Türkei

Das Dilemma des Kaan Ayhan nach einem Länderspiel-Tor

Die meisten türkischen Spieler salutieren, Kaan Ayhan (vorn) nicht.

Die meisten türkischen Spieler salutieren, Kaan Ayhan (vorn) nicht.

Foto: Reuters

Essen.  Fortuna Düsseldorfs Profi verzichtete auf den Militärgruß türkischer Nationalspieler. Trotz seines Treffers wird er nun angefeindet.

Als Kaan Ayhan am Montagabend in der 82. Minute im Spiel gegen Frankreich zum 1:1-Endstand einköpft, geht die Tatsache, dass die Türken soeben auf Platz eins der Gruppe H gesprungen sind, durch den Torjubel der Spieler unter. Denn wie schon im Spiel gegen Albanien am Freitag (1:0) zeigten viele den Militärgruß, der den türkischen Streitkräften in Nordsyrien gewidmet ist. Nicht mit dabei: der Torschütze.

Ayhan verzichtet auf erneuten militärischen Salut

Nachdem Ayhan, der für Fortuna Düsseldorf in der Fußball-Bundesliga spielt, sich noch am Wochenende beim Salutieren (in der Kabine) beteiligt hat und deswegen in Deutschland stark kritisiert worden war, verzichtete er dieses Mal – was nicht unbemerkt blieb. Zum einen bei seinen Mannschaftskameraden, die ihn animierten, ebenfalls zu salutieren. Zum anderen von den türkischen Fans. Die Folge: Ayhan wird von einigen seiner Landsleute im Internet für diese Verweigerung nun extrem kritisiert. Das wirft zwangsläufig mehrere Fragen auf. Beispielsweise die, was Fußballspieler beim Jubeln überhaupt dürfen und was nicht.

Neu ist der Jubel nicht: Mario Mandzukic salutierte bereits 2012 im Trikot des FC Bayern nach dem Torerfolg im Bundesligaspiel gegen den 1. FC Nürnberg. Maßgeblich in solchen Fällen ist das Disziplinarreglement des Weltfußballverbandes Fifa. Darin ist aber nicht explizit von politischen Meinungsäußerungen auf dem Feld die Rede.

Die Fifa-Regeln bleiben vage

Der entsprechende Abschnitt ist allgemein gehalten und lässt viel Raum für Interpretationen. Zwar sind in der Vergangenheit ähnliche Bekundungen von der Fifa sanktioniert worden. Die Maßnahmen der Verbände gegen politische Bekundungen auf dem Feld sind jedoch uneinheitlich und zudem nicht grundsätzlich verboten. Wenn sie in Einklang mit den offiziellen Werten der Verbände stehen, sind sie sogar erwünscht. Mandzukic wurde für seinen Salut vom DFB lediglich ermahnt. Wohl auch, weil er in seinem Jubel keine politische Botschaft sah: „Ich habe mit Politik nichts am Hut“, hatte der Kroate entsprechende Interpretationen bestritten. Ebenso versicherte nun Ayhan, bei seinem Salut handelte es sich lediglich um eine Solidaritätsbekundung für Soldaten und deren Angehörigen.

Zwickmühle für türkische Spieler

Bei der Frage, wie glaubwürdig diese Aussage wohl sein mag, kommt man jedoch nicht drumrum, einen Blick auf die langjährige türkische Militärdiktatur und Armee-Dominanz und die dadurch ambivalente Beziehung zwischen der türkischen Gesellschaft und dem Militär zu werfen. „Der Asker (türkisch für Soldat, d. Red.), genießt in der Türkei eine sehr hohe Wertschätzung. Insofern ist die türkische Bevölkerung grundsätzlich positiv gegenüber den Soldaten eingestellt“, sagt Christoph Daum, langjähriger Trainer in der Türkei, dieser Zeitung. In Deutschland werde das Militär immer mit Krieg in Verbindung gebracht, das sei in der Türkei anders. „Da können wir mit unserem Verständnis nicht unsere Maßstäbe anwenden, die Wertschätzung ist dort viel höher, als es bei uns der Fall ist“, sagt Daum.

Diese Feststellung untermauert die Zwickmühle, in der sich türkische Spieler in diesen Tagen bringen können, auch ohne bewusst politisch werden zu wollen, wie Fatih Demireli, Herausgeber und Chefredakteur des türkisch-deutschen Sportmagazins, bei Sport1 erklärte: „Ob es die Wahl der Nationalmannschaft ist, die Wahl ihrer Klubs, die Kommunikation, die sie nach außen tragen --- sie stecken in einem dauernden Zwiespalt und werden es niemals allen recht machen können.“

Bestes Beispiel: Kaan Ayhan. „Macht er mit, gewinnt er in der Türkei Sympathien, muss sich aber Sorgen um die Reaktionen und Konsequenzen in Deutschland machen. Macht er nicht mit, wird er womöglich einen schweren Stand in der Türkei haben. Und so ist es auch gekommen“, erklärt Demireli.

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