Kommentar

Einen wie Gikiewicz schätzen auch Fans von Schalke und BVB

Rafal Gikiewicz (r.) applaudiert den Fans nach einem Spiel von Union Berlin.

Rafal Gikiewicz (r.) applaudiert den Fans nach einem Spiel von Union Berlin.

Foto: dpa

Essen.  Union-Torwart Rafal Gikiewicz zeigt Charakter: Für kein Geld würde er zu Hertha wechseln. Solche Typen lieben auch Fans im Revier. Ein Kommentar.

Rafal Gikiewicz spielt erst seit 2018 für Union Berlin. Doch der 32 Jahre alte Torwart identifiziert sich auf besondere Weise mit diesem durchaus besonderen Klub. Der Traditionsverein ist in der Hauptstadt der Gegenentwurf zur großen Hertha. Familiär statt monetär. Auch die Bindung zwischen Fans, Verein und Spielern ist speziell. „Eisern Union“ ist Kult, das schätzt man nicht nur in Berlin.

Der Pole Rafal Gikiewicz hat sich offenbar mit Haut und Haar auf diesen Klub eingelassen. Beim ersten Bundesliga-Aufstieg der Köpenicker zeigte er sich stolz und ausgelassen, doch auch in schweren Zeiten steht er zu seinem Klub. Als die Corona-Krise über den Fußball hereinbrach war er nach den Profis von Borussia Mönchengladbach der nächste Bundesliga-Spieler, der auf Teile seines Gehalts verzichtete, um seinen Beitrag zum Erhalt des Vereins und dessen Mitarbeitern zu leisten.

Rafal Gikiewicz' Hertha-Absage als romantischer Tagtraum eines jeden Fans

Und jetzt das: Ein offenbar hoch dotiertes Angebot vom selbst ernannten Big City Club Hertha BSC – die Millionen von Investor Lars Windhorst machen es möglich – lehnte er entschieden ab. Seine Begründung: "Hertha ist jetzt im Besitz von Millionen, sie haben einen neuen Sponsor und das finanzielle Angebot für mich wäre wahrscheinlich um ein Vielfaches höher als das von Union. Aber ich kann das nicht machen, weil für mich im Leben andere Werte wichtiger sind als Geld. Ich habe einen Teil der Union-Geschichte mitgeschrieben. Für kein Geld könnte ich das verkaufen, was ich mit Union erreicht habe."

Eine Begründung wie aus dem romantischsten Tagtraum eines jeden Fans. Das dürfte auch für die großen Traditionsvereine Borussia Dortmund und Schalke 04 gelten. Auch in ihrer Anhängerschaft werden Typen, wie es Gikiewicz einer zu sein scheint, verehrt. Einer wie er dürfte ihnen gefallen. Denn er ist das, was sich die Fans der Revierklubs wünsche: Eine echte Identifikationsfigur, einer der zu seinem Klub steht – selbst wenn es ernst wird, selbst wenn die große Kohle lockt.

Gikiewicz' Haltung spricht für Charakter

Doch echte Vereinstreue ist selten geworden. In Schalke erinnert man sich in jüngerer Vergangenheit noch an Benedikt Höwedes, in Dortmund an Marco Reus oder auch Kevin Großkreutz, Neven Subotic und Roman Weidenfeller. Sie wären wohl wirklich nie zum jeweiligen Revierrivalen gewechselt. Aus Überzeugung. Für kein Geld der Welt.

Doch das Zögerliche vieler anderer ist durchaus nachvollziehbar: Das Geschäft hat extrem an Fahrt aufgenommen. Durch den Einfluss der vielen Berater hat sich ein Trend zu schnellen Wechseln entwickelt. Gerade junge Spieler lassen sich treiben. Man weiß ja nie, wie sich die eigene Karriere entwickelt. Soll man sich dann wirklich durch ein Treuebekenntnis die Option verbauen, ein mögliches Millionen-Angebot abzulehnen, nur weil es von dem großen Rivalen kommt?

Aus Sicht von Rafal Gikiewicz ist die Antwort klar: Ja! Das spricht für seine klare Haltung, für Charakter. Union Berlin sollte dies im Hinterkopf behalten, wenn es irgendwann doch zu Gesprächen mit dem Torwart über eine Verlängerung seines am 30. Juni auslaufenden Vertrags kommt.

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