Budimon-Kolumne

Die Welt, ein Doof... äh Dorf

Das Internet. Unendliche Weiten. Durch die Komplexität der virtuellen Welt stellen sich viele Fragen. Was ist eigentlich erlaubt? Wie kann man es kontrollieren? Und wer ist eigentlich blöd genug, um NICHT an jugendgefährdende Inhalte zu kommen?

Bevor ich mich irgendwo in der Medienwelt verlaufen habe, hatte ich tatsächlich mal was „gemacht“, worauf Eltern, Großeltern und Schwiegereltern gleichermaßen stolz wären: ein Jurastudium. Natürlich habe ich es nicht zu Ende gebracht, sonst hätte ich nicht diese Zeilen hier geschrieben, sondern DerWesten.de nach Delikten abgesucht und auf Schadensersatz oder irgendwas anderes verklagt.

Nein. Natürlich hätte ich das nicht gemacht.

Die Bedrohung aber ist real. In der GameOne-Redaktion wird ein großer Teil an Zeit der Diskussion geopfert, was man eigentlich zeigen darf, ohne sich rechtlich angreifbar zu machen. Auch bei meinem letzten Arbeitgeber GIGA war das ein viel diskutiertes Thema.

Das Problem an der Sache ist, dass nicht nur keiner so richtig weiß, was erlaubt und was verboten ist, sondern auch die Frage der vermeintlichen Konsequenzen ist nur schwer zu beantworten. Natürlich will auch keiner der Hauptverantwortlichen das Risiko einer großen Klage eingehen. Verständlicherweise. Leider befinden sich die Verantwortlichen meistens so weit oben in der „Chain of Command“, dass sie die redaktionellen Inhalte nur marginal interessieren. Wenn also bei einem der Entscheider eine Problematik à la „Können wir das machen? Hier wird Guybrush mit einer Kettensäge angegriffen“ auf dem Tisch landet, dann schaut er kurz rüber zu seinem Rechtsberater. Der wiederum kennt sich wahrscheinlich trotz Studiums der Rechtswissenschaften genauso wenig mit Internetrecht aus wie der Rest der Welt, aber wenn er den Daumen senkt, ist er auf jeden Fall auf der sicheren Seite. Dem Chef ist das recht. Denn ein kleines Video mehr oder weniger macht den Braten auch nicht fett, zumal Computerspiele ja ohnehin derzeit eine negative Reputation haben. Wozu noch unnötig Öl ins Feuer gießen?

Nach zehn Telefonaten und diversen Mail-Wechseln landet die offizielle Ansage in der Redaktion. „Machen wir nicht!“. Aufgebrachte Redakteure philosophieren bei der Zigarettenpause über die Ungerechtigkeit der Welt und wollen nicht wahrhaben, wieso Guybrush und ein paar Kleckse Pixelblut ein größeres Risiko für die Jugend darstellen als eine Folge Jackass oder Southpark.

Internetschutz für Debile

Deshalb wird über Möglichkeiten diskutiert, wie man das Internet vor Minderjährigen schützen kann. Oder umgekehrt. Aber wie soll das eigentlich gehen?

Wer hat eigentlich noch einen Durchblick, was im Netz legal und was illegal ist? Wie sinnvoll kann man eigentlich für das Netz so etwas wie Regeln oder gar Gesetze etablieren?

