Fußballmuseum

Das andere Derby: Am Ende siegte Dortmund vor Gelsenkirchen

In Erinnerung an sein Idol: Manuel Neukirchner in Klaus-Fischer-Haltung im Fußballmuseum.

In Erinnerung an sein Idol: Manuel Neukirchner in Klaus-Fischer-Haltung im Fußballmuseum.

Foto: Carsten Kobow

Dortmund.  Vor fünf Jahren wurde in Dortmund das Deutsche Fußballmuseum eröffnet. Manuel Neukirchner blickt im Interview auf fünf spannende Jahre zurück.

2009 wurde ein Revierderby außerhalb des Rasens entschieden. Es kam zu einem Ergebnis, das nun fünf Jahre alt wird. Dortmund und Gelsenkirchen waren damals in der engeren Auswahl als Standort für das Deutsche Fußballmuseums. Am 23. Oktober 2015 wurde es gegenüber dem Dortmunder Hauptbahnhof feierlich eröffnet. Museumsdirektor Manuel Neukirchner (52) freut sich auf den Geburtstag und blickt auf fünf spannende Jahre zurück.

Herr Neukirchner, an diesem Samstag steigt das Revierderby. Für alle Fans in der Region ist das Aufeinandertreffen von Dortmund und Schalke mehr als nur ein Spiel zweier im Ruhrgebiet ansässiger Fußballkubs.

Manuel Neukirchner: Viel mehr. Es gibt wohl kein anderes Derby, in dem so viele Emotionen stecken. Ich habe schon einige Derbys erlebt. Fußball im Ruhrgebiet – das gehört dazu wie die Luft zum Atmen, das ist schon etwas ganz Besonderes. Man spürt die Anspannung bei unseren Besuchern schon Tage vor dem Spiel. Ich kenne kein anders Derby, das die Leute so elektrisiert wie das zwischen Dortmund und Schalke.

Hat sich die Bedeutung des Derbys denn in den vergangen Jahren verändert?

Lassen wir Corona jetzt mal außen vor: Wir haben es erst in den vergangenen Tagen erlebt, die Ansprache der Gelsenkirchener Ultras an die Schalker Mannschaft: Es ist das größte Spiel in der Saison, da wird alles andere verziehen. Wenn man Derbysieger ist, ist man der König des Reviers. Dieser Grundgedanke hat sich nie verändert, das war schon so schon so, als Klaus Fischer, Stan Libuda, Manni Burgsmüller oder die Generationen zuvor gespielt haben, und das wird auch für die kommenden Generationen gültig sein.

"Corona ist für den Fußball so wie Bonbon-Lutschen mit Papier"

Nun müssen wir aber doch Corona miteinbeziehen: Schmälert das Virus diese Faszination?

Ja, natürlich. Corona ist für den Fußball so wie Bonbon-Lutschen mit Papier. Die Emotionen werden eben durch die Zuschauer auf das Spielfeld getragen. Diese Grabesstimmung wünscht sich niemand – aber im Moment ist Fußball anders einfach nicht möglich, auch wenn die Menschen sich in dieser Extremsituation nach Alltäglichkeit, nach Routine sehnen. Für viele ist Fußball das letzte Paradies, aus dem sie sich nicht vertreiben lassen wollen. In die Stadien pilgern, die heimischen Fußballplätze besuchen oder selbst spielen auf den unzähligen Plätzen unserer Republik. Wenn auch der Fußball als universelle Sprache unserer Welt verstummt, wissen wir alle: Jetzt ist es wirklich ernst. Corona wird in die Fußball-Geschichte eingehen – und dieses Derby wird sicherlich künftig auch im Deutschen Fußballmuseum eine besondere Berücksichtigung finden.

Wie genau?

Wir haben schon eine Fläche definiert, auf der wir das Thema Corona und die Auswirkungen abbilden wollen. Wie wir das szenografisch umsetzen, kann ich aber noch nicht sagen. Corona bildet einen Einschnitt für den deutschen Fußball, der noch nicht vorbei ist, die Auswirkungen sind noch gar nicht absehbar.

