Fussball-Story

Farat Toku war Wattenscheid 09 – bis ihn der Verein verließ

Bei der Abschiedsveranstaltung der SG Wattenscheid 09 im Oktober: Farat Toku im Lohrheidestadion.

Bei der Abschiedsveranstaltung der SG Wattenscheid 09 im Oktober: Farat Toku im Lohrheidestadion.

Foto: Olaf Ziegler / FUNKE Foto Services

Wattenscheid.  Er war nicht nur Trainer der SG Wattenscheid 09. Seit der Insolvenz ist Farat Toku ohne Verein. Für 2020 hat er einen Wunsch.

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Für Farat Toku wird der bevorstehende Jahreswechsel ein ganz besonderer sein. Einer ohne die SG Wattenscheid 09. Nach viereinhalb Jahren als Trainer des insolventen ehemaligen Bundesliga-Klubs wird der 39-Jährige bei seiner Familie in Bochum sein und sich keine Gedanken mehr über die finanziellen Probleme der SG machen müssen. „Das tut auch mal richtig gut“, sagt Toku lächelnd und ergänzt: „Im Ernst: Das Kapitel SG Wattenscheid 09 war ein hochemotionales und leidenschaftliches, aber auch lehrreiches für mich. Nun ist das Buch SG Wattenscheid 09 für mich geschlossen.“

Januar 2015 war es, als der in Bochum geborene Farat Toku aus Wilhelmshaven in das Ruhrgebiet zurückkehrte. Erst als Trainer der SG Wattenscheid 09, ab März 2017 dann auch als Sportlicher Leiter in Personalunion. Er war spätestens seit diesem Zeitpunkt an der Lohrheide der Mann für alles. Trainingsklamotten bestellen, Sponsoren-Akquise, Wohnungen oder Nebentätigkeiten für Spieler besorgen – das alles gehörte auch zu seinen Aufgaben. Farat Toku war die SG Wattenscheid 09. Bis ihn der Verein verließ.

Die entscheidende Frage: Warum tat sich Farat Toku das alles an?

Mitten in der Hinrunde musste der Regionalligist wegen Insolvenz den Spielbetrieb einstellen. Bleibt die Frage: Warum tat sich Farat Toku das an? Schließlich brachte er die Geduld auf, viereinhalb Jahre das Chaos bei den ständig finanzschwachen Schwarz-Weißen auszuhalten – da wären andere längst geflüchtet. „Meine Eltern haben mich gelehrt, dass jede Erfahrung wertvoll ist – egal, mit welchen Problemen sie verbunden ist“, antwortet Farat Toku. „Wenn ich etwas anfange, dann will ich das auch zu hundert Prozent beenden. Ich bin dann der Letzte, der von Bord geht. Ich bin niemand, der etwas unterschreibt oder verspricht und sich dann davon macht. Ich bereue nichts. Die Zeit in Wattenscheid hat mich nur abgehärtet.“

Jahr für Jahr verpflichtete Toku Spieler, immer wieder war er gezwungen, eine neue Mannschaft aufzustellen. „Die besten Spieler waren jede Saison weg. Das war aber auch mit den Jungs so abgemacht: Sie sollten in Wattenscheid zu alter Form kommen, uns helfen und sich dann höherklassig probieren“, erklärt Farat Toku. Daniel Keita-Ruel (Greuther Fürth), Tim Boss (Dynamo Dresden), Christopher Braun (OFI Kreta), Joseph Boyamba, Haymenn Bah-Traore (beide Borussia Dortmund II) oder Nico Buckmaier, bis zum Regionalliga-Rückzug Wattenscheids Kapitän, der ab dem 1. Janaur 2020 für den Regionalliga-West-Tabellenführer SV Rödinghausen spielen wird, sind nur wenige Beispiele für Spieler, denen Toku zurück zu alter Stärke verhalf oder die er auf das nächsthöhere Level brachte.

Seine ehemaligen Wattenscheid-Spieler loben ihn in höchsten Tönen

„Ohne Farat Toku wäre ich nicht in der 2. Bundesliga“, sagte Daniel Keita-Ruel einst im „RevierSport“. Seine Geschichte ist die extremste, die Toku mitbegleitete. Der 30-Jährige, der mittlerweile 46 Zweitligaspiele (15 Tore) bestritt, saß drei Jahre im Gefängnis und startete dann im Fußball noch einmal durch. Über Ratingen ging es zur SG Wattenscheid und letztendlich in die 2. Bundesliga. Dank Toku. „Er hat einfach dieses Etwas, das andere Trainer nicht haben. Er beschäftigt sich nicht nur mit dem Fußballer, sondern allen voran mit dem Menschen. Er ist ein Menschenfänger“, sagt Keita-Ruel. Die Spieler dankten es Toku in Form von Leistung: Unter seiner Regie durfte die SG 09 im DFB-Pokal spielen und schaffte Spielzeit für Spielzeit mit jeweils einem der kleinsten Etats der Regionalliga West den Klassenerhalt.

Menschenfänger, Freund, Vaterfigur: Das sind die Worte, mit denen seine ehemaligen Spieler Farat Toku beschreiben. „Das ehrt mich und macht mich auch glücklich. Ich sehe in meinem Trainerberuf auch tiefgründigere Dinge als nur die, die auf dem Platz stattfinden. Ein Fußballer kann nur funktionieren, wenn er auch als Mensch glücklich ist. Deshalb versuche ich meine Spieler immer zu unterstützen – in jedem Bereich“, erklärt Farat Toku.

Der Trainer half den Spielern auch finanziell aus der Patsche

Er spricht nicht gerne darüber, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass er seinen Spielern zu Wattenscheider Zeiten nicht nur einmal auch finanziell aus der Patsche geholfen hat. Die SG war in den vergangenen Jahren bekanntlich notorisch klamm. Die Spieler mussten immer wieder auf ihre Gehälter warten, da kam es schon mal vor, dass der Trainer die Handyrechnung bezahlt oder das Auto vollgetankt hat.

Peter Neururer hat ein halbes Jahr als Sportdirektor in Wattenscheid an Farat Tokus Seite gearbeitet. Der 64-jährige ehemalige Bundesligatrainer betont: „Er war in Wattenscheid nicht nur als Trainer gefragt, sondern auch als Sozialtherapeut und Freund und Helfer. So ist Farat: ein erstklassiger Trainer und dazu menschlich und sozial einfach ein klasse Typ. Authentisch, offen, ehrlich. Dieser Mann gehört in den Profifußball.“

Sein großer Traum: Aufstieg in den Profibereich

Der Profibereich ist der der große Traum des ehemaligen Drittligaspielers. Das Problem: Farat Toku besitzt nur die A-Lizenz. Die Teilnahme am Fußballlehrer-Lehrgang des DFB blieb ihm bislang verwehrt. „Ich werde mich aber auch für den Lehrgang im Jahr 2020 bewerben. Vielleicht klappt es diesmal“, hofft er. Es ist die Zeit der Pläne für das neue Jahr, auch der Wünsche. Keine Frage: Nach all dem Aufwand und all dem Ärger in Wattenscheid hätte es der Kümmerer Farat Toku verdient, dass sein Wunsch in Erfüllung geht.

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