Fußball-Interview

Eine Revier-Legende wird 60: So geht es Frank Mill

Frank Mill feiert seinen 60. Geburtstag.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Frank Mill feiert seinen 60. Geburtstag.

Essen.  Frank Mill feiert wird 60! Wir haben mit der Revier-Legende über seine Karriere, die Nationalmannschaft und seine berühmteste Szene gesprochen.

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Einer der besten Spieler, den das Ruhrgebiet hervorgebracht hat, feiert am Montag seinen 60. Geburtstag: Der gebürtige Essener Frank Mill erzielte 123 Tore in 387 Bundesliga-Einsätzen für Rot-Weiss Essen, Borussia Mönchengladbach, den BVB und Fortuna Düsseldorf. Mit Dortmund wurde er 1989 DFB-Pokalsieger. Ein Jahr zuvor gewann Mill als Kapitän mit der deutschen Olympia-Auswahl die Bronzemedaille bei den Spielen in Seoul. Beim WM-Titel 1990 stand der Stürmer im Kader, kam jedoch nicht zum Einsatz.

Vor seinem runden Geburtstag haben wir Mill in einer seiner Fußballschulen in Solingen besucht. Trotz tropischer Temperaturen steht der Ex-Profi gut gelaunt auf dem Platz und zeigt Kindern im Alter von sechs bis 14 Jahren, was er während seiner langen Laufbahn gelernt hat. Das große Interview:

Frank Mill, gibt es mit 60 Jahren Ziele, die Sie noch verwirklichen möchten?

Frank Mill: Ich bin mit meinem aktuellen Leben sehr glücklich. Ich bin ja immer noch mit der BVB-Traditionsmannschaft aktiv. Das wird gegen die Jüngeren immer schwerer, aber ich halte noch mit. Es macht mir Spaß und auch der Ehrgeiz ist da. Spielen wir gegen Schalke, ist das immer ein echter Krieg. Nach dem Spiel ist aber alles gegessen. So lange meine Beine mich halten, mache ich weiter. Zudem macht mir die Arbeit in den Fußballschulen Spaß. Ich arbeite seit Jahren mit Kindern, teilweise auch mit Behinderung, die Spaß am Fußball haben. Das ist eine tolle Sache. Ab und an wünsche ich mir, etwas Zeit für mich und meine Familie zu haben. Aber die werde ich mir nehmen.

Von der deutschen Nationalmannschaft haben Sie kein verfrühtes Geburtstagsgeschenk erhalten. Wie ist Ihre Meinung zum WM-Debakel?

Mill: Das hat mich schon sehr überrascht, denn wir haben gute Spieler in unseren Reihen, die das Fußballspielen nicht verlernt haben können. Es fing aber schon mit der Unruhe rund um die Geschichte mit Özil und Gündogan an. Für eine Mannschaft ist so etwas immer schlecht. Das ist wie ein Damoklesschwert, das über einem schwebt. Der DFB hätte anders reagieren müssen.

Was wäre Ihrer Meinung nach notwendig gewesen?

Mill: Ich hätte beide Spieler gar nicht mitgenommen. Wir haben einen Präsidenten, der Steinmeier heißt und nicht Erdogan. Wenn sich Özil und Gündogan mit diesem Despoten fotografieren lassen, dann sollten sie sich ihm anschließen und nicht mehr für Deutschland spielen. Das ist meine ganz klare Meinung. Der DFB hat keine klare Linie gehabt.

Ist es auch ein Fehler, dass der DFB an Bundestrainer Joachim Löw festhält?

Mill: Ja. Für mich wirkte die Mannschaft bei dieser WM nicht fit und war nicht gut eingestellt. Die anderen Mannschaften waren körperlich besser drauf. Dafür ist der Trainer verantwortlich. Ich hätte einen kompletten Neuanfang begrüßt. Der deutsche Fußball hat Jogi Löw und auch Oliver Bierhoff sehr viel zu verdanken. Aber nach so einem Turnier hätte ein Schlussstrich gezogen werden müssen. Aus meiner Sicht war es auch nicht nachvollziehbar, dass Löws Vertrag vor der WM um zwei weitere Jahre bis 2022 verlängert wurde. Das war nicht notwendig.

Die Nationalmannschaft hat sich bei der WM blamiert, die Bundesliga, abgesehen von den Bayern, im Europapokal. Wie sehr hat der Ruf des deutschen Fußballs gelitten?