"Das hätte sich vor einem Jahr keiner ausmalen können, dass wir einmal in eine solche existentielle Krise geraten"

Corona ist ein Einschnitt für den Sport – aber auch für Ihr Museum, das ja im Frühjahr pandemiebedingt geschlossen werden musste. Was schmerzt mehr: Der Blick in ein leeres Museum oder der in ein leeres Fußballstadion?

Da bin ich mir auch ein Stück weit der Nächste. Ich war wegen der Schließung des Museums schon sehr niedergeschlagen, ich denke da vor allem an meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir haben 100 Arbeitsplätze, der Großteil musste in Kurzarbeit und ist es noch. Da spielt die existenzielle Angst mit. Meine Verantwortung, die ich als Direktor für dieses Hauses trage, ist dann doch größer als meine Leidenschaft für den Fußball. Das hätte sich vor einem Jahr keiner ausmalen können, dass wir einmal in eine solche existentielle Krise geraten, nicht nur für den Sport, sondern für die Kultur, für die Wirtschaft. Für unser ganzes Zusammenleben.

Nun gab es im Jahr 2009 ja schon einmal ein Revierderby. Dortmund wurde als Standort des Fußballmuseums ausgewählt, Gelsenkirchen hatte das Nachsehen.

Genau, alle Ausrichterstädte der WM 2006 durften sich bewerben, am Ende verdichtete sich alles auf Schalke und Dortmund. Für Dortmund hatte die Lage unmittelbar in der Nähe des Hauptbahnhofs in der Innenstadt gesprochen. Es war ein spannender Zweikampf. Für Dortmund haben wir uns laut einer Studie hinter dem BVB zum wichtigsten Tourismusfaktor entwickelt. Durch den BVB und das Fußballmuseum ist Dortmund zur Fußball-Hauptstadt Deutschlands geworden. Das ist eine wechselseitige Wirkung zwischen dem BVB und dem Museum. Viele Besucher kombinieren BVB-Spiele und den Museumsbesuch. Das ist für den Standtort phantastisch.

Die Geburtstagsfeier muss ausfallen

Haben Sie die Krise dennoch gut überstanden?

Uns sind wichtige Einnahmen weggefallen, keine Frage. Das alles aufzufangen, war und ist für uns nicht einfach. Mit 300 bis 350, 400 Besuchern täglich sind wir aber noch immer gut ausgelastet. Die Besucherzahl des Museum hängt natürlich stark von den aktuellen Corona-Zahlen ab.

Trotzdem hatten sie sich den fünften Geburtstag sicher anders vorgestellt, oder? Feier fällt aus. Bitter?

Sehr. Allerdings wäre es angesichts der Pandemielage einfach ein falsches Zeichen, so eine Feier nun zu veranstalten.

Es ist ja nicht das erste Mal, dass Sie etwas planen und dann etwas dazwischen kommt…

Als wir das Museum im Oktober 2015 eröffnet haben, kam am Vorabend der Spiegel-Bericht zur sogenannten Sommermärchen-Affäre heraus, der Korruptionsverdacht rund um die Vergabe der WM 2006. Für uns war das in diesem Moment eine bittere Geschichte, weil viele der prominenten Gäste wie Franz Beckenbauer, Uwe Seeler oder Günter Netzer nicht gekommen sind. Es war ja klar, dass es kein anderes Thema auf dem Roten Teppich geben würde als diese Geschichte, dem wollten viele aus dem Weg gehen. Ich werde das nie vergessen: Moderator Johannes B. Kerner hat uns am Vormittag der Gala abgesagt. In dieser Gemengelage wollte er keine Veranstaltung mit DFB-Beteiligung moderieren. Jessica Libbertz von Sky ist nach meinem Anruf spontan in den Zug gestiegen und hat uns gerettet. Wir haben uns aber von nichts beeindrucken lassen, sondern sind sehr erfolgreich gestartet. Bis heute haben wir im Schnitt 200.000 Besucher im Jahr, damit gehören wir zu den bestbesuchten Museen, nicht nur im Rhein-Ruhr-Gebiet, sondern weit darüber hinaus. Diese Krisen, in die der DFB zuletzt immer wieder geschlingert ist, hatten glücklicherweise keine Auswirkungen auf das Besuchsverhalten.

