Borussia Dortmund

BVB-Profi Roman Bürki: "Wir lügen uns nicht in die Tasche"

Selbstbewusst und selbstkritisch: Roman Bürki, BVB-Torhüter, beim Gespräch nach dem Training.

Selbstbewusst und selbstkritisch: Roman Bürki, BVB-Torhüter, beim Gespräch nach dem Training.

Foto: Bernd Thissen / FUNKE Foto Services

Dortmund.  Beim BVB erlebt Torwart Roman Bürki eine schwierige Saison. Er sagt, dass sich zuerst die Spieler verantwortlich fühlen müssen. Ein Interview.

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Schwarzer Kapuzenpulli, schwarze Hose, schwarze Kappe: Ganz in Schwart erscheint BVB-Tortwart Roman Bürki (29) zum Gesprächstermin. Gerade ist das Vormittagstraining zu Ende gegangen, und das war „länger als erwartet“, wie der Spieler von Borussia Dortmund erzählt. Einmal durchatmen, die Mütze vom Kopf, mit der Hand ein paarmal durch die Haare gestrichen – dann kann es losgehen. Ein Interview über das anstehende Bundesligaspiel gegen Fortuna Düsseldorf am Samstag (15.30 Uhr/Sky), die Krise beim BVB, die Diskussionen um Trainer Lucien Favre, die Frage nach der Mentalität und die Unterschiede zum FC Bayern.

Herr Bürki, vor zwei Jahren hatten wir zuletzt ein Interview miteinander. Als ich es damals in der Redaktion ankündigte, waren die Reaktionen eher zögerlich. Was glauben Sie, wie es dieses Mal war?

Roman Bürki: Verraten Sie es mir!

Die Kollegen haben gesagt: Super, das wird bestimmt gut.

Bürki: Das freut mich zu hören.

Was glauben Sie: Woran liegt das?

Bürki: Ich hoffe und glaube, dass ich mich weiterentwickelt habe. Ich habe jetzt den Mut, Dinge anzusprechen, und auch das dazu notwendige Standing in der Mannschaft. Und ich bin grundsätzlich nicht der Typ, der nur Phrasen raushaut wie: Das ist Fußball. Sondern ich spreche auch mal Dinge an, die unangenehm sind.

BVB-Torwart Roman Bürki: Ich habe gelernt, mich zu öffnen

Genau. Dazu wird es Gelegenheit geben, aber zunächst zu Ihnen: Wie erklären Sie Ihre Entwicklung auf und neben dem Platz?

Bürki: Da kommt vieles zusammen: Intensive Gespräche mit dem Torwarttrainer und dem Torwartteam. Ich arbeite auch schon länger mit einem Mentaltrainer. Und ich habe gelernt, mich zu öffnen. Ich kann mir alles von der Seele reden, wenn mich etwas bedrückt. Ich habe Leute, denen ich vertrauen kann, denen ich auch private Dinge erzählen kann. So gehe ich am Wochenende mit einem freien Gefühl und ohne Nebengedanken ins Spiel.

Auf die Frage, wie man sich später an Sie erinnern soll, haben Sie mal gesagt: „Ich habe ja nichts Weltbewegendes geleistet. Noch nicht.“ Was soll denn da kommen?

Bürki: Ich hoffe, dass die Leute in Dortmund sich mal an diese Mannschaft erinnern. An das, was wir geleistet und an die Titel, die wir gewonnen haben. Einfache Antwort, aber nicht so einfach auch zu leisten.

Aktuell läuft es aber eher holprig. Warum?

Bürki: Schwer zu sagen. Wir haben bislang nicht das Glück, das wir vergangenes Jahr in der Hinrunde auch hatten, als wir oft spät getroffen und viele Spiele gedreht haben. Ich setze darauf, dass das dann in der Rückrunde kommt. Wir bekommen außerdem zu viele Gegentore.

"Wir können natürlich nicht zufrieden sein"

Das war schon letztes Jahr ein Problem. Warum bekommt man das nicht in den Griff?

Bürki: Auch das ist eine schwierige Frage. Wir haben in dieser Saison schon drei Eigentore geschossen, zwei davon waren völlig unnötig. Wenn wir die abziehen, sieht es schon gar nicht mehr so schlimm aus. Aber wir lügen uns nicht in die Tasche und können natürlich nicht zufrieden sein.

Während der Spiele sieht man Ihnen oft an, dass Sie sich vor allem von den Offensivspielern mehr Defensivarbeit wünschen, dass die ganze Mannschaft hier mehr tun muss.

Bürki: Kein Torwart sieht es gern, wenn sehr viele einfache Bälle verloren werden oder sein Team bei Gegenstößen zu stark zum Ball orientiert ist und nicht zum Mann. Dabei schießt letztlich der Mann das Tor, der Ball geht nicht von alleine rein. Da müssen wir uns auf jeden Fall noch verbessern. Als Team!

