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Gehrke zur Schalke-Krise: Was jetzt passieren muss

Holger Gehrke war erst Torwart auf Schalke, später dann Co-Trainer unter Huub Stevens und Torwart-Trainer.

Holger Gehrke war erst Torwart auf Schalke, später dann Co-Trainer unter Huub Stevens und Torwart-Trainer.

Foto: Jürgen Fromme firo Sportphoto / firo Sportphoto

Gelsenkirchen.  Holger Gehrke erlebte mit Blau-Weiß Berlin auch einmal eine Serie mit 21 sieglosen Spielen: Er spricht darüber, was Schalke jetzt tun muss.

Beim Anruf der WAZ glaubt Holger Gehrke zuerst, dass es sich um eine Verwechslung handelt und wir mit ihm über Tasmania Berlin reden wollen – die Mannschaft, die als schlechteste aller Zeiten in die Geschichte der Bundesliga einging. Gehrke (60) hat es fast schon verdrängt, dass er mit einem anderen Berliner Verein vor über 30 Jahren selbst eine Negativ-Serie auf dem aktuellen Schalker Niveau erlebt hat: Zehn seiner 86 Bundesligaspiele bestritt der Torwart in der Saison 1986/87 für Blau-Weiß 90 Berlin, das nach 21 sieglosen Spielen dann das 22. gewann. Hier spricht der frühere Schalker Torwart-Trainer, der auch Fußball-Lehrer ist, darüber, wie Schalke am Freitag (20.30 Uhr) im Heimspiel gegen Stuttgart die Wende schaffen kann.

Herr Gehrke, wie war das mit dem ersten Sieg bei Blau-Weiß 90?

Holger Gehrke Ich weiß gar nicht mehr, gegen wen wir damals gewonnen haben. War es Homburg?

Laut Datenbank war es ein 3:1 in Frankfurt. Der junge Kalle Riedle schoss zwei Tore. Egon Flad, später auf Schalke, spielte auch mit.

Wir hatten tatsächlich eigentlich eine ganz gute Truppe. Mit René Vandereycken hatten wir einen früheren belgischen Nationalspieler, dazu gute Jungs wie Horst Feilzer. Mit dieser Mannschaft hätten wir nicht absteigen dürfen. Bernd Hoss, der leider schon verstorben ist, war unser Trainer. Man soll ja nichts Schlechtes sagen, aber wir haben im Training eigentlich nur zwei Spielformen gehabt: Das Kreisspiel und Jung gegen Alt – mehr nicht. Aber Bernd Hoss hat sich mit den Journalisten gut verstanden, deswegen haben die ihn in Ruhe gelassen.

Damals waren Sie Spieler heute sind Sie Fußball-Lehrer. Was muss man tun, um eine Mannschaft nach 21 Spielen ohne Sieg wieder auf Vordermann zu bringen?

Das, was wir beide gerade machen, darüber zu reden, ist bei einer Mannschaft schon kontraproduktiv. Man sollte bei den Spielern positive Erinnerungen wecken, ihnen zum Beispiel auch Videos zeigen von Spielen, die sie noch gewonnen haben. Ich hoffe nicht, dass diese Bilder auf Schalke noch schwarz-weiß sind… (lacht)

Und auf dem Trainingsplatz?

Auch da geht es darum, wieder Selbstvertrauen zu finden, um die Köpfe freizukriegen. Man muss im Training vor allem Sachen machen, an denen die Jungs Spaß haben. Wenn man sie nur mit Taktik zupflastert, geht es in die Hose. Es gibt aber unzählige Spielformen, um im Training viele Tore zu erzielen. Über diese kleinen Schritte macht man dann irgendwann auch wieder den großen Schritt im Spiel.

Zu Ihrer aktiven Zeit auf Schalke hat der damalige Präsident Günter Eichberg mal nach einer heftigen Niederlage gesagt, die Spieler sollten zusammen einen trinken gehen. Hilft auch sowas?

