Mönchengladbach. Die Liebe zum Fußball ist bei einigen Fans trotz Corona-Krise nicht abgeflacht. Das zeigt das Gladbach-Spiel gegen Real Madrid. Eine Reportage.

Der Fußball wirkt auf manche Fans wie eine Droge. Er macht süchtig. Um die akuten Entzugserscheinungen zumindest etwas zu mildern, schrecken sie vor nichts zurück. Und so drückten einige Anhänger von Borussia Mönchengladbach und Real Madrid ihren Lieblingen während des Champions-League-Spiels (2:2) am Dienstag wegen der Corona-Vorschriften nicht im, aber immerhin vor dem Stadion die Daumen. Eindrücke eines unvergesslichen Abends, an dem eine Fußballpartie zum Hör-Spiel wurde.

Gladbach gegen Real. Das gab‘s zuletzt vor 35 Jahren. Im Uefa-Cup. Bekanntlich mit einem tragischem Ausgang für die Borussia, die nach einem 5:1-Triumph im Hinspiel dann noch mit 0:4 im Estadio Bernabeu verlor und somit ausschied. Nun wollte es die Auslosung, dass die „Königlichen“ im Europapokal endlich einmal wieder Hof für die Gladbacher hielten. Doch bei der Krönung dieser Saison für die Gastgeber war ihr eigenes Fußvolk leider ausgeschlossen. Die NRW-Landesregierung hatte im Vorfeld die Zahl der erlaubten Zuschauer offiziell auf Null festgelegt.

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Davon lassen sich so manche aber nicht schrecken – und kommen am Abend trotzdem zum Borussia-Park. So wie Masood. Er hat iranische Wurzeln, lange in Spanien gelebt und ist nun in Mönchengladbach zu Hause. Zwei Fußball-Herzen schlagen in der Brust des Bauingenieurs: eines für Real, eines für die Borussia. „Aber das für Real schlägt noch ein wenig heftiger“, sagt er und lacht. Er hat eine Fahne mit dem Vereinsemblem der Madrilenen mitgebracht. Sie wird zum begehrten Leihobjekt. Denn rund 40 Fans der Spanier stehen hier am Tor, durch das der Teambus gleich rollen soll. Sie alle borgen sich Masoods Fahne, um mit ihr und dem grün beleuchteten Stadion im Hintergrund ein Erinnerungsfoto zu schießen. „Ich glaube, es wird heute ein Unentschieden“, beweist Masood im Nachhinein betrachtet seine Tauglichkeit als Orakel.

50 statt 500 Ordner beim Champions-League-Spiel

Und da kommen die Busse. Erst der von Real. Wegen der getönten Scheiben ist im Inneren kein einziger der Spieler zu erkennen. Die Fans winken trotzdem. Alle mit gezückten Handys. Kurz darauf fährt der Borussen-Bus auf den Stadion-Vorplatz und spuckt in 50 Metern Entfernung die Protagonisten des Abends aus. Noch anderthalb Stunden bis zum Anpfiff.

Beim Rundgang um das Stadion fallen die vielen Ordner in ihren orange-gelben Westen auf. „So viele sind wir heute gar nicht“, sagt Peer, der seit 2008 diesen Job mit viel Herzblut übernimmt. Statt der bei Bundesliga-Spielen üblichen 500 Ordner sind es heute nur 50. Ihr Hauptaugenmerk: darauf zu achten, dass kein Fan über die Zäune klettert und ins Innere des Stadions gelangt.

„Klettern ist mir zu anstrengend“, sagt ein schmunzelnder Mann Ende 50 mit Helmut-Schmidt-Mütze auf dem Kopf. „Ich habe zwei Karten für das Spiel zu Hause liegen – personalisiert mit meinem Namen drauf“, erzählt der Borussen-Fan. Tauscht er sie wieder gegen die 100 Euro um, die er dafür bezahlt hat. „Auf keinen Fall. Diese Karten sind doch was ganz Besonderes. Die hebe ich auf.“

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Ein Anhänger im dunkelgrünen Gladbach-Kapuzenpullover nickt zustimmend. Er hat sich hier an Eingangstor 78 poitioniert, weil dieses von allen am nächsten am Stadion dran ist. Es ist kurz vor neun.

530 Kilometer pro Strecke für ein Fußballspiel vor dem Stadion

Gleich geht‘s los. Und über die Lautsprecheranlage des Stadions, die auch hier draußen noch gut zu hören ist, erklingt die Champions-League-Hymne. „Deswegen bin ich heute hierher gekommen, um diesen Moment zu erleben“, sagt er. Und wo kommt er her? „Aus Magdeburg!“ So weit gefahren, nur um die Hymne zu hören? „Das sind doch nur 530 Kilometer pro Strecke“, sagt er mit einem Augenzwinkern und geht in Richtung der öffentlichen Borussen-Gaststätte, in der das Spiel nun auf diversen Fernsehern und Großbildschirmen übertragen wird. Rund 50 Gladbach-Fans sitzen drin. Darunter auch Pit, der das tiefschwarze Champions-League-Trikot der Gladbacher mit seinem Namenszug auf dem Rücken trägt.

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Doch auch draußen verliert sich der ein oder andere noch immer an der Nordkurve vorm Stadiontor. Und hört das Spiel, statt es im Fernsehen zu schauen. Die Kommandos der Akteure hallen aus dem Bauch des Borussia-Parks bis nach draußen. Genau wie der Torjubel beim 1:0 durch Thuram. Stadionsprecher Torsten Knippertz stimmt auch ohne Fans im Rund das „Döp, Döp, Döp, Dödödöpdöpdöp“ an, so wie nach jedem Treffer für die Heimelf. Nur das diesmal kein Chor aus Tausenden Mündern mitsingen kann. Das Prozedere wiederholt sich beim 2:0, wieder trifft Stürmer Thuram.

Als dann am Ende doch noch die beiden späten Real-Tore zum Ausgleich fallen und kurz darauf der Schlusspfiff ertönt, wird die Stille für einen kurzen Moment noch ein bisschen leiser. Auch Ralf, der die ganze Zeit draußen mitgehört hat, muss seine Enttäuschung kurz herunterschlucken. „Über einen Punkt gegen Real hätten sich doch vorher alle gefreut“, tröstet er sich selbst. Und wirft noch trotzig zum Abschied hinterher: „Wenn gegen Donezk immer noch keiner rein darf, stehe ich wieder hier.“