Bundesliga-Check

Auch wegen Kehl: So neu und fannah ist der BVB schon

Sebastian Kehl

Foto: firo

Sebastian Kehl

Bad Ragaz.  Der BVB-Umbruch umfasst nicht nur Mannschaft und Trainer Favre. Es geht nach einer Saison der Entfremdung auch um die Annäherung an die Fans.

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Sebastian Kehl hat die Bilder vom Ende der vergangenen Saison noch nicht so richtig abgeschüttelt. Bilder, die zeigten, wie die Fußballer von Borussia Dortmund nach dem letzten Heimspiel von den eigenen Fans ausgepfiffen und beschimpft wurden. 1:2 gegen Mainz. Eine Woche später 1:3 in Hoffenheim. Der BVB taumelte dank ein paar mehr geschossener Törchen als die Konkurrenz in die Champions League. Saisonziel? Erreicht. Stimmung im Verein? Einigermaßen unterirdisch. Wie schon über große Teile der Saison.

Auch deshalb ist jetzt Kehl zurück bei dem Verein, für den er mehr als 13 Jahre spielte. Der 38-Jährige proklamiert „ein neues Dortmund-Gefühl“. Einen neuen BVB, an dem schon eifrig gearbeitet wird. In Teilen schon sicht- und spürbar im Trainingslager im schweizerischen Bad Ragaz.

Mehr Gespräche mit den Spielern

Kehl, neu installiert in der Vereinshierarchie als Leiter der Lizenzspielerabteilung, spielt da eine wichtige Rolle. Der frühere Kapitän schaut sich jede Trainingseinheit auf dem Sportplatz Ri-Au an, führt abseits Einzelgespräche mit den Spielern, um sie kennen zu lernen. Wer braucht Druck? Wer braucht aufmunternde Worte? Kehl ist für die Abläufe rund um die Mannschaft verantwortlich und soll zudem den Befindlichkeiten einer Gruppe hinterherspüren, ehe sie zu Problemen werden können.

Davon gab es in der vergangenen Saison genug: Es bildeten sich Grüppchen, zwischen diesen Grüppchen Gräben. „Letzte Saison war es schon so, dass zwei oder drei Leute ständig zu spät kamen“, sagt Torhüter Roman Bürki und nennt diesen Vorgang verharmlosend „nicht sehr erfreulich“. Kehl trat zum Beginn der Vorbereitung vor die Mannschaft und machte klar, dass es so nicht weitergehen könne. Selbstverständlichkeiten müssten selbstverständlich sein: Disziplin, Respekt, Pünktlichkeit. „Seit ich zurück bin, gab es keine Verspätungen mehr, und alle sind immer bereit. Da merkt man schon einen Unterschied“, sagt Bürki.

Samstag, Trainingsende. Die Spieler verschwinden hinter einem Holzverschlag an der Mittellinie. Mehr als 30 Grad Celsius Hitze. Die Profis trinken. Kehl sagt: Jungs, denkt dran, Autogramme für die Fans! Er ist das schwarz-gelbe Gewissen, wenn es anderen kurz abhanden kommt. Es hätten in der vergangenen Saison, sagt er, „ein paar Dinge gefehlt auch im Zusammenspiel mit den Fans. Der Verein lebt von der Hingabe“.

Der BVB ist nun wieder um mehr Nähe bemüht. Sechs öffentliche Einheiten waren es im Trainingslager in Bad Ragaz. Nach jedem dieser Trainings gingen mindestens zehn Spieler zu den Fans, schrieben geduldig Autogramme. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren in der Schweiz unter Trainer Peter Bosz nur vier Einheiten öffentlich.

Aber der neue Trainer Lucien Favre arbeitet ohnehin anders. Öfter auf dem Platz, intensiver im Ganzen. Schon beim Frühstück sitzt er mit seinen Co-Trainer Edin Terzic und Manfred Stefes zusammen. Sie schieben Gabeln, Löffel, Salzstreuer über die Tischdecken, es geht um Taktiken, Systeme, Zahlen, Erfolgswahrscheinlichkeiten.

Beim BVB schätzen die Macher um Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, Sportdirektor Michael Zorc, Kehl und dem ebenfalls neu installierten externen Berater Matthias Sammer, dass der 60-jährige Schweizer eine so klare Idee von Fußball hat, weil sie glauben, dass die Mannschaft genau das braucht, nachdem sie ein Jahr lang ziemlich kopflos durch die Gegend irrlichterte. „Druck, Druck“, ruft Favre auf dem Platz, wenn es darum geht, den Ball zurückzugewinnen. „Schneller, schneller“, wenn es ums Passen geht. Abseits lächelt er viel, ist höflich, offen, interessiert. Aber auch klar in der Ansprache.

Identifikationsfigur wird Kapitän

Mit Marco Reus hat er den größten Star und die größte Identifikationsfigur zum Kapitän gemacht. Unumschränkter Anführer. An seiner Seite nun ein weiterer Star: Axel Witsel, ebenfalls 29 Jahre alt, belgischer Nationalspieler. Er verkörpert – wie auch der aus Bremen gekommene Däne Thomas Delaney – das Mehr an Wehrhaftigkeit, das man sich in Dortmund wünschte, weil die eigene Mannschaft zu brav und naiv auftrat. Delaney staucht im Training schon die Kollegen zusammen, Witsel trainiert nach drei Wochen WM-Urlaub erst noch individuell. Was noch fehlt, ist ein Stürmer von gehobenem Niveau. Die Suche läuft. Falls auf dem überhitzten Markt nichts zu finden ist, traut man auch Maximilian Philipp 15 bis 18 Saisontore zu.

Am Mittwoch reist der BVB aus dem Trainingslager ab. Zweieinhalb Wochen sind es dann noch bis zum Pflichtspielstart. Zu früh, um die Neustrukturierung als Erfolg zu adeln. Dazu müssen auch Punkte her. Aber eben nicht nur die. „In dieser Stadt ist extrem wichtig“, sagt Kehl über Dortmund, „dass die Menschen sehen: Das ist unsere Mannschaft.“

Unser Tipp: Platz zwei

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