Interview

Andreas Rettig: Aus dem Fan darf kein Kunde werden

Andreas Rettig hebt den Zeigefinger - eine durchaus typische Geste für den kritischen Fußball-Funktionär.

Andreas Rettig hebt den Zeigefinger - eine durchaus typische Geste für den kritischen Fußball-Funktionär.

Foto: Foto: Michael Gottschalk / FUNKE Foto Services

Essen.  Andreas Rettig gilt als kritischer Geist im Profifußball. Jetzt hört er als Geschäftsführer des FC St. Pauli auf. Das große Abschieds-Interview.

Heute ist Feierabend. An diesem Dienstag hört Andreas Rettig als Geschäftsführer des Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli auf, die Gründe sind privat. Der 56-Jährige, früher Manager in Freiburg, Köln und Augsburg, hat sich im Laufe der Jahre den Ruf des kritischen Mahners erarbeitet, als Kämpfer für die Interessen der kleineren Profiklubs hat er sich nicht immer und überall beliebt gemacht. Irgendwann wird er sicher wieder einsteigen. Vor seiner selbstgewählten Auszeit hat er unsere Sportredaktion besucht.

Herr Rettig, Sie haben sich nie davor gescheut, den Mächtigen auf die Füße zu treten. Sind Sie das schlechte Gewissen des deutschen Profifußballs?

Andreas Rettig: Das ist ein bisschen zu viel der Ehre. Wir haben aber zu wenige Leute, die auch mal den Rücken gerade machen. Das ist dem Zeitgeist geschuldet. Keiner will mehr anecken, keiner will mehr unbequeme Dinge sagen. Aber zur Wahrheit gehört auch: Man bekommt auch häufig einen auf die Nuss. Da überlegt man natürlich schon, ob man nicht das nächste Mal etwas weichgespülter öffentlich auftritt.

Soziale Medien sind in den vergangenen Jahren hinzugekommen, das macht es sicher nicht leichter.

Ich glaube nicht, dass es ein Medienproblem ist. Es ist eher ein Problem im Umgang der Entscheidungsträger. Wir haben keine offene Streitkultur. Jeder fühlt sich schnell beleidigt, man wird als Nestbeschmutzer diskreditiert. Da werden die Aufrechten weniger und leiser. Ich bin aber im letzten Drittel meines beruflichen Wirkens angekommen, ich muss nicht mehr mit den Wölfen heulen, ich muss keine Kompromisse mehr eingehen. Am Anfang einer Karriere sieht das anders aus, da muss man vielleicht auch ein bisschen mehr taktieren.

Im deutschen Fußball gibt es die umstrittene 50-plus-1-Regel, die besagt, dass Investoren nicht die Stimmenmehrheit an Vereinen übernehmen können. Sie kämpfen seit Jahren vehement für den Erhalt dieser Regel. Warum?

Zunächst einmal müssen wir festhalten, dass es ein Unsinn ist zu glauben, wir könnten alle Dinge der Realwirtschaft auf den Fußball übertragen. Ein Beispiel: Mehrere Vertreter der Autobranche können gleichzeitig Erfolge erzielen. In der Bundesliga geht es zu wie auf einer Wippe. Selbst wenn überall alles richtig gemacht würde, gäbe es am Ende der Saison Absteiger. Als die Bundesliga 1963 gegründet wurde, hatten wir 16 eingetragene Vereine. Heute sprechen wir doch nicht mehr über Vereinsfußball, sondern über Kapitalgesellschaftsfußball. Meinetwegen können Investoren gerne kommen. Aber warum müssen sie die Mehrheit übernehmen? Sie streben das an, weil sie mit dem Profifußball Geld verdienen wollen. 50 plus 1 ist ein wirksamer Schutz und sichert Mitbestimmung und Teilhabe.

Es gibt in der Bundesliga mehrere Vereine, bei denen das Konstrukt bereits diskutabel ist.