Wenn eine so gute Mannschaft nicht genug Punkte hat, wird schnell die Mentalität kritisiert.

Bürki: Man kann es auch Wille oder Überzeugung nennen, aber am Ende landet man immer bei Mentalität als Oberbegriff, weil man es nicht zu fassen bekommt. Das hören viele vielleicht nicht gern, aber: Um konstant Spiele und so am Ende Titel zu gewinnen, brauchst du den unbedingten Willen, alles zu verteidigen und vorne unbedingt den Ball reinzuschießen. Und den haben wir offensichtlich noch nicht in der nötigen Ausprägung. Aber wir arbeiten dran. Das wird.

Als Sie in München spielten, sprintete Thomas Müller noch in der 94. Minute auf Nico Schulz zu, um den Ball zu erobern.

Bürki: Natürlich macht das auch mehr Spaß und fällt es leichter, wenn man 4:0 führt. Gegen uns sind sie sowieso immer besonders motiviert. Wir haben in manch einer Situation noch zu viel Respekt und spielen nicht unser Spiel.

Vor einem Jahr, nach dem 0:5 in München, haben Sie sich gewundert, dass die Analyse nicht härter war, und haben von einer Wohlfühloase gesprochen. Sehen Sie das immer noch so?

Bürki: Wenn du als Profisportler die Chance hast, dich mit einer so guten Mannschaft zu messen, die für dich der Maßstab ist, und du gehst dann unter – dann reicht es nicht aus, das Spiel unter uns Spielern normal zu analysieren und im Team nur über das Taktische zu sprechen. Wir wollen ja besser werden; wir wissen ja, dass wir gut Fußball spielen können. Also müssen wir so hart zu uns selbst sein: Diese Niederlage hatte nichts mit einem System oder einer Taktik zu tun.

Sind Sie da weiter als vor einem Jahr?

Bürki: Der Respekt war immer noch zu groß. Doch dieses Mal war die Analyse anders. Wir haben in der Kabine anders miteinander gesprochen. Viele Spieler wussten, dass sie die nötige Leistung nicht gebracht hatten. Wenn die Spieler das merken und ihr Handeln selbst reflektieren, ist das okay. Dann brauchst du auch keinen, der von außen draufhaut.

Dennoch sah man im folgenden Spiel gegen Paderborn zunächst keine Reaktion.

Bürki: Das klingt jetzt alles platt, ich weiß: Nach dem Bayern-Spiel war Länderspielpause, viele, fast alle, waren weg - und als alle wieder da waren, wollten wir uns voll fokussieren auf das Spiel gegen Paderborn. Wir hatten genau ein Training. Dann liegst du schon in der ersten Halbzeit 0:3 zurück und denkst: Mein Gott, das geht genauso weiter. Aber in der Halbzeitpause haben wir uns aufgerafft und in der zweiten Halbzeit ordentlich gespielt. Aber das müssen wir von Anfang an tun. Das ist unser Anspruch. Dass die Woche unrund war, ist so. Aber das darf bei unserer Qualität nur dazu führen, dass der Glanz fehlt. Nicht dazu, dass du gegen einen Aufsteiger unentschieden spielst.

War diese zweite Halbzeit gemeinsam mit dem 2:1-Sieg in Berlin die Wende zum Guten?

Bürki: Auf jeden Fall herrschte in den Tagen nach dem Sieg natürlich eine deutlich bessere Stimmung. In Unterzahl über 45 Minuten auswärts eine Führung über die Zeit zu bringen, ist ein sehr gutes Ergebnis. Wenn wir jetzt ein gutes Spiel gegen Düsseldorf machen, kann sich die Stimmung enorm verändern, dann können wir wieder auf die Siegerstraße kommen und da möglichst lange bleiben.

"Das Hertha-Spiel muss die Messlatten sein"

Gegen Berlin gefiel die Mannschaft in Unterzahl endlich auch einmal kämpferisch.

Bürki: Ich hoffe, dass das nicht nur daran lag, dass wir in Unterzahl waren und die Spieler das Gefühl hatten, dass wir jeden brauchen. Wir brauchen immer jeden. Daraus müssen wir lernen, das müssen wir jetzt immer so machen. Dieses Spiel muss unser Anspruch und die Messlatte für künftige Aufgaben sein!

Das würde auch Lucien Favre freuen, der zuletzt stark in der Kritik stand. Wie sehen Sie das?

Bürki: Ich finde, dass zuallererst wir Spieler in der Pflicht sind. Wenn die Resultate nicht stimmen, gerät der Trainer immer als Erster unter Druck. Aber wenn du als Mannschaft eine Trainerentlassung zulässt, ist das immer auch eine unglaubliche Niederlage für dich als Sportler. Der Trainer ist nicht auf dem Platz. Der ist nicht dafür zuständig, dass wir 100 Prozent geben, das müssen wir selbst hinbekommen. Das Ergebnis gegen Paderborn war nicht gut, aber: Wir müssen das Spiel als Beispiel nehmen, dass wir uns reinbeißen können, wenn es mal nicht so läuft. Genau wie gegen Mailand, als wir 0:2 zurücklagen, und dann sogar noch gewonnen haben – gegen eine Top-Mannschaft.