Mill: Ich hoffe, dass es bei der Nationalmannschaft nur eine Momentaufnahme ist. Wir haben immer tolle Spieler hervorgebracht und bei den letzten Turnieren tolle Erfolge gefeiert. Die Bundesliga hat allerdings extrem unter den finanziellen Auswüchsen im internationalen Fußball gelitten. Außer den Bayern ist keine Mannschaft mehr konkurrenzfähig. Wir werden auch in den nächsten fünf Jahren den gleichen Meister haben. Vielleicht sollte man über ein Playoff-Modell nachdenken, damit der Titelkampf zumindest etwas spannender wird. In den letzten Jahren war es einfach zu langweilig.

Zuletzt haben wieder mehr deutsche Spieler den Weg ins Ausland gesucht. Sie haben zu Ihrer aktiven Zeit auf diesen Schritt verzichtet. Bereuen Sie das?

Mill: Definitiv. Ich hatte drei Möglichkeiten, ins Ausland zu wechseln. Vertreter von AC Mailand kamen 1984 mit einem Koffer voll Geld zu mir. Ich hätte 100.000 Mark nur für die Unterschrift bekommen. Aus familiären Gründen lehnte ich ab. Ich hätte es machen sollen. Wenn Spieler ins Ausland gehen, um neue Erfahrungen zu sammeln, kann ich das gut verstehen. Sonst bereue ich aber nichts. Ich durfte 21 Jahre lang als Profi Fußball spielen. Darauf bin ich stolz.

Sie haben die irren Summen auf dem Transfermarkt angesprochen. Ihr Wechsel aus Mönchengladbach nach Dortmund hat der Borussia 1,3 Millionen Mark eingebracht. Was wäre ein Frank Mill heute wert?

Mill: (lacht) Sehr viel mehr. Wäre ich heute noch aktiv, würde ich zwischen sechs und acht Millionen Euro verdienen. Denn Torjäger werden mehr denn je gebraucht und werden gut bezahlt. Aber ich kann mich nicht beschweren. Was soll denn Gerd Müller sagen? Er hat sehr viel weniger als ich verdient. Ich kann mich nicht beschweren. Ich habe viel erlebt, viel gesehen und auch viel Geld verdient.

Einen schlitzohrigen und torgefährlichen Stürmer wie Frank Mill könnte der deutsche Fußball aktuell gut gebrauchen. Sterben diese Typen aus?

Mill: In der Tat hätten wir einen reinen Stürmer gut gebrauchen können. Die richtigen Strafraumstürmer gibt es kaum noch. Einige WM-Teams wie Kroatien mit Mandzukic oder Belgien mit Lukaku hatten diese Typen und waren damit sehr erfolgreich. Der Trend ging zuletzt zu den flexiblen Angreifern, die beweglicher sind und auch über außen kommen können. Aber manchmal benötigt man auch jemanden, der die Dinger einfach rein macht. Auch der BVB hatte so einen Spielertypen zuletzt nicht. Sie sollten sich um einen Mann wie Mandzukic bemühen. Er bringt wirklich alles mit, was diese Mannschaft benötigt. Vor allem Einsatz, Einstellung und Torgefahr.

Sandro Wagner hat den DFB und Joachim Löw dafür kritisiert, dass Spieler, die offen ihre Meinung äußern, nicht gefragt sind. Hat er damit Recht?

Mill: Ja, das sehe ich auch so. Offene Worte sind nicht gern gesehen. Ich hätte heute sicher ein großes Problem mit den Trainern und Vereinen bekommen, da ich eine große Klappe hatte. Ich habe mich immer gerade gemacht für meine Mannschaft. Und meine Meinung habe ich stets vertreten, weil ich mein Gesicht nicht verlieren wollte, auch wenn ich der Buhmann war. Das liegt vielleicht am Ruhrgebiet. Wenn mir was auf den Senkel geht, sage ich das. Sandro Wagner gefällt mir als Typ. Auch von seiner Spielweise. Der Fußball ist ohnehin körperloser geworden. Schauen Sie sich meine Nase an, die wurde sechsmal im Spiel gebrochen. Heute wird bei jeder Kleinigkeit abgebrochen. Früher wurde ich über den ganzen Platz gejagt und getreten und musste lange warten, bis mal Gelb gezückt wurde. Meine Gegenspieler hatten fünf Fouls frei, bis was gesagt wurde.

