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Ein Schalke-Idol geht: Höwedes beendet seine Karriere

Sein größter Moment: Schalke-Idol Benedikt Höwedes küsst den WM-Pokal.

Sein größter Moment: Schalke-Idol Benedikt Höwedes küsst den WM-Pokal.

Foto: dpa

Gelsenkirchen.  Benedikt Höwedes beendet seine Karriere. Das verkündete er im Spiegel. Für Schalke bestritt er 335 Pflichtspiele. Er ist ein königsblaues Idol.

Er ist dank seiner sportlichen Leistungen ein Idol beim FC Schalke 04, er war bei der Weltmeisterschaft 2014 ein wichtiger Spieler für Deutschland - und mit seinen klaren Aussagen immer ein Fußballprofi, dessen Kampfgeist nicht mit dem Abpfiff endete - nun beendet Benedikt Höwedes mit 32 Jahren seine aktive Karriere. Das verkündete er im Spiegel. "Ich wollte jetzt einen Schlussstrich ziehen", sagte Höwedes im Rücktritts-Interview. Zwei Wochen nach André Schürrle geht der nächste Weltmeister von 2014.

Höwedes geht nicht im Groll, aber sehr nachdenklich. Mit seinem langjährigen Verein, den er immer noch sehr liebt, ging er hart ins Gericht. Auch Schalke habe sich von den normalen Fans immer mehr distanziert: "Früher kamen in Schalke in den Ferien schon mal 5000 Leute zum Training, heute allenfalls ein paar Hundert. Da geht etwas verloren. Schalke 04 ist für viele Menschen immer noch ein Lebensinhalt, einen solchen Verein muss man anders führen als einen Retortenklub", sagte er. Er selbst habe sich immer für Verlässlichkeit und Vereinstreue eingesetzt.

Nun hört er auf. Es gab zwei Jahre, die in der Karriere des Innenverteidigers maßgeblich waren. Zwei Jahre schon war er Stammspieler der Königsblauen, in der Saison 2010/2011 trat er aus dem Schatten der prominenten Teamkollegen - mit 23 Jahren. Mit Schalke erreichte er das Halbfinale der Champions League - in einem Viertelfinalspiel staunte erstmals ganz Europa über diesen jungen Abwehrspieler. Beim 2:1-Rückspielsieg über Inter Mailand war er der beste Spieler auf dem Feld, erzielte nach einem Lauf über den ganzen Platz ein Tor. Am 21. Mai 2011 folgte der erste Höhepunkt seiner Profikarriere. Mit Schalke 04 siegte er im DFB-Pokalfinale mit 5:0 gegen den Zweitligisten MSV Duisburg, er selbst erzielte ein Tor. Torwart Manuel Neuer wechselte danach zum FC Bayern - und für die Nachfolge als Kapitän kam nur einer in Frage: Höwedes.

Sein Mentor: Schalkes U19-Trainer Norbert Elgert

Anfänglich fremdelte Höwedes noch etwas mit der neuen Rolle, doch diese Phase dauerte nicht lang. Er stellte sich den Fans und der Öffentlichkeit fortan immer. Auch in schwierigen Situationen - und davon gab es fortan einige. Floskeln waren nie sein Ding. Er wolle doch nur der Mannschaft helfen - solche Sätze sagte er selten. Doch eins machte er nie: aufgeben. Damit hielt er sich an das Motto seines Mentors Norbert Elgert. Die Zeit beim legendären U19-Trainer hatte "Bene", wie er auf Schalke genannt wird, geprägt. Das betonte er stets. Und sie war entscheidend für das zweite wichtige Jahr seiner Laufbahn: 2014.

Sein großes Ziel war immer die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Doch die stand ganz lange auf der Kippe. Ein Muskelbündelriss hatte ihn im März 2014 außer Gefecht gesetzt, erst im letzten Saisonspiel kam er zu einem Kurzeinsatz. Bundestrainer Joachim Löw setzte dennoch auf den Malocher aus dem Ruhrgebiet. Der wurde nominiert und nahm eine wichtige Rolle ein - in allen sieben Spielen von der ersten bis zur letzten Minute. Und er spielte nicht einmal auf seiner Lieblingsposition in der Innenverteidigung. Er kam auf der linken Abwehrseite zum Einsatz. Nie spielte er filigran, aber er kämpfte. Und am 13. Juli 2014 folgte ím Marcana in Rio de Janeiro die Belohnung: Weltmeister! Gegen Argentinien. 1:0 nach Verlängerung, welch ein Triumph. Aus seiner Heimatstadt Haltern am See wurde die Weltmeister-Stadt. "Ich empfinde es als großes Glück, einer von den 23 zu sein, die dazu beitragen durften, diesen Titel nach Hause zu bringen", sagte Höwedes im Dezember 2014 dieser Redaktion.