Ich war ja damals der Kapitän, und mir hat Günter Eichberg einmal gesagt: „Holger, aus einem traurigen Arsch kommt kein fröhlicher Furz. Holt euch den Revier-Barden und macht euch einen schönen Abend.“

Sie meinen „Ährwin“ Weiss, den Revier-Sänger, der auch schon verstorben ist?

Genau. Heute kommt aber nicht mehr der Revier-Barde, aber vielleicht Samba-Musik aus Brasilien. Es gibt Etliches, um aus der Grütze rauszukommen. Man kann einen Mannschaftsabend machen, man kann zusammen zum Padel-Tennis gehen. Es geht um Ablenkung – einfach, um nicht zu verkrampfen.

Aus eigener Erfahrung: Wenn man 21 Spiele nicht gewonnen hat – glaubt man dann überhaupt noch daran, dass es im 22. klappt?

Wenn der Glaube nicht mehr da ist, kann man den Betrieb einstellen oder die freiwillige Feuerwehr hinschicken. Das ist ja das Gute im Fußball: Man kann mit einem Spiel vieles vergessen machen, was vorher war.

Haben Sie das Derby gesehen?

Nur in Ausschnitten. Schalke wirkte wie das Kaninchen vor der Schlange. Es ist aber auch verständlich, dass man in dieser Lage erstmal versucht, sicher in der Abwehr zu stehen.

Manuel Baum wollte keine Abwehrschlacht – er wollte pressen.

Als Trainer hat man eine Idee, wie man spielen lassen will, aber die Frage ist: Sehen die Spieler das genauso? Vielleicht haben die sich auch gesagt: Lasst uns lieber Beton anrühren, sonst kriegen wir hier richtig einen auf den Arsch. Manchmal entwickelt sich das im Unterbewusstsein während des Spiels. Das muss man aber nicht überbewerten – es ist auch nur eine Mutmaßung.

Was sagen Sie zu Schalkes neuem Torwart Frederik Rönnow?

Wenn man ganz strenge Kriterien anlegt, hat er beim ersten Gegentor im Derby den Ball nach vorne abklatschen lassen, nachdem er den Schuss eigentlich gut gehalten hatte. Und beim zweiten Gegentor muss er einfach stehenbleiben, auch wenn das von Haaland wirklich weltklasse gemacht war. Das waren keine Torwartfehler, aber es waren zwei Tore, bei denen man es besser lösen kann.

Wer ist für Sie der Stärkere: Rönnow oder Ralf Fährmann?

Das kann ich nicht beurteilen, weil ich Rönnow nicht gut genug kenne. Meine Meinung zu Ralle ist bekannt: Er braucht Vertrauen und Rhythmus – dann ist er gut.

Leiden Sie eigentlich noch mit Schalke?

Aber 100-prozentig! Es wäre der Super-GAU, wenn Schalke absteigen würde.

Sie halten das also für möglich?

Man muss sich dessen bewusst sein, dass auch sowas passieren kann. Mannschaften wie Bielefeld, die darauf eingestellt sind, gegen den Abstieg zu spielen, haben einen Vorteil gegenüber einer Truppe, die ganz andere Ziele hatte.

Bekommt man als Profi eigentlich Hohn und Spott von außen mit, wenn über Monate so gar nichts zusammenläuft?

Na klar – dazu fällt mir auch eine Geschichte ein. Mit Blau-Weiß 90 haben wir an einem Freitagabend in der verbotenen Stadt gespielt und 0:7 verloren – dummerweise war ich auch noch im Tor. (lacht) Am Samstag sind wir zurück nach Berlin geflogen, und als wir am Gepäckband unsere weinroten Adidas-Taschen abholen wollten, hatten die Arbeiter auf jede einzelne Tasche mit Kreide eine große Sieben gekritzelt. Hohn und Spott gibt’s in einer solchen Lage umsonst, davon kriegst du einiges mit. Manchmal ist das ein Spießrutenlauf.

Im Moment dürfen ja keine Fans ins Stadion: Für Schalke ein Vor- oder ein Nachteil?

Ich sage: Die können froh sein, dass keine Fans da sind. Die Spieler müssten sich einiges anhören.

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