Wie gehen Sie mit den Kindern in Ihren Fußballschulen um? Vermitteln Sie Werte aus der alten Zeit?

Mill: Definitiv. Ich bin oft der Buhmann, weil ich am Anfang etwas strenger bin und auch die Peitsche auspacke. Aber dafür lieben sie mich nach ein paar Tagen. Sie wissen immer, dass es bei mir Zuckerbrot und Peitsche gibt. Das halte ich für den richtigen Weg.

Vor zehn Jahren haben Sie zu Ihrem 50. Geburtstag bedauert, dass Ihr Ex-Klub Rot-Weiss Essen in der 4. Liga spielt. Zum 60. Jahrestag hat sich nichts daran geändert. Haben Sie Hoffnung, dass es zum 70. Geburtstag besser aussieht?

Mill: Leider nicht. Es müssten sich schon grundlegende Dinge ändern. Ich gönne es RWE. Das ist doch klar. Alle Voraussetzungen wären da. Das Stadion, die Fans. Aber es geht in erster Linie um den sportlichen Erfolg. Der war in den letzten Jahren einfach nicht da. Die Euphorie fehlt komplett. RWE hat seinen Trainer an den VfR Aalen verloren. Das ist traurig für so eine große Stadt. Das muss sich ändern. Ich wünsche es der Stadt.

Beim BVB lief es zuletzt auch nicht rund. Geht es nun unter Lucien Favre aufwärts?

Mill: Ich bin mir sicher, dass er der richtige Mann ist. Er ist ein Fachmann, der sehr viel Ruhe ausstrahlt. Natürlich kann er nach diesem schwachen Jahr nicht viel mehr falsch machen als seine Vorgänger. Aber ich denke schon, dass der BVB wieder zu alter Stärke finden wird, wenn der Kader an der einen oder anderen Stelle noch verstärkt wird.

Fortuna Düsseldorf ist zurück in der Bundesliga. Trauen Sie Friedhelm Funkel und Ihrem Ex-Klub den Klassenerhalt zu?

Mill: Das freut mich wirklich sehr für die Fortuna. Ich gönne es Friedhelm Funkel. Er ist ein guter Typ vom alten Schlag. Er kann es mit seiner Mannschaft schaffen.

Borussia Mönchengladbach haben Sie 1986 im Unfrieden verlassen. Sie wurden öffentlich von Jupp Heynckes kritisiert. Gab es jemals eine Aussprache?

Mill: Es ging konkret um das Europapokal-Spiel am 11. Dezember 1985 bei Real Madrid. Wir haben 0:4 verloren, das Hinspiel hatten wir 5:1 gewonnen und schieden somit aus. Man hatte damals versucht, mir die Niederlage anzukreiden, weil ich zwei Chancen vergab. Heynckes kritisierte mich dafür. Ich bin alleine auf den Torwart zu gelaufen und da kamen zwei Verteidiger auf mich zu. Zwei Mörder. Ich schoss in Bedrängnis aufs Tor und der Ball ging an den Außenpfosten. Das war der Anfang vom Ende. Am Ende der Saison habe ich ein lächerliches Vertragsangebot erhalten und bin nach Dortmund gegangen. Dort erzielte ich in der Hinrunde 13 Tore und dann kam Gladbach wieder auf mich zu und wollte mich zurück. Für das doppelte Geld. Ich habe natürlich abgewunken. Aber das ist gegessen. Ich mag Borussia Mönchengladbach und hoffe, dass der Klub wieder international spielt. Mit Jupp Heynckes gibt es kein Problem mehr. Wir haben uns ausgesprochen. Er ist ein großartiger Trainer. Wer so lange erfolgreich ist, hat großen Respekt verdient.

Abschließend müssen wir Sie natürlich noch auf Ihren legendären Pfostentreffer mit dem BVB in München ansprechen. Nervt Sie diese Geschichte langsam?

Mill: Manchmal schon, wenn man immer wieder darauf angesprochen wird. Aber ich denke, dass es auch etwas gutes hatte. Fehler sind menschlich. Die Leute haben es dann irgendwann positiv gesehen und als aufmunterndes Beispiel verwendet, wenn ähnliches geschah. ‚Das ist dem Franky auch passiert‘, hieß es dann. Ich wollte meinen Gegenspieler damals verarschen, am Ende war ich selbst der Depp. Ich kann damit leben.

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