Fußball

Pyrotechnik, Fans und DFB: Die Fronten bleiben verhärtet

Bengalische Feuer beim DFB-Pokalfinale in Berlin.

Bengalische Feuer beim DFB-Pokalfinale in Berlin.

Foto: firo Sportphoto

Essen.  Kalte, ungefährlichere Pyrotechnik könnte den Konflikt zwischen Fans und Verband lösen. Die Bundesregierung will dabei nicht vermitteln.

Es wurde mal wieder über den Hamburger SV gesprochen. Ausnahmsweise aber nicht die sportliche Talfahrt in die 2. Bundesliga. Anfang des Jahres wagte Klubchef Bernd Hoffmann einen spannenden Vorstoß zum Umgang mit Pyrotechnik in Fußballstadien. „Klar ist, dass wir einen anderen Umgang mit der Thematik brauchen als bisher“, sagte der 56-Jährige . „Wenn man sich eingesteht, dass Pyro Teil ein Teil der Fankultur ist, und das haben wir, dann muss man zumindest über alternative Lösungen ernsthaft nachdenken.“ Die Aussagen stammen aus dem Februar, passiert ist nichts. Nur in Bremen, wo der SV Werder „kalte“ Pyrotechnik getestet hat. Sie sei noch keine Lösung. „Wir wollen die Diskussion an dieser Stelle nicht beenden“, sagte Präsident Hubertus Hess-Grunewald.

Die Bundesregierung will sich da nun weiter heraus halten. Das geht aus einer Antwort auf die kleine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Monika Lazar hervor, die dieser Redaktion vorab vorlag. „Eine vermittelnde Rolle im vorliegenden Interessenkonflikt ist keine Aufgabe der Bundesregierung“, heißt es in dem Schreiben.

DFB bricht den Dialog ab

In Fußballstadien ist das Abbrennen der über 2000 Grad heißen und mit beträchtlicher Rauchentwicklung verbundenen Fackeln verboten. Vor fast acht Jahren hatten Fußballfans im Dialog mit den Verbänden versucht, für einen verantwortungsvollen Umgang Pyro zu werben. Mit Modellprojekten wie speziellen Abbrennzonen in den Kurven. Die Fackeln selbst sollte etwa nur noch durch Fans entzündet werden, die vorher dafür geschult worden sind. 160 Ultra-Gruppen hatten die Initiative „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“ deutschlandweit organisiert – bis der DFB plötzlich die Gespräche abbrach. Die Fans fühlten sich hintergangen. Seit dem sind die bengalischen Feuer in den Augen der Ultras nicht nur ein Mittel, im Stadion für eine besondere Atmosphäre zu erzeugen, sondern vor allem auch eine Form des Protests. So brennen die Fackeln in den Kurven weiter regelmäßig Die Fronten zwischen Fans und Verbänden sind verhärtet wie nie. Und das wird sich wohl auch künftig nicht ändern.

„Klar ist: Der rein repressive Kampf gegen Pyrotechnik ist gescheitert. Populistische law-and-order Forderungen, wie Knast für Zündler, bringen uns nicht weiter“, sagt Monika Lazar, Sprecherin für Sportpolitik der Grünen-Bundestagsfraktion. „Sie befeuern vielmehr einen Konflikt, den man entschärfen könnte, würde man auch hierzulande auf einen alternativen Umgang mit Pyrotechnik setzen.“ Eine Möglichkeit: kalte Pyrotechnik. Ein Pilotprojekt aus Dänemark, das dort und auch in anderen europäischen Ländern, vor allem in Skandinavien, bereits erfolgreich angewandt wird. „Wenn es dort funktioniert, wieso nicht auch hier?“, fragt Lazar. Die Fackeln werden „nur“ 200 Grad heiß und entwickeln deutlich weniger Rauch. Laut Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung (BAM) suggeriert die kalte Pyrotechnik jedoch eine Gefahrenreduzierung, die „bei einer Verwendung auf engem Raum bzw. in Menschenmassen so nicht gegeben ist“. Dabei spiele nicht nur die Temperatur eine Rolle sondern auf Atembeschwerden und Augenreizungen durch Gasentwicklung.

Fananwalt befüchtet weiter verhärtete Fronten

Zwischen der Saison 2013/2014 und 2017/18 haben sich in der Bundesliga 196 Personen durch (heiße) Pyrotechnik im Stadion verletzt. Zum Vergleich: Allein in der Saison 2017/18 zählten die Bundesliga-Klubs 13.665.118 Millionen Fans im Stadion. Dazu käme laut Bundesregierung noch eine Dunkelziffer, da nur Fälle registriert wurden, bei denen sich Verletzte bei der Polizei gemeldet hätten.

Die meiste Pyrotechnik, die in deutschen Stadien gezündet wird, hat eine CE-Kennzeichnung. Damit entspricht es den europäischen Harmonisierungsrechtsvorschriften der Gemeinschaft. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Verwendung der Fackeln im Fußballstadion verstößt nicht gegen das Sprengstoffgesetz sondern ist lediglich eine Ordnungswidrigkeit. „Kalte“ Pyrotechnik hat die Kennzeichnung übrigens nicht. „Der Aufwand, der in deutschen Stadien betrieben wird, um gegen Ordnungswidrigkeiten vorzugehen, ist eine Vergeudung von Ressourcen“, sagt Fananwalt Andreas Hüttl gegenüber dieser Redaktion. „Man könnte den Eindruck gewinnen, die Polizei hätte derzeit keine anderen Probleme. Und das in Zeiten, in denen so viel über die hohe Arbeitsbelastung und die vielen Einsatzstunden der Beamten gesprochen wird.“

Die Gefahr, die von den Fackeln ausgeht, wenn sie Richtung Spielfeld oder in andere Blöcke geworfen werden, will dennoch niemand wegdiskutieren. „Wenn die Fackel die Hand verlässt, hört der Spaß auf“, sagt Hüttl, der befürchtet, dass sich das Verhältnis von Fans, Verbänden und Polizei noch verschlimmern wird. Etwa weil Repressionen gegen Fans deutlich verschärft werden würden. Ein Beispiel seien Betretungsverbote, Meldeauflagen oder der Prozess gegen drei BVB-Fans, die Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp beleidigt haben und nun eine hohe Geldstrafe zahlen müssen. Fananwalt Hüttl meint: „Das Stadion bleibt weiterhin ein Experimentierfeld für Sicherheitspolitiker, um sich zu profilieren.“

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