Es heißt ja nicht umsonst „World Wide Web“. In dem Wort ist ja eigentlich schon die Möglichkeit des umfassenden Schutzes ausgeschlossen. Weltweites Netz. Wie muss man sich das also vorstellen, wenn in Deutschland gesagt wird: „Berichte über Spiele ab 18 dürfen nicht vor 23 Uhr auf der Webseite landen“? Was juckt das die anderen 192 Staaten dieser Erde? Lustig sind auch diese Altersabfragen vor manchen Inhalten. Da muss man dann ein Geburtsdatum eingeben, bevor man zum „Erwachsenen-Content“ darf. Welches Superhirn hat das eigentlich erfunden? Es schützt mit Sicherheit nicht Minderjährige vor fragwürdigen Inhalten. Höchstens Debile. Für wie dumm hält man eigentlich die unter 18-Jährigen? Ein Fünfjähriger, der zu blöd ist, ‘ne Schleife zu binden, kann diese unglaubliche Sicherheitsvorkehrung knacken. Meine Nachbarn haben ein kleines Kind. Aus Schutz vor Paparazzi und möglichen Kidnappern nenne ich ihn jetzt mal Depp Jones. Depp Jones ist sieben und eines der dümmsten Kinder, die ich kenne. Der Junge kann nicht nur keine Schleife, der bekommt nicht mal seine Schuhe mit Klettverschluss zu. Depp Jones ist so blöd, dass er einmal einen Bus der Linie 36 verpasst hat und stattdessen doppelt so lange mit der Linie 18 gefahren ist. Lange Rede, kurzer Sinn: Depp Jones ist vielleicht blöd, aber selbst er hat schon herausgefunden, dass er ein Datum von „ganz unten aus der Liste“ wählen muss, um sich Zugang zu gewissen Seiten zu verschaffen. Völlig zu Recht also hat diese Form der Altersprüfung in Deutschland keinerlei rechtliche Relevanz. Genauso wenig wie die noch blödere Frage, ob man schon 18 ist und die Wahl zwischen „Ja“ und „Nein“ hat. Kollege Simon hat mir erzählt, so was gibt es zum Beispiel auf Pornoseiten...

Die einzigen wirklich verlässlichen Altersprüfungen sind also jene, bei denen man die Identität der Person feststellen kann. Eine doch recht fragwürdige und vor allem nicht unkomplizierte Methode, auf die sich wohl nicht die große Masse einlassen wird, die mal eben ein Screenshot von einem Ego-Shooter ansehen möchte.

Wozu auch? Schließlich gibt es ja dieses große Netz, und bevor ich mich mit komplizierten Verifikationsmechanismen auseinandersetze, mache ich nach dem Punkt in der Internetadresse eben ein „com“, „org“ und im Zweifelsfall ein „pl“ oder „ru“.

Die Welt ist ein Dorf geworden. Das hat der Medientheoretiker Marshall McLuhan bereits vor über 45 Jahren festgestellt und damals wusste er noch gar nicht, wie recht er heute damit hat. Durch das Internet haben theoretisch alle auf alles Zugriff. Durch Web 2.0, Messenger und ähnliche Anwendungen ist der Cousin in Kanada genauso nah wie Tante Heike aus Wuppertal. Da mutet es fast schon lächerlich an, wenn man in Deutschland gewisse Inhalte nicht zugänglich macht - in der Hoffnung, die Kids seien zu blöd, Google zu bemühen.

Deutsche Politiker haben jetzt einen Gesetzesentwurf verabschiedet, um den Zugang zu kinderpornographischen Seiten zu erschweren. Kreativ, wie sie sind, nennen sie es „Zugangserschwerungsgesetz“. Und die Ziele sind bislang, so heißt es, ausschließlich kinderpornographische Seiten. Da kann man natürlich wenig falsch machen. Wenn man eine Umfrage macht, ob man kinderpornographische Seiten sperren sollte, dann wird wohl kaum einer sagen, dass das „unfair“ oder gar „Zensur“ ist. Zumal Michael Jackson ja auch tot ist.

Welcher Rattenschwanz da noch folgt, das vermag ich nicht zu prophezeien. Dass solche Zugangssperren aber auch für die Musik- und Filmindustrie durchaus interessant sein dürften, liegt auf der Hand. Auch rechtsradikale Seiten könnten in den Fokus dieses Gesetzes gelangen. Prinzipiell könnte man den Gedanken so weit spinnen, dass irgendwann auch Seiten betroffen sind, die jugendgefährdende Inhalte zeigen. Wie zum Beispiel Videos von Guybrush und Pixelkettensäge.

Regeln ohne Sinn?

Natürlich bin ich nicht der Meinung, dass alles im Netz erlaubt sein muss. Es ist ein bisschen wie der Krieg gegen die Drogen: Man kann ihn nicht gewinnen, aber man muss ihn trotzdem führen. Es ist aber eben auch Fakt, dass solche Regeln in der Regel die Falschen treffen. Wer Drogen haben will, der wird sie auch bekommen. Das Problem an der Sache ist, dass keiner so richtig weiß, was eigentlich erlaubt ist und was nicht. Bei Kinderpornographie mag es eindeutig sein. In der Spielebranche sind die Grenzen nicht so klar.

