert. Selbstkritisch betrachtet, hat Schalke mit dem Umsatz, den wir erwirtschaften und der Top drei in der Bundesliga bedeutet, in sportlich wichtigen Entscheidungen nicht alles richtig gemacht. Für uns ist sehr wichtig, dass wir erstmals in der Organisation eine klare, feste Strategie erarbeitet haben mit Aufsichtsrat und Vorstand, personenunabhängig. Es gibt fünf vorgelagerte Ziele: Alles wird auf den sportlichen Erfolg ausgerichtet, wir wollen die Profitabilität steigern, die Expansion vorantreiben, die Fannähe weiter zum Ausdruck bringen und die digitale Transformation über den ganzen Verein vollziehen. Wir haben uns nicht davon abschrecken lassen, dass wir auf Platz 14 gelandet sind. Gottseidank haben wir den Abstieg verhindert. Sonst hätte man das großgelagerte Ziel, ein europäischer Klub zu sein, hinterfragen müssen. Ein Abstieg von Schalke wäre mit erheblichen Problemen verbunden gewesen. Der eine oder andere mag nun sagen: Eine Strategie hatten wir schon immer – sie war allerdings bisher allein auf Transfers und die Aufstellung der Mannschaft gerichtet. Also müssen wir doch so ehrlich und selbstkritisch sein: Eine Strategie ist nur dann eine Strategie, wenn sie langfristig ist und danach auch gearbeitet wird. Und dann muss ich sagen: Wir hatten bisher keine Strategie.

Was bedeutet digitale Transformation?

Jobst: Ganz lange haben die Vereine mit den größten Stadionkapazitäten und einem bestenfalls erfolgreichen Fußball am besten gewirtschaftet. Es war ein Stadionerlebnis, geprägt von Ticketeinnahmen. Dann startete in den 80er Jahren das Thema der TV-Erlöse. Ein Wachstumsfeld, das bis heute, hoffentlich auch nach der der neuen Medien-Ausschreibung für die Bundesliga, weitergeht. In den 90er Jahren kamen die klassischen Vermarktungsthemen Sponsoring, Merchandising und Hospitality als Erlösquellen für Klubs hinzu. Doch diese Felder, genau wie das Thema Ticketing, stoßen an Wachstumsgrenzen. Jetzt ist die große Frage: Was ist das nächste große Feld? Ich persönlich bin davon überzeugt, dass die Digitalisierung ein enorm wichtiges wird. Wir haben laut Studien bis zu zehn Millionen Schalke-Fans. Doch unser Problem war: Wir kannten sie lange Zeit noch gar nicht genau. Wir kannten die Fans, die sich täglich am Vereinsgelände tummeln oder eine Dauerkarte besitzen. Wir tun gut daran, die Fans näher an uns zu binden. In dieses Feld investieren wir jedes Jahr im siebenstelligen Bereich - und ich glaube, so weitsichtig wie kaum ein anderer Klub.

Sind Sie stolz darauf, eSport als einer der ersten Klubs entwickelt zu haben?

Jobst: Stolz nicht. Ich sage lieber: Wir fühlen uns bestätigt in unserer frühzeitigen Entscheidung. Es ist schön, zu sehen, dass die Tradition Schalke überhaupt nicht konträr ist zu einer Innovationsführerschaft. Wir können von der Geschichte erzählen und gleichzeitig sagen: Liebe Partner und Sponsoren, hier wird künftig die Musik spielen. Unser Weg ist aber bei weitem nicht zu Ende. Ein Verein wie Schalke 04 tut gut daran, eigene Geschäftsfelder zu entwickeln, weil wir nicht darauf angewiesen sein können, mit Herrn Windhorst zu agieren.

Sie haben in einem Interview mit dem Vereinsmagazin im Oktober zur Diskussion gestellt, über das Modell „eingetragener Verein“ nachzudenken. Warum stellen Sie diese auf Schalke wohl schwierigste Frage?