Auch wenn das die Fans von Borussia Dortmund nicht gerne lesen werden: Ich kann in das Dietmar-Hopp-Bashing nicht einsteigen. Er hat Respekt und Anerkennung verdient, weil er sein privat versteuertes Geld glaubwürdig in die Entwicklung des Vereins TSG Hoffenheim und in die Infrastruktur gesteckt hat. Andere, wie die Werksvereine und Rasenball Leipzig – dem ich als DFL-Verantwortlicher die Lizenz verweigert habe – verfolgen keinen altruistischen Ansatz. Hier ist zuerst das Geld da, danach stellt sich in der Regel sportlicher Erfolg ein. Das kenne ich normalerweise in einer anderen Reihenfolge und das stört den Wettbewerb.

Muss der deutsche Fußball seine internationalen Ansprüche herunterschrauben, wenn er sich 50 plus 1 leistet?

Die Frage ist doch: Wollen wir unbedingt die vermeintliche Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, oder haben wir auch einen gesellschaftlichen Auftrag? Wer glaubt, dass er einen Wettstreit gegen Oligarchen, Scheichs oder Staatsfonds gewinnen kann, der ist auf dem Holzweg. Klar ist nur: Wenn wir die Schleusen einmal öffnen, können wir sie nicht mehr schließen.

Die englische Premier League ist wirtschaftlich nicht mehr einzuholen.

Dazu sage ich: Ja und? Die Atmosphäre in den Stadien dort ist doch alarmierend. Ich kann nur warnen: Wenn aus dem Fan ein Kunde wird, dann geht es nur noch um Entertainment. Bei uns hat doch auch schon eine schleichende emotionale Entfremdung eingesetzt. Mitgliederrechte werden kannibalisiert. Stadionnamen signalisieren keine Verbundenheit mehr. Früher wusste man, wo man herkommt, wenn vom Wedau-, Ruhr- oder Westfalenstadion gesprochen wurde. Mittlerweile verkaufen Vereine den Stadionnamen viermal in zehn Jahren. Wenn alles teurer wird, werden sich sozial Schwächere auch bei uns irgendwann den Stadionbesuch nicht mehr leisten können. Da müssen wir gegensteuern. Diese Gentrifizierung kennen wir vom Wohnungsmarkt. Schauen Sie zu uns nach St. Pauli: Unser Stadion ist immer voll, obwohl wir, um Karl-Heinz Rummenigge zu zitieren, nur ein mäßiger Zweitligist sind.

Steht der Profifußball bei uns also an einer Weggabelung?

Ja. Wir müssen uns fragen: Wollen wir eher Konzerndenken, oder wollen wir die Haltung von Familienbetrieben haben? Familienbetriebe denken nicht nur in Saisons. Es ist doch so: Ein angestellter Manager eines Vereins pfeffert im Winter die Millionen raus, weil er weiß: Wenn ich keinen sportlichen Erfolg habe, bin ich hier sowieso weg. Aber nach dem 34. gibt es doch auch wieder einen ersten Spieltag. Wir müssen in Generationen denken, nicht in Spielzeiten. Damit wir uns nicht missverstehen: Wir wollen beim FC St. Pauli auch lieber gewinnen, aber ich finde, man muss nicht jeden Blödsinn mitmachen.

Wie kann man denn den deutschen Fußball attraktiv halten, ohne am ganz großen Rad zu drehen?

Es gäbe schon Möglichkeiten, Deutschland als Standort attraktiver zu machen. Wenn wir nicht die finanzstärkste Liga sind, können wir aber die nachhaltigste, sozialste, fannaheste Liga sein.

Sie betonen immer wieder, wie wichtig es wäre, wenn die Profivereine die ökologische Nachhaltigkeit mehr in den Fokus rücken würden. Warum kämpfen Sie so sehr dafür?

Zunächst bin ich in Freiburg sozialisiert worden. Wir waren die Ersten mit Solaranlage auf dem Dach. In Augsburg haben wir ein CO2-neutrales Stadion gebaut. Es ist also nicht so, dass ich dieses Thema mit meiner St. Pauli-Zeit entdeckt habe oder weil Greta derzeit in aller Munde ist. Aber wir sehen, dass junge Leute auf die Straße gehen und sich für soziale und ökologische Themen einsetzen.