"Wir sind ja kein Verbandsmuseum"

Zur Eröffnung 2015 kam DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, er trat wegen des Korruptionsverdachts rund um die WM 2006 zurück. 2019 kam zur Gründung der Hall of Fame DFB-Präsident Reinhard Grindel, der kurz darauf wegen der Annahme einer teuren Uhr zurücktrat. Es waren turbulente Jahre im DFB…

Ich hoffe, die Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes trauen sich noch zu den Eröffnungen großer Veranstaltungen ins Fußballmuseum (lacht). Aber wir sind ja kein Verbandsmuseum, der DFB und die Stadt Dortmund sind gleichberechtigte Gesellschafter des Museums. Wir stehen mit unserer Dauerausstellung zur Geschichte des deutschen Fußballs für den gesamten Fußball in unserem Land.

Werden die Skandale um den DFB in die Ausstellung integriert?

Wir gehen offensiv damit um. Uns, und dem DFB übrigens genauso, ist es sehr wichtig, dass unser Museum inhaltlich total unabhängig arbeitet. Zum Beispiel die sogenannte „Sommermärchen-Affäre“: Wir ermöglichen den Besuchern, den Freshfield-Untersuchungsbericht, den der DFB in Auftrag gegeben hatte, zu erkunden. Das ist die objektivste Quelle, die wir zu diesem Thema ausstellen können. Unsere Aufgabe ist es, den Fußball zu zeigen wie er ist, nicht, wie er sein könnte und schon gar nicht, wie er sein sollte. Und wenn sich die Besucher durch die 300 Seiten digital gegraben haben, werden sie feststellen: Eigentlich wissen wir nichts in dieser Causa. An dieser Stelle muss ich es dann aber im Museum auch belassen. Wir beteiligen uns nicht an den Spekulationen, die vor allem in den Medien über dieses Thema geführt werden.

"Die DFB-Elf ist immer noch wichtigste Mannschaft in diesem Land"

Immer wieder ist zuletzt auch von Entfremdung gesprochen worden, wenn es um die Nationalmannschaft geht.

Ich kann überhaupt nicht bestätigen, dass man der Nationalmannschaft weniger Interesse entgegenbringen würde als früher. Die DFB-Elf ist immer noch wichtigste Mannschaft in diesem Land, und das spüren wir sehr: Der beliebteste Inszenierungsbereich ist der mit der Nationalmannschaft, speziell der Bereich um die WM 2014.

Es gab Kritik am Finanzierungsmodell des Museums. Der Bund der Steuerzahler bemängelte, dass der Stadt – und damit die Bürgerinnen und Bürger – für die Verluste aufkommen müssen, da der DFB maximal für ein Minus von 250.000 Euro pro Jahr aufkommt. Alles darüber hinaus fällt seitdem auf die Stadt Dortmund ab.

Ich kann Ihnen sagen, dass es kaum eine Kultureinrichtung in Deutschland gibt, die wirtschaftlich so erfolgreich arbeitet wie das Deutsche Fußballmuseum. Wir haben konstant mehr als 200.000 bezahlende Besucher im Jahr und einen Selbstkosten-Deckungsgrad von bis zu 80 Prozent. Wir fahren einen kostendeckenden operativen Betrieb durch unsere musealen Einnahmesäulen. Und wir machen sechs Millionen Umsatz im Jahr – für eine Kulturinstitution ist das großartig, das Museum hat dazu eine große Werbewirksamkeit für Dortmund und die ganze Region.

Kultur bleibt aber Zuschussgeschäft für die Städte?

Der Aufwand, den die Stadt pro Jahr für das Fußballmuseum bringen muss, beträgt ein Prozent des städtischen Kulturetats. Wenn Sie dann dagegenstellen, was das Deutsche Fußballmuseum als zweitwichtigster Tourismusfaktor, als wirtschaftlicher Standortfaktor und als Imageträger für Dortmund leistet, dann ist das schon beachtlich. Eine Studie der Stadt belegt, dass wir 5,6 Millionen Umsatzeffekte in die regionale Wirtschaft einbringen. Und natürlich sind wir ein ausgezeichneter Steuerzahler. Der Aufwand, den die Stadt für dieses Haus leisten muss, steht in keinem Verhältnis zu dem großen Nutzen, den das Museum erbringt. Neben dem BVB gibt es keine Einrichtung oder Institution, die alleine durch ihre mediale Präsenz mit Millionenreichweiten im TV den Städtenamen von Dortmund so nach außen trägt wie unser Fußballmuseum.