Jobst: Ich habe ganz bewusst sensibilisieren wollen. Verantwortliche und, ich bin sicher, auch der ganz große Teil der Anhängerschaft, wollen den FC Schalke 04 auch zukünftig erfolgreich sehen. Wenn wir mit unseren Mitteln auch in Zukunft klug, rational und wirtschaftlich handeln, kann es sein, dass sich die Frage kurz- und mittelfristig nicht stellen muss. Wir sind ein Verein, der in der Lage ist, in Spieler zu investieren und die sportliche Qualität weiterzuentwickeln. Das sollte aber bestenfalls gepaart sein mit Erlösen aus dem europäischen Geschäft. Bleiben die Erlöse aus, dann wird es in einer e.V.-Struktur schwieriger. Wenn wir nicht mehr aus eigenen Mitteln in der Lage sind, an einem Tag X Schalke erfolgreich weiterzuentwickeln, dann sollte es unter den Mitgliedern erlaubt sein, darüber zu diskutieren, wofür Schalke stehen will - nur noch für Gemeinschaft und Loyalität oder auch für Erfolg in der Bundesliga? Das ist ein Thema, das nicht heute, auch nicht morgen, vor der Entscheidung steht. Und am Ende würde die Diskussion sowieso vom Souverän geführt und das sind die Mitglieder des FC Schalke 04. Mir ist eines wichtig: Ich will weder Ängste schüren noch den Verein in Frage stellen. Gleichzeitig gehört es aber schlichtweg zu meiner Verantwortung, die Zukunft des Wettbewerbs im Auge zu behalten und mögliche Auswirkungen für Schalke 04 frühzeitig zu betrachten.

Werder Bremen war viele Jahre ein sicherer Europa-Kandidat. Plötzlich brach es ab, weil die Transfers nicht funktionierten. Und Werder ist nun seit Jahren Mittelmaß. Sehen Sie diese Gefahr?

Jobst: Nicht kurzfristig, weil unsere Wirtschaftskraft sehr stabil bleiben wird. Wir tun gut daran, langfristige Verträge auch mit unseren Partnern abzuschließen: In schlechten Zeiten haben wir die Gewissheit, dass uns kein wirtschaftlicher Schaden entsteht. In erfolgreichen Zeiten haben unsere Partner die Gewissheit der Loyalität von Schalke. Dennoch ist klar: Verpassen wir das europäische Geschäft, sinken die medialen Erlöse, bleiben die Erlöse aus den europäischen Töpfen aus und mittelfristig auch die Vermarktungserlöse. Dann wäre es töricht, wenn wir uns zum Zeitpunkt X nicht mit der Frage beschäftigten: Ändern wir das vorrangige strategische Ziel - oder müssen wir über die Gesamtstruktur des FC Schalke 04 diskutieren?

Falls man der Kernfrage entgehen will, muss Schalke also dauerhaft im Europapokal spielen.

Jobst: Man sollte in fünf Jahren dreimal europäisch spielen.

Die Mitglieder hätten am liebsten beides: hohe Ansprüche, aber in den alten Strukturen. Da könnte der Knackpunkt liegen.

Jobst: Das Leben ist leider nicht immer ein Wunschkonzert. Die überwiegende Mehrheit der Fans und Mitglieder, mit denen ich spreche, hat ein feines Gespür dafür, wo sich Schalke im Gesamtkontext des Fußballgeschäfts befindet. Sie hat große Freude daran, wenn wir ein 2:0 gegen Mönchengladbach erleben, uns in den Armen liegen und sagen: So wollen wir Schalke sehen. Es ist unsere Verantwortung, das ermöglichen zu können.

Felix Magath hat zu seiner Zeit einmal gesagt, er könne in seiner Position kein Schalke-Fan sein. Sind Sie das?

Jobst: Nach acht Jahren kann ich sagen, dass man sich ganz schnell und zu 100 Prozent mit dem Klub identifiziert. Ich sehe die Spiele aus Fan-Sicht, habe aber immer im Kopf: Du hast eine Verantwortung, bleibe rational. Das ist der Auftrag, der vom Aufsichtsrat an mich gestellt wurde. Es ist manchmal nicht so einfach mit der Balance, wenn es in der 90. Minute hoch hergeht. Ich bin froh und glücklich, in so einem emotionalen Klub zu arbeiten. Ich setze ein großes Fragezeichen, ob das in der Bundesliga in irgendeinem anderen Klub möglich wäre.

Dürfen Sie bei der Kurzfristigkeit des Geschäfts darüber nachdenken, was in fünf, zehn Jahren ist? Wie sehen solche Visionen aus?

Jobst: Schalke 04 hat das langfristige Ziel, ein großer europäischer Klub zu bleiben. Meine Mission ist, dass ich gerne mit Schalke einen Titel gewinnen möchte - ich habe noch keinen gewonnen in meiner Zeit hier. In meinem Verantwortungsbereich möchte ich, das betrachte ich als Auftrag, in den kommenden zwei Jahren die 100-Millionen-Euro-Vermarktungserlös-Schallmauer knacken. Wenn wir das erreichen, sind wir europäisch auf einem Top-Niveau. Den Traum, den wir alle haben, den brauche ich nicht aussprechen. Den leben wir auch weiter.

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