Oft heißt es: Favre ist zu zögerlich, hat zu wenig Feuer. Braucht man das wirklich als Profi?

Bürki: Das lässt sich so pauschal und oberflächlich doch überhaupt nicht sagen, das ist Typ-Sache. Einigen mag es sicher gut tun, wenn sie jemand haben, der ihnen richtig Feuer macht. Aber ein paar andere können damit vielleicht gar nicht gut umgehen, weil sie eher sensible Charaktere sind. Ich finde ohnehin: Ein Spieler muss sich selbst zu 100 Prozent motivieren können. Man sollte sich immer vor Augen führen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass man in dieser Liga bei diesem Klub spielen darf. Dass man überhaupt dieses Leben führen darf. Da ist es nicht nötig, dass der Trainer im Jogginganzug an der Seitenlinie steht und reinschreit, nur um reinzuschreien. Es geht um die Inhalte, nicht um eine Show!

Zumal man den Trainer meist eh nicht hört.

Bürki: Genau. Es ist so laut im Stadion, ich kann gerade einmal mit den Verteidigern sprechen, und sonst habe ich akustisch keine Chance. Auf dem Platz müssen die Führungsspieler die Verantwortung übernehmen, müssen andere pushen und auch mal laut werden, wenn etwas nicht funktioniert. Man darf nicht alles über sich ergehen lassen und keine Reaktion zeigen. Klar, man muss positiv bleiben - aber ab und an muss etwas gesagt werden.

Hat sich die Mannschaft in der Hinsicht weiterentwickelt?

Bürki: Auf jeden Fall. Nach dem Paderborn-Spiel haben wir uns zusammengesetzt und sehr offen Dinge angesprochen, die nicht gut waren. Der Anstoß dazu kam aus der Mannschaft, das ist ein gutes Zeichen. Ich weiß, dass Trainer immer Positivität wollen, aber ich finde: Wenn es nicht läuft, darfst du auch mal aus dir rauskommen und rumbrüllen – wenn du danach wieder ruhig dein Spiel spielst. Das zeigt auch Siegermentalität, wenn es dich aufregt, dass es nicht läuft.

Jetzt geht es gegen Düsseldorf.

Bürki: Ohne Umschweife: Wir spielen zu Hause, da müssen wir gewinnen – und alles dafür tun. Das Spiel gegen Berlin war sehr gut. Wir haben positive Energie und Selbstvertrauen mitgenommen, das müssen wir zeigen.

Nun ist allerdings Mats Hummels gesperrt.

Bürki: …und das ist ärgerlich. Mats ist sehr wichtig, im Aufbauspiel, wie er unter Druck handelt. Aber wir haben auch andere sehr gute Spieler, die seinen Platz einnehmen können.

In dieser Saison ist ein Titel das Ziel. Ist das noch realistisch?

Bürki: Wir haben jetzt fünf Punkte Rückstand auf die Tabellenspitze. Mehr sollten es nicht werden bis zur Winterpause (grinst). Wir versuchen, jedes Spiel zu gewinnen in der Liga und in der Champions League, um mit einem guten Gefühl in die Rückrunde zu starten. Und dann haben wir, wie gesagt, hoffentlich das Spielglück, dass wir vergangenes Jahr in der Vorrunde hatten. Wir müssen ein positives Gefühl auch im ganzen Umfeld schaffen. Dann ist alles möglich. Nur nochmal zur Sicherheit: Wir haben nie versprochen, dass wir Meister werden. Wir haben gesagt, wir werden es versuchen. Und das tun wir.

Wie sehr stören da Nebengeräusche wie um Jadon Sancho, der kürzlich wegen einer Verspätung aus der Startelf flog?

Bürki: Zu solchen Spekulationen sage ich nichts. Allgemein kommen derlei Dinge im Profifußball häufiger vor, als die Medien es mitbekommen. Nicht nur bei uns, sondern überall. Wir müssen als Mannschaft daran arbeiten, dass es nicht überhandnimmt. Wir Spieler sind dafür da, einander zu helfen, auch bei Kleinigkeiten. Wenn es nichts Dramatisches ist, regeln wir das innerhalb des Kaders.

Blicken wir zum Schluss in die Zukunft: Ihr Vertrag läuft noch bis 2021. Wie geht es weiter?

Bürki: Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich fühle mich sehr wohl hier. Ich liebe es, wie die Stadt für den Fußball und den Klub lebt. Das Stadion ist immer ausverkauft. Man trainiert doch tagtäglich, um in solchen Stadien zu spielen. Wir werden sehen, was kommt – aber die Borussia ist mir inzwischen schon sehr ans Herz gewachsen.

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