Eine Gaming-Seite in Deutschland, die über ein indiziertes Spiel berichtet, begibt sich in große Gefahr. Irgendwo wird es möglicherweise einen gelangweilten Jugendschützer geben, der die Welt wieder ein Stück sicherer machen will und mit einer Klageschrift vor Gericht zieht. Wenn die Gaming-Seite aber 100 Kilometer nach Süden zieht, also in die Schweiz, hat sie keine Probleme mehr.

Ohnehin kann der Laie doch kaum nachvollziehen, warum Quizshows von morgens bis abends völlig legal über den Bildschirm flimmern, aber Hütchenspiele verboten sind. Sportwetten, sofern sie nicht vom staatlichen Anbieter Oddset stammen, sind ebenso verboten wie das Tippen auf Ereignisse wie: „Wann fällt die erste Ecke?“. Dabei ist es wesentlich leichter, auf die erste Ecke zu tippen, als 6 aus 49 zu treffen.

Und da in meiner Branche fast ausnahmslos alle ihr Jurastudium abgebrochen haben, vermag auch keiner zu beurteilen, was man im Netz eigentlich darf und was nicht. Und vor allem was passiert, wenn man etwas macht, das man nicht darf. Ich meine, ich darf auch nicht bei Rot über die Straße gehen, aber das heißt nicht, dass ich vor den Konsequenzen bei Missachtung besonderen Respekt hätte. Was passiert denn mit einer deutschen Seite, die über ein indiziertes Spiel berichtet? Zehn Jahre Knast für den Autor? Eine Million Euro Schadensersatz für den Betreiber? Wohl kaum. Der Artikel muss von der Seite genommen werden? Womöglich. Ich weiß es wirklich nicht, aber ich kenne auch niemanden, der es weiß. Trotzdem wird darauf beharrt, dass man sich an diese Regeln hält. Ich tue mich damit schwer. In meinem Grundschulzeugnis stand als Beurteilung: „Etienne kann sich nur schwer an Regeln halten“. In den ersten Klassen gab es noch keine Schulnoten, sondern eben eine Beurteilung in Textform. Wenn meine damalige Lehrerin nicht so bescheuert gewesen wäre, dann hätte sie richtigerweise schreiben müssen: „Etienne kann sich nicht an Regeln halten, die man bei gesundem Menschenverstand nicht nachvollziehen kann“. Ich bin ein großer Fan von Regeln. Die Abseitsregel ist super. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder Depp einfach nur vor dem gegnerischen Tor rumlungert und auf den Abstauber wartet? Nein, ich habe lediglich ein Problem mit Regeln, die nur aufgestellt werden, damit das Gefühl vermittelt wird, dass alles im Griff ist. Ich kann zum Beispiel als Raucher ohne Probleme akzeptieren, dass ich nicht mehr in Kneipen oder Bars rauchen darf. Ich begrüße das zwar nicht, aber ich kann es akzeptieren.

Was mir nicht in den Kopf rein will, ist dieser Drang zum Aktionismus, den Politiker besonders vor anstehenden Wahlen gerne mal verspüren. Einen umfassenden Schutz gibt es nicht. Nicht vor Terrorismus, nicht vor Amokläufern und nicht vor Giulia Siegel. Es gibt auch nicht immer Antworten auf alle Fragen. Als ob man einen Amoklauf – oder Giulia Siegel - rational erklären könnte. Als ob es ein Rezept aus einem geheimen Kochbuch für Amokläufer gäbe: Eine Prise Schützenverein, ein bisschen Killerspiel, dazu kommen schlechte Noten und Alkoholiker-Eltern. Fertig ist der Amokschütze. Es wäre ja schön, wenn es so einfach wäre. Aber vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass man nicht alles erklären und nicht alles regulieren kann. Dass es immer Autounfälle, Drogentote und Kochshows geben wird. Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass Jugendliche immer an jugendgefährdende Dinge herankommen, dass das Internet voll mit bösen Sachen ist und dass Depp Jones irgendwann Bundestagsabgeordneter wird.

Moment. Ich hab’s! Eine Lösung, die für alle klappt. In Zukunft wird es eine Abfrage am Computer geben, BEVOR man ins Internet geht: Bist du gewappnet für die Realität? JA/NEIN – bei „Nein“ druckt der Rechner automatisch einen Lottoschein aus und fährt dann runter.

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