Schalke-Analyse

Glück aus: Wie sich Schalke so sehr verzocken konnte

Schalke 2015 – eine Ansammlung von Stars. Vorne jubelt Torschütze Huntelaar, hinter ihm freuen sich (von links) Nastasic, Goretzka, Farfan, Höwedes, Sané, Matip und Neustädter.

Schalke 2015 – eine Ansammlung von Stars. Vorne jubelt Torschütze Huntelaar, hinter ihm freuen sich (von links) Nastasic, Goretzka, Farfan, Höwedes, Sané, Matip und Neustädter.

Foto: imago

Gelsenkirchen.  Sportlicher Tiefflug, hohe Schulden, Abschied des Finanzchefs: Schalke 04 ist in Schieflage geraten. Wie konnte es so weit kommen? Eine Analyse

Um verstehen zu können, wie der FC Schalke 04 in die derzeit so bedrohliche Lage kommen konnte, lohnt sich ein Blick zurück. Nicht ewig weit, nicht in die Zeit der Achtziger und frühen Neunziger, als Existenzangst in der Vereinssatzung festgeschrieben zu sein schien. Es reicht schon, sieben Jahre zurückzuschauen.

Am 25. Mai 2013 fand in London das Endspiel der Champions League statt. Die Finalisten kamen aus der Bundesliga: der FC Bayern, natürlich, und sein Herausforderer Borussia Dortmund, der 2011 und 2012 Deutscher Meister geworden war. Die Bayern siegten 2:1, und Clemens Tönnies sah ihnen dabei zu. Der Aufsichtsratsvorsitzende des FC Schalke 04 war fasziniert von der Atmosphäre in Wembley.

Zurück in Deutschland, berichtete er den Führungskräften seines Klubs mit Begeisterung vom gerade Empfundenen. Und formulierte dabei ein Ziel: So ein Finale wolle er mit Schalke auch mal erleben. Den Verantwortlichen war klar: Das war kein Wunsch. Das war ein Auftrag.

Bemerkenswerter Weg des Rivalen aus dem Revier

Hirngespinste eines Träumers? Vorsicht. Vor sieben Jahren war der Fußball in Deutschland noch anders sortiert. Da ahnte noch niemand, dass der FC Bayern ab sofort ein Meister-Abo abschließen würde. Was Tönnies so optimistisch machte, war die bemerkenswerte Wandlung des Rivalen aus dem Revier: der relativ kurze Weg des BVB von seiner nur knapp abgewendeten Insolvenz im Jahr 2005 bis in die europäische Spitze im Jahr 2013.

Schalke 04 war damals für Stars noch ein reizvoller Klub, auch nach dem Abschied des großen Raúl. Von 2012 bis 2014 spielte Schalke dreimal nacheinander in der Champions League. „Wenn die Bayern mal nicht in der Lage sein sollten, ihre Rolle zu bestätigen, müssen wir ein Verein sein, der mitstreitet“, sagte der frühere Sportvorstand Horst Heldt im August 2014. „Man strebt immer zum Maximum, und das ist der Gewinn von Wettbewerben.“

Statt des erhofften Schrittes nach vorne gab es einen Rückfall

So dachte auch Clemens Tönnies. Schalke sollte sich der Wucht seiner Wirkung mehr bewusst werden. Und auch mal was riskieren.

Doch als es entscheidend vorwärts gehen sollte, kam das Team sportlich ins Stottern. Jens Keller wurde 2014 als Trainer abgelöst, Horst Heldt versprach sich von dem Italiener Roberto Di Matteo, der 2012 als Interimstrainer mit Chelsea in München die Champions League gewonnen hatte, internationale Klasse. Die Saison endete auf Platz sechs, drei Tage später trat Di Matteo zurück. Eine Wendemarke.

Platz sechs galt vor fünf Jahren noch als Enttäuschung

Nur Europa League? Das galt auf Schalke vor fünf Jahren als satte Enttäuschung. Sie führte bei Clemens Tönnies zu dem Gedanken, Horst Heldts Vertrag 2016 auslaufen zu lassen. Christian Heidel sollte Schalke auf die nächste Ebene hieven. Doch schon dessen erste Trainerwahl erwies sich als Fehlgriff: Markus Weinzierl wurde mit Schalke Zehnter. Das Wagnis mit dem jungen Domenico Tedesco schien gutzugehen, die Premierensaison endete auf Rang zwei. Doch schon eine Saison später geriet Schalke in Abstiegsgefahr: Christian Heidel ging, Jochen Schneider kam, der Trainer wurde entlassen.

