DFB-Interview

Nationalspieler Jonathan Tah: "Bin zum Mann geworden"

Nationalspieler Jonathan Tah

Nationalspieler Jonathan Tah

Foto: dpa

Hamburg  Jonathan Tah hat die deutsche U21 zu EM-Silber geführt. Am Freitag soll er in der Nationalmannschaft gegen Holland verteidigen. Ein Interview.

Um 18.30 Uhr wurde es am Donnerstag für Jonathan Tah ernst. Abschlusstraining. Im Volksparkstadion. In seinem Volksparkstadion. Sechs Jahre lang spielte der gebürtige Hamburger für den HSV -- jetzt kehrt der Leverkusener zurück. Als Nationalspieler. Vorher nahm sich Tah noch Zeit für einen Blick zurück nach vorn.

Herr Tah, Sie haben mit 17 Jahren für den HSV im Volksparkstadion debütiert. Hätten Sie es damals gewagt, davon zu träumen, nur wenige Jahre später mit der Nationalmannschaft in Ihre alte Heimat zurückzukehren?

Jonathan Tah: Das hätte ich mir nie erträumen können. Für mich ist dieses Spiel wirklich etwas ganz Besonderes. Deutschland gegen die Niederlande. Am Freitagabend. Flutlicht. In meiner Heimatstadt Hamburg. Mehr geht eigentlich nicht.

Sie sind in Altona aufgewachsen…

Tah: …nur ein paar Kilometer vom Stadion entfernt. Das ist schon unglaublich. Ich bin auch extra einen Tag vor der verabredeten Ankunft an der Alster nach Hamburg gereist, um meine Eltern in Altona noch besuchen zu können.

Wurden Sie bombardiert mit Kartenwünschen?

Tah: Den einen oder anderen Wunsch gab es schon, aber ich habe den Kreis eng gehalten. Meine Eltern und meine Geschwister werden natürlich gegen die Niederlande im Stadion sein. Und natürlich freue ich mich, wenn auch andere Freunde noch dabei sind – sie mussten sich dann aber selbst eine Karte kaufen. Ich kann den DFB ja nicht mal eben um 50, 60 Karten bitten (lacht).

Es ist schon fünf Jahre her, dass Sie im Volksparkstadion für den HSV gespielt haben. Verfolgen Sie trotzdem noch den Weg Ihres Ex-Klubs?

Tah: Natürlich verfolge ich noch immer alles rund um den HSV. Besonders als Sportchef Jonas Boldt von Leverkusen nach Hamburg gewechselt ist, habe ich noch intensiver den HSV verfolgt. Ich habe ihn nach seinem Wechsel angerufen und gesagt: Du machst das schon.

Und er? Hat gesagt: Und ich hole Dich zurück?

Tah: (lacht) Das hat er wirklich angedeutet – aber als reinen Spaß. Ich bin mir sicher, dass Jonas viel Freude in Hamburg haben wird.

In den vergangenen vier Wochen musste sich Jonas Boldt besonders um den Fall Bakery Jatta kümmern. Wie haben Sie die Diskussionen um den Gambier wahrgenommen?

Tah: Ich würde es dem Jungen einfach wünschen, dass er jetzt wieder mit freiem Kopf Fußball spielen kann. Baka ist ein richtig Guter. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass U-21-Nationaltrainer Stefan Kuntz sich offenbar nach ihm erkundigt hat.

Sie haben noch im vergangenen Sommer unter Kuntz als Kapitän bei der U-21-Europameisterschaft gespielt…

Tah: Viele haben mich gefragt, warum ich als A-Nationalspieler überhaupt zum Turnier gefahren bin. Aber für mich war das eine Riesenerfahrung. Es ist nämlich etwas ganz anderes, ob man als Kaderspieler bei einem Turnier dabei ist. Oder eben als Kapitän.

Sami Khedira hat als U-21-Kapitän 2009 den EM-Titel geholt und anschließend gesagt, dass ihn die U21 vom Jungen zum Mann gemacht hat.

Tah: Das war bei mir genauso. Ich wollte unbedingt zur U-21-EM, weil es das letzte Mal war, dass ich aufgrund meines Alters dabei sein konnte. Und als Kapitän musste ich natürlich viel mehr Verantwortung übernehmen als zum Beispiel in Leverkusen oder bei der A-Nationalmannschaft. Plötzlich ist man der Erfahrene, der versucht, das große Ganze zu beachten.

Wie meinen Sie das?