Aber glauben Sie, dass ein Top-Star wie Philippe Coutinho in die umweltfreundlichste und sozialste Liga wechseln wollen würde?

Muss er doch gar nicht, jedenfalls nicht mit 27 Jahren. Aber mit 20 vielleicht – wenn er einen klugen Berater hat, der ihm erklärt, dass es für seine Karriere wichtig sein kann, in einer solchen Liga zu spielen.

Ein Kennzeichen des deutschen Profifußballs ist die Zentralvermarktung. Kürzlich bei der DFL-Generalversammlung in Berlin wurde von Seiten der Großklubs schon wieder gemurrt, das müsste ja kein Modell für die Ewigkeit sein.

Diese Unkenrufe kann ich nicht mehr hören. Sie kommen alle Jahre wieder aus München, wenn es um die Verteilung der TV-Gelder geht.

BVB-Chef Hans-Joachim Watzke hat kurz vor der Wahl des DFL-Präsidiums seine Kandidatur zurückgezogen, weil er verärgert festgestellt hat, dass sich eine Interessenvertretung mittelgroßer Klubs formiert hatte, um mächtiger zu werden.

Wir haben jetzt eine außergewöhnliche gute Mischung im DFL-Präsidium. Es ist nämlich entscheidend, dass sich alle Vereinsinteressen der 36 DFL-Klubs dort wiederfinden. Das ist schwieriger, wenn in einem siebenköpfigen Präsidium drei Vertreter von Champions-League-Klubs sitzen. Deshalb gibt die Wahl ein wunderbares Bild aller Klubs ab, das ist ein großer Erfolg. Dennoch habe ich es sehr bedauert, dass Hans-Joachim Watzke sich zurückgezogen hat. Denn es fehlt sportliche Kompetenz im Präsidium. Das ist ein Wermutstropfen.

Sie kennen den designierten DFB-Präsidenten Fritz Keller aus gemeinsamer Zeit in Freiburg. Was versprechen Sie sich von ihm?

Es werden einige an ihm zerren mit ihren Interessen, und ich hoffe, dass er dabei in der Sandwich-Position zwischen DFB und DFL noch genügend Entfaltungsmöglichkeiten hat. Er wird Akzente setzen beim Thema Nachhaltigkeit, und er weiß, wie bedeutsam gesellschaftliche Themen für den Fußball sind, und ich hoffe, dass er die Popularität und Reichweite des DFB nicht nur zur Erlösmaximierung einsetzt.

Sie waren Geschäftsführer bei der Deutschen Fußball-Liga. Warum drängte es Sie zurück in die Vereinsarbeit?

Ich habe bei der DFL vieles gelernt. Aber die DFL hat keine Fans, und sie kann keine Spiele gewinnen. Das hat mir damals gefehlt: dabei zu sein. Wenn du als DFL-Vertreter auf der Tribüne sitzt, musst du diplomatisch bleiben, während alle anderen um dich herum aufspringen und jubeln. Das war nichts für mich.

Am 24. September ist selbstgewählt Schluss für Sie. Können Sie sich das überhaupt vorstellen, nicht mehr mitzumischen?

Unterschätzen Sie nicht die Verantwortung, die mir künftig von meiner Frau übertragen wird. Das wird die größte Probe für mich sein. (lacht)

Und wann wollen Sie wieder einsteigen?

Wir befinden uns zum Glück in einer komfortablen Situation. Statussymbole brauchen wir nicht. Wir haben unser Geld aus vier Aufstiegsprämien nicht in Gucci-Taschen investiert. (Anm. d. Redaktion: Andreas Rettig stieg zweimal mit Köln und je einmal mit Freiburg und Augsburg in die Bundesliga auf.)

Wie müsste der nächste Arbeitgeber denn aussehen?

Ich möchte noch kein Profil an die Wand malen. Aber so, wie sich der FC St. Pauli darstellt, gefällt es mir schon. Vielleicht sollte der nächste Klub sportlich noch etwas erfolgreicher sein. (lacht)

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