Im letzten Jahr unter Heldt und danach unter Heidel verlor Schalke lauter Hochkaräter: Julian Draxler, Joel Matip, Leroy Sané, Sead Kolasinac, Leon Goretzka und Thilo Kehrer waren nicht zu halten, teilweise konnten sie ablösefrei wechseln. Kapitän Benedikt Höwedes, ein Ur-Schalker, wurde degradiert und flüchtete. Die rund 50 Millionen Euro Ablöse, die Manchester City 2016 für Sané überwies, boten noch eine echte Chance. Die aber wurde kräftig vermasselt. Teure neue Stars wurden geholt, doch Nabil Bentaleb, Yevhen Konoplyanka, Breel Embolo und Sebastian Rudy schlugen nicht ein, verloren an Wert, vergrößerten die Finanzprobleme.

Europa – ein erdrückender Zwang

Weil sich Schalke einen Kader leistete, dessen Qualität nicht mit dem Gehaltsgefüge korrespondierte, blieb bei mittlerweile 197 Millionen Euro Verbindlichkeiten bis heute der erdrückende Zwang, einen europäischen Wettbewerb zu erreichen. „Man sollte in fünf Jahren dreimal europäisch spielen“, sagte Marketing-Vorstand Alexander Jobst im Januar. Der Zug aber wird nun erneut ohne Schalke abfahren. Der krasse Absturz unter dem neuen Trainer David Wagner ist in diesem Eiltempo nicht zu erklären. Nicht mit Verletzungspech, nicht mit der Corona-Pause, denn der Tiefflug hatte vorher begonnen.

Schon früh in der Pandemiezeit wiesen die Schalker öffentlich auf ihre großen finanziellen Sorgen hin, um ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Geisterspielen zu schaffen. Als der Ball wieder ins Rollen kam, linderte dies die Schmerzen nur kurzfristig. Ein mickriges Pünktchen gegen die Abstiegskandidaten Augsburg, Düsseldorf, Bremen und Union Berlin – Europa adé, Glück aus. Die Realität ist brutal: Schalke hat sich verzockt.

Peters verweist auch auf die geschaffenen Werte des Vereins

Und so kam es auch noch zum Knall auf höchster Ebene. Mitten in der Krise einigte man sich vor einer Woche auf die Auflösung des Vertrags von Finanzvorstand Peter Peters, der 27 Jahre lang auf Schalke Verantwortung trug. Auch er hatte den Schuldenberg aufgetürmt, doch er verweist auf die Werte, die der Verein geschaffen hat: Die Arena ist abbezahlt, das Vereinsgelände wird ausgebaut, die Marketingrechte gehören dem Klub. Peters versichert: „Es muss sich keiner Sorgen machen um Schalke 04.“

Sein Weg wäre ein rigoroser Sparkurs gewesen. Ein neuer Stürmer, ein neuer Torwart – an diesem Rad wollte Peters nicht mehr mitdrehen. Sportliche Qualitätsverluste aber will Tönnies, der ewig Ehrgeizige, nicht weiter hinnehmen. Er sucht im Doppelpass mit seinem Vertrauten Jobst eine andere Lösung.

Das sensible Thema Ausgliederung steht nun bevor

Ziel ist die möglichst zügige Ausgliederung der Profiabteilung, um an Investorengelder zu kommen – ein hochsensibles Thema bei diesem traditionsreichen eingetragenen Verein. 75 Prozent der Mitglieder müssten dafür stimmen, das ist eine hohe Hürde. Tönnies hat es inzwischen schwerer als früher, die Reihen zu schließen, der dumme rassistische Spruch vom vergangenen Jahr hängt ihm noch nach, auch wenn er ihn tausendmal bereut hat.

Der Abschied von Peters, so heißt es, habe mit den Ausgliederungsplänen nichts zu tun. Ihm wurde am Ende eines längeren Prozesses des Auseinanderlebens die unnötige Verärgerung der eigenen Fans beim Umgang mit Ticket-Rückzahlungen zum Verhängnis. Schalkes Außendarstellung, schon durch die fragwürdige Trennung von Mediendirektor Thomas Spiegel aufs Spiel gesetzt: ein Trümmerfeld.

Die Konkurrenz-Situation hat sich stark verändert

Um Schalke 04 herum hat sich der Fußball in Deutschland in wenigen Jahren verändert. RB Leipzig mischt direkt hinter Bayern und Dortmund mit, ein Emporkömmling, bei dem Geld keine Rolle spielt. Hertha BSC rüstet ganz groß auf – die Konkurrenz um die europäischen Plätze, vor allem um den einen realistisch erreichbaren in der Champions League, ist deutlich größer geworden. Deshalb ist die Frage berechtigt: Wohin will Schalke 04? In dieser Rechtsform mit dieser Schuldenlast dürfte es künftig unmöglich werden, Höheres anzustreben. Du kannst den Mount Everest nicht in Badelatschen bezwingen.

Aber eine Erfolgsgarantie bietet das Ausgliederungsmodell allein eben auch noch nicht. Entscheidend wäre, wie Schalke mit vielen frischen Millionen umgehen würde. Es gibt mahnende Beispiele. Der Hamburger SV und der VfB Stuttgart spielen in der Zweiten Liga.

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