Tah: Wenn man auf dem Trainingsplatz merkt, dass es bei einem Mitspieler so gar nicht läuft, dann geht man schon mal zum Kollegen nach dem Training aufs Zimmer und ist füreinander da. Man ist dann eben nicht mehr der Junge. Oder wie es Khedira sagen würde: Ich bin zum Mann geworden.

Der Junge Jonathan wurde bereits 2016 zur A-Nationalmannschaft nachnominiert. 2018 waren Sie nicht dabei. Wie sehr brennt nun der Mann Tah auf das Turnier im kommenden Jahr?

Tah: Erst einmal müssen wir uns qualifizieren. Aber natürlich ist im Hinterkopf, dass ich wirklich gerne mittendrin statt nur dabei wäre.

2016 wurden Sie aus dem Urlaub in Florida geholt, nachdem sich Antonio Rüdiger das Kreuzband gerissen hat. Diesmal werden Sie aber für den Sommer 2020 keinen Urlaub buchen, oder?

Tah: Definitiv nicht. Ich möchte dem Bundestrainer mit jeder Aktion zeigen, dass ich bei der Euro 2020 dabei sein will.

Der Bundestrainer hat bereits letzte Woche angedeutet, dass Sie auch gegen die Niederlande von Anfang an dabei sein könnten. Rechnen Sie auch damit?

Tah: Ich rechne mit gar nichts. Aber ich möchte natürlich sehr gerne spielen – und dann möchte ich die mögliche Chance auch nutzen.

Sie würden auf Virgil van Dijk treffen, den viele als den besten Innenverteidiger der Welt bezeichnen. Würden Sie das so unterschreiben?

Tah: Er ist Europas Fußballer des Jahres geworden. Das sagt ja schon alles. Natürlich ist Virgil brutal gut. Er hat eine unglaubliche Präsenz auf dem Platz, ist ein echter Leader. Von ihm kann man sich natürlich etwas abschauen.

Van Dijk ist Europas Fußballer des Jahres und sein Innenverteidigungspartner Matthijs de Ligt ist gerade für mehr als 80 Millionen Euro zu Juventus Turin gewechselt. Sind Abwehrspieler plötzlich the next big thing?

Tah: Naja, die Offensivspieler sind ja auch nicht für 1,50 Euro im Transfersommer gewechselt. Aber es stimmt schon, dass die Wertschätzung für Abwehrspieler größer geworden ist. Das liegt vielleicht auch daran, dass Verteidiger eben nicht mehr nur verteidigen. Sondern mit ihrem Spielaufbau etwa auch gezielt Offensivaktionen einleiten.

Wo ist bei Ihnen noch am meisten Luft nach oben?

Tah: Verbesserungsmöglichkeiten sehe ich in der Präsenz und Leaderrolle auf dem Platz. Auch im Offensivkopfball kann ich noch zulegen. Da ist Real Madrids Sergio Ramos eine Bank. Wahnsinn, wie er beim Kopfball abhebt. Man kann sich von vielen Spielern vieles abgucken. Und natürlich sollte man auch sein eigenes Spiel intensiv analysieren. Hierbei hole ich mir auch ein wenig Hilfe außerhalb des Vereins oder der Nationalmannschaft.

Wie meinen Sie das?

Tah: Ach, ich will das nicht an die große Glocke hängen. Aber es hilft natürlich, wenn ich mir Videos mit meinen Stärken und Schwächen anschaue und somit vergangene Spiele zusätzlich aufarbeite.

Sie holen sich in vielen Bereichen externe Hilfe, haben zum Beispiel auch ihren eigenen Physiotherapeut.

Tah: Das stimmt. Man tut eben, was man kann, um noch ein paar Prozent rauszukitzeln. Ich möchte mich ständig weiterentwickeln.

Stimmt es, dass Sie Ihre Erkenntnisse aus den Videosessions immer noch einmal aufschreiben müssen?

Tah: Ja, das Verschriftlichen hilft mir. Nach jedem Spiel schreibe ich mir auf, was ich gut und was ich weniger gut gemacht habe.

Tahs Diarys?

Tah: Ach, das ist keine große Sache. Aber ich gucke schon jede Woche in meine Notizen. Und natürlich versuche ich, das Theoretische dann auch auf dem Platz in die Praxis umzusetzen. Vielleicht ja schon am Abend gegen die Niederlande oder am Montag in Nordirland. Wir wollen die nächsten Schritte zur EURO 2020 gehen.

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