BVB

Die BVB-Pleite ist nicht das Produkt von Zufall und Pech

Enttäuscht: Mario Götze nach der 0:3-Niederlage von Borussia Dortmund bei Tottenham Hotspur.

Enttäuscht: Mario Götze nach der 0:3-Niederlage von Borussia Dortmund bei Tottenham Hotspur.

Foto: dpa

London/Dortmund.  Borussia Dortmund steht vor dem Aus im Champions-League-Achtelfinale. Das 0:3 in Tottenham weckt vergessen geglaubte Erinnerungen.

Und plötzlich strahlte Lucien Favre am Donnerstagmittag doch noch über das ganze Gesicht. Der Trainer von Borussia Dortmund hatte am Flughafen London-Stansted seine Ehefrau Chantal entdeckt, die in London nicht im Mannschaftshotel übernachtet hatte – und für einen Moment war der Frust vergessen, den die 0:3 (0:0)-Niederlage bei Tottenham Hotspur im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals ausgelöst hatte.

Es blieb ein kurzer Moment der Freude, insgesamt saß bei allen Dortmundern der Ärger tief über das, was sich am Abend zuvor im Wembley-Stadion ereignet hatte. „Ich bin immer noch sehr enttäuscht über die Art und Weise, wie wir in der zweiten Halbzeit gespielt haben“, sagte Sportdirektor Michael Zorc nach der Landung in Dortmund. Eine Halbzeit lang hatte der BVB konzentriert und diszipliniert verteidigt. Gleich nach der Halbzeitpause aber leitete Achraf Hakimi mit einem ungeschickten Ballverlust das 0:1 durch Heung-Min Son ein (47.), später ließ er vor dem 0:2 den Torschützen Jan Vertonghen laufen (83.) und Abdou Diallo wurde beim 0:3 allzu leicht von Fernando Llorente übersprungen (86.). Nun braucht der BVB im Rückspiel am 5. März ein kleines Fußballwunder, um noch das Viertelfinale zu erreichen.

Kehl über BVB-Team: "Da haben wir uns dem so ein bisschen ergeben"

Dann aber muss er ganz anders auftreten als in der zweiten Halbzeit in London. „Einige Spieler sind untergetaucht, wir hatten kaum noch fußballerische Elemente und haben wenig Torchancen herausgespielt“, kritisierte Sebastian Kehl, der Leiter der Lizenzspieler-Abteilung. „Da haben wir uns dem so ein bisschen ergeben.“ Das war eine der durchaus alarmierenden Erkenntnisse, mit denen die Dortmunder aus London zurückkehrten. Sie hatten ja nicht nur sehr deutlich ihre Grenzen aufgezeigt bekommen gegen den nicht einmal besonders beeindruckend aufspielenden Tabellendritten der Premier League. Sie hatten auch im dritten Spiel in Folge drei Gegentore kassiert und waren abermals bei Flanken und Standardsituationen anfällig – was insbesondere Torhüter Roman Bürki ärgerte: „Wir verteidigen da nicht unbedingt mit dem letzten Willen“, kritisierte er.

Der in der Hinrunde so souveräne BVB ist in eine Krise geschlittert. Auch weil ihm in Marco Reus, Manuel Akanji, Julian Weigl, Lukasz Piszczek und Paco Alcácer gleich fünf potenzielle Stammkräfte fehlen. Dass Favre in London dennoch auf den erfahrenen Marcel Schmelzer verzichtete, stattdessen Diallo auf die linke Seite und Dan-Axel Zagadou nach zehnwöchiger Verletzungspause in die Innenverteidigung stellte, entpuppte sich als unglückliche Entscheidung: Zagadou ließ vor dem 0:1 den Torschützen Son laufen, nach 77 Minuten musste er entkräftet ausgewechselt werden. In der Offensive setzte Favre auf den schnellen Christian Pulisic und damit auf Konter. Als nach dem 0:1 die Räume dafür fehlten, wartete der Trainer zu lange, um etwa mit dem ballsicheren Raphael Guerreiro einen neuen Impuls zu setzen.

BVB-Profis ließen sich einen Friseur kommen

Dass das Dortmunder Spiel zuvor mit dem mit dem 0:1 regelrecht zusammengebrochen war, erinnerte auf fatale Weise an die längst überwunden geglaubten Mentalitätsprobleme der Vorsaison – wie auch der unnötige Nebenkriegsschauplatz, den einige Profis aufmachten: Am Abend vor dem Spiel ließen sie einen Friseur ins Mannschaftshotel „Hilton London Wembley“ kommen und verbreiteten Bilder davon über die sozialen Medien – was später vom Boulevard genüsslich aufgriffen wurde. Zorc missfiel der mediale Wirbel um das Thema – einerseits. Andererseits machte er deutlich: „Das gehört sich nicht, das werden wir besprechen, das wird sich auch nicht wiederholen. Aber deswegen haben wir nicht 0:3 verloren.“ Ursachen gab es ja auch so mehr als genug.

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