Neu im Museum ist die Hall of Fame des deutschen Fußballs. Wie sehen Sie ihre Zukunft?

Es hat lange Zeit gebraucht, bis wir die Ruhmeshalle eröffnen konnten. Dazu bedurfte es eines öffentlichen, dauerhaften Kulturortes für den Fußball. Den gibt es jetzt mit unserem Haus. Ich finde es eine großartige Sache, dass sich die führenden Sportjournalisten des Landes so eng mit der Hall of Fame identifizieren. Es sind tolle Gespräche, die wir führen, wenn es darum geht, neue Spieler aufzunehmen. Die Inszenierung im Museum ist sehr kunstvoll gestaltet. Die illustrierten Portraits der berufenen Persönlichkeiten werden von kinetischen Lichtsäulen im dunklen Raum als Schattenwürfe in ständiger Rotation projiziert. Die großen Stars des deutschen Fußballs wandeln so wie Lichtgestalten durch den Raum, tauchen auf, verschwinden – und bleiben doch für die Ewigkeit. Die Inszenierung ist zeitlos gestaltet immer aktualisierbar, wir stoßen also auch in Zukunft an keine räumlichen Grenzen. Die größte Bestätigung erhalten wir von den Spielern selbst. Zur ersten Gala der Hall of Fame kamen alle lebenden Gründungsmitglieder bis auf den sehr erkrankten Gerd Müller. Alle waren sie da. Franz Beckenbauer – es war sein erster öffentlicher Auftritt nach sehr langer Zeit. Paul Breitner war da, Günter Netzer, Lothar Matthäus hat sogar seinen Urlaub verschoben. Paul Breitner schrieb uns ins Stammbuch, den Nimbus dieser Hall of Fame über Generationen hinweg zu bewahren. Das zeigt das ganze Potential der Hall of Fame und unseres Museums: Wir sind der Gedächtnisspeicher der deutschen Fußballgeschichte.

Was lässt das Museum im Vergleich zu anderen Museen herausstechen?

Wir verstehen uns als ein Prototypen-Haus der modernen Museums-Generation, wir sind nicht nur eine Aufbewahrungsstätte von Objekten. Unser Ansatz ist vollkommen anders als der von herkömmlichen Museen. Wir stellen Exponate nicht nur hinter Glas, sondern vernetzen sie mit Licht, Sound und medialen Inhalten im Raum. Früher hat man versucht, durch Exponate Wissen zu erklären. Dieses Wissen ist heute aber überall vorhanden. Uns geht es darum, die Inhalte in ein emotionales räumliches Erlebnis zu übersetzen.

"Meine Vision ist eine große Ausstellung zu Fußball und Kunst"

Welche würden Sie gerne in den kommenden Jahren umsetzen?

Meine Vision ist eine große Ausstellung zu Fußball und Kunst. Wir haben noch viel vor. Vor allem auch zur EM 2024 in Deutschland. Mal schauen …

Bleibt noch die letzte Frage: Ihr Tipp für das Derby?

Ich bin ein Freund des Revierfußballs. Für Rot-Weiss Essen und den BVB habe ich hauptamtlich gearbeitet, aber auch für Schalke schlägt mein Herz. Mein Jugendidol war Klaus Fischer. Ein Schalker Erfolgserlebnis wäre Balsam für viele verwundete Seelen, insofern würde es mich freuen wenn, der FC Schalke nicht untergeht. Das wichtigste Spiel an diesem Wochenende findet für mich aber in der Essener Kreisliga statt – wenn am Sonntag mein Heimatverein Fortuna Bredeney gegen Kupferdreh-Byfang antritt. Hier ist der wahre Fußball zu Hause.

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