Interview

Ex-Schalker über Wattenscheid-Aus: "Kein schönes Gefühl"

Ungewisse Fußball-Zukunft: Richard Weber weiß nicht genau, wie es weitergeht.

Ungewisse Fußball-Zukunft: Richard Weber weiß nicht genau, wie es weitergeht.

Foto: Joachim Kleine-Büning

Wattenscheid.  Richard Weber wechselte im Sommer von Schalkes U 23 zur SG Wattenscheid 09. Vier Monate später ging die SGW insolvent. Ein WAZ-Interview.

Richard Weber ist erst seit einigen Tagen wieder zurück in der Heimat. Der Gelsenkirchener hatte sich ein erholsames Wochenende an der holländischen Nordseeküste gegönnt. Nach den turbulenten Wochen bei der insolventen und aus der Fußball-Regionalliga zurückgezogenen SG Wattenscheid 09 war das auch bitter nötig. Im Interview mit der WAZ schildert der 28-jährige Verteidiger, der erst im Sommer von Schalkes U 23 zur Lohrheide gewechselt war, unter anderem, wie er die schwierige Situation erlebt hat, und er lobt die sportliche Reaktion des Teams.

Herr Weber, fangen wir mal mit dem Positiven an: Wie war der Urlaub?

Richard Weber Der war sehr schön und vor allem erholsam. Ich wollte nach den schweren Monaten in Wattenscheid mal abschalten. Ein richtiges Wochenende hat man als Berufsfußballer ja sonst auch selten. Deshalb war es angenehm, mit der Frau und dem Hund mal spontan wegzufahren.

Am 23. Oktober haben Sie die Mitteilung erhalten, dass die SG Wattenscheid 09 aus der Regionalliga zurückziehen muss. Wie haben Sie darauf reagiert?

Das war natürlich kein schönes Gefühl. Wir hatten ja immer darauf gehofft, dass es doch noch einen Ausweg gibt. Aber so hatte man dann Klarheit, dass es nicht mehr weitergeht.

Das heißt also, sie sind nun arbeitslos?

Nein. Ich habe vor zwei Monaten eine halbe Stelle bei der Stiftung Schalke hilft! angenommen. Das war sehr gut mit Wattenscheid vereinbar. Diesen Job mache ich auch weiterhin.

Sie sind im Sommer erst zur Lohrheide gewechselt. War Ihnen die prekäre finanzielle Lage damals bewusst, oder wurden Sie in irgendeiner Form darüber aufgeklärt?

Wenn man den Schritt nach Wattenscheid geht, muss man mit solchen Problemen rechnen. Die Entwicklung in den vergangenen Jahren war ja oft von Chaos geprägt. Mir war daher bewusst, dass es durchaus nicht einfach wird. Eine Insolvenz hatte ich aber natürlich nicht erwartet. Darüber wurde auch vorab nicht mit uns gesprochen, wir haben sowieso nur selten Verantwortliche zu Gesicht bekommen. Der Verein hatte keine klare Struktur. In erster Linie hat sich unser Trainer Farat Toku um alles gekümmert. Später hat uns dann die Insolvenzverwalterin regelmäßig informiert.

Inwiefern war das auch in der Mannschaft ein Thema?

Natürlich spricht man innerhalb des Teams darüber. Ich bin nach wie vor beeindruckt, wie Mannschaft und Trainerteam damit umgegangen sind und sich aufs Sportliche fokussiert haben. Der Trainer hat das unfassbar gut vorgelebt und uns Spieler immer wieder motiviert. Ich bin mir sicher, dass er irgendwann höherklassig trainieren wird. Das Finanzielle hat uns nicht beeinträchtigt, das konnten wir sowieso nicht beeinflussen.

Sie sprechen die starken sportlichen Leistungen an. Zwischen der Eröffnung des Verfahrens und des endgültigen Rückzugs hat die SGW fünf Punkte aus drei Spielen geholt.

Ja, wir waren einfach eine coole Truppe mit starkem Charakter. Wir haben teilweise monatelang auf unser Geld gewartet und trotzdem auf Prämien verzichtet und regelmäßig gepunktet. Das habe ich in dieser Form selten erlebt. Wir waren sportlich auf einem guten Weg und hätten den Neun-Punkte-Abzug sicher noch aufgeholt. Deshalb ist es sehr traurig, dass es so auseinandergegangen ist.

Wie haben Sie das letzte Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf II erlebt?

Das war eine komische Situation. Wir haben uns gesagt, dass wir wohl zum letzten Mal in dieser Konstellation auf dem Platz stehen werden und noch einmal Spaß haben wollen. Dass wir den Fans dann einen 3:0-Sieg zurückgeben konnten, war natürlich super. Als erwachsene Leute nach Abpfiff geweint haben, wurde einem als Spieler richtig bewusst, was der Klub den Menschen bedeutet. Das war sehr emotional. Die Fans waren aber dankbar, dass wir noch einmal gewonnen haben. Das tat sehr gut.

Bereuen Sie den Wechsel inzwischen?

Ich hatte in der vergangenen Saison auf Schalke wegen meiner Verletzung ein schwieriges Jahr, so dass mir frühzeitig und fair kommuniziert worden war, dass ich mir einen neuen Verein suchen soll. Dass ich nach Wattenscheid gegangenen bin, bereue ich aber nicht. Das war eine Erfahrung fürs Leben. So etwas muss man vielleicht auch mal durchge­macht haben, um wieder positiv aufzustehen. Die vier Monate waren sehr intensiv, sogar intensiver als eine ganze Saison. Aber die Arbeit mit der Mannschaft und dem Trainerteam hat sehr viel Spaß gemacht.

Haben Sie schon Pläne, wie es für Sie nun weitergeht?

Klar, habe ich mir schon einige Gedanken gemacht. Ich bin Fußballer durch und durch und möchte zurück auf den Platz. Aber wir sind ja noch bis zum 1. Januar gesperrt. Wir können uns nur irgendwo fit halten, jeder Verein wird uns erst ab diesem Datum einstellen. Bei mir wird nun jedoch die berufliche Perspektive mehr in den Vordergrund rücken. Daher könnte es vielleicht eine Liga tiefer werden. Es muss ein Klub sein, bei dem ich Beruf und Fußball gut kombinieren kann und dementsprechend abends trainiert wird. Wo das dann genau sein wird, wird sich zeigen.

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