Trennung von Schalke im Sommer 2017 unter Trainer Tedesco

Seinem Klub Schalke 04 blieb er als Kapitän treu. Die folgenden Jahre blieben turbulent. 2016 wurde er noch einmal für die Europameisterschaft nominiert - unvergessen ist eine Grätsche im Halbfinale gegen Frankreich (0:2). Im letzten Moment spitzelte er nach einem langen Sprint Stürmer Olivier Giroud den Ball vom Fuß - noch einmal staunte Europa über den Mann in Deutschlands Abwehr. Doch nach der EM änderte sich auf Schalke ein kleines Detail: Für den langjährigen Manager Horst Heldt, der ihn immer sehr geschätzt hatte, übernahm Christian Heidel. Das erste Jahr unter dem neuen Trainer Markus Weinzierl ging schief, Schalke landete nur im Tabellen-Mittelfeld. Nicht immer spielte Schalke gut, immer häufiger musste Höwedes vor den Mikrofonen schlechte Leistungen erklären. Seine Omnipräsenz kam nicht bei allen Mitspielern gut an. Im Team gab es eine Grüppchenbildung, verhindern konnte das der Kapitän nicht.

Dass Im Sommer 2017 nach 17 Jahren die untrennbar scheinende Beziehung zwischen Höwedes und den Königsblauen endete, kam dennoch sehr überraschend. Auf Schalke hatte es erneut einen Trainerwechsel gegeben: Für Weinzierl hatte Domenico Tedesco übernommen. Und der junge Trainer wirbelte erst einmal viel durcheinander: Höwedes wurde als Kapitän durch Ralf Fährmann ersetzt, die Stammplatz-Garantie des Weltmeisters war futsch. Er hätte sich wie jeder andere Profi in der Vorbereitung gegen die Konkurrenz durchsetzen müssen. Er fühlte sich in der Ehre gekränkt, sah seine Chancen auf eine Teilnahme an der WM 2018 in Russland schwinden. Höwedes ging im Streit, unvorstellbar eigentlich. Und etwas, was ihn immer noch sehr wurmt: "Das hat mich kalt erwischt, weil ich mich immer sehr für die Werte dieses Klubs eingesetzt habe, für Verlässlichkeit und Vereinstreue." Er habe sich in der Weinzierl-Saison stets fitspritzen lassen - "auf Druck von Vereinsseite und vom Trainer." Die Leistungen seien deswegen nicht die besten gewesen. Er ließ sich in der Sommerpause operieren: "Dann kommt ein neuer Trainer, es geht in die neue Spielzeit, und plötzlich bin ich weg vom Fenster." Er hätte auf Schalke seine Karriere beenden wollen.

Karriereende nach 335 Pflichtspielen für Schalke

Die wurde nach seinem Abgang nicht mehr so erfolgreich wie in den Jahren 2011 und 2014. Er wechselte auf Leihbasis nach Italien zu Juventus Turin, holte in der Saison 2017/18 den einzigen Meistertitel seiner Karriere. Doch er war ständig verletzt, kam in der Serie A nur dreimal zum Einsatz. Für die WM 2018 wurde er nicht nominiert. Juve zog die Kaufoption nicht. Doch zu Schalke kehrte er nicht mehr zurück. Er unterschrieb noch einmal einen lukrativen Vertrag, wechselte für zwei Jahre zu Lokomotive Moskau nach Russland. Vier Tore gelangen ihm in 50 Spielen. Und sein wohl schönstes Spiel seiner Post-Schalke-Zeit bestritt er am 11. Dezember 2018, mitten im Winter. Lok Moskau, schon ausgeschieden aus der Champions League, trat im letzten Gruppenspiel auf Schalke an. Nach der 0:1-Niederlage stand "Bene", der Idol, Legende, Publikumsliebling geblieben ist, allein vor der Nordkurve und wurde gefeiert. Ein Schalker ist er immer geblieben. Aber auch einer, der auch von den größten Rivalen immer geschätzt wurde. Denn er sagte einmal: "Ich bin mir meiner Vorbildrolle sehr bewusst, aber nicht erst seit der WM."

Nun endete sein Vertrag in Moskau, in der Corona-Pause löste er ihn vorzeitig auf. Er ließ zunächst offen, ob er noch weiterspielen möchte. Schalke-Fans träumten von einer Rückkehr. Doch nun endet Höwedes' Karriere - nach 335 Spielen für Schalke, 50 für Lok Moskau, drei für Juventus Turin und 44 für die A-Nationalmannschaft. Dass er noch einmal für S04 tätig wird, ist nicht ausgeschlossen. Außerhalb des Rasens bleibt er dem Fußball verbunden. Er will ein Masterstudium für Sportmanagement bei der Uefa beginnen. In der Sportmarketing-Agentur seines Freundes Raphael Brinkert wird er Trainee, bei seinem Heimatverein TuS Haltern will er noch ein wenig kicken. Im Stadion hängt dort sein Trikot in der Geschäftsstelle, seine Freunde hat er nicht vergessen. Und nun hat er mehr Zeit für seine Frau Lisa und seinen Sohn Bas - ein Hauptgrund für seine Entscheidung. "Vor Kurzem war ich mit meiner Frau und meinem Kind mit einem Campingbus in Südfrankreich unterwegs. Da habe ich gemerkt, wie krass es mich erfüllt hat, meinen Sohn hautnah zu erleben. Da wurde Fußball plötzlich so unwichtig für mich", sagte er. Er ist eben ein Familienmensch.

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