Spitzenmedizin

Wie Organe, die im Müll landen sollten, Leben retten können

Prof. Arjang Ruhparwar (l.) und Prof. Markus Kamler mit der Perfusionsmaschine für Lungen auf dem Flur der Thorax-Chirurgie im Essener Uniklinikum. Dieses Gerät ist anders als die drei anderen der Klinik für Herzen,  Lebern und Nieren ein rein stationäres.

Prof. Arjang Ruhparwar (l.) und Prof. Markus Kamler mit der Perfusionsmaschine für Lungen auf dem Flur der Thorax-Chirurgie im Essener Uniklinikum. Dieses Gerät ist anders als die drei anderen der Klinik für Herzen, Lebern und Nieren ein rein stationäres.

Foto: André Hirtz / Funke Foto Services

Essen.  Essener Mediziner sagen: „Wir könnten 50 Prozent mehr Organe transplantieren. Wenn wir grenzwertig geeignete aufbereiten, optimieren.“

Täglich sterben in Deutschland drei Menschen, während sie auf ein neues Organ warten. Es gibt zu wenige Spender. 1126 Spender-Organe aber lehnten die Entnahme-Teams im vergangenen Jahr auch ab: zu schlecht für eine Transplantation, befanden sie. Doch nicht wenige dieser Lungen, Lebern, Herzen und Nieren hätten noch Leben hätten retten können, behauptet Prof. Markus Kamler, Leiter der Thorakalen Organtransplantation des Essener Universitätsklinikums. Mehr als 30 der abgelehnten, „grenzwertigen“ Organe landeten auch gar nicht nicht im Müll. Sondern – über das „Rescue-Angebot“ von Eurotransplant – im Klinikum Essen, wo sie 30 sterbenskranken Patienten transplantiert wurden. Und die lebten sehr gut damit, sagt Kamler. Möglich macht das eine aufwändige Methode der Organ-Aufbereitung: die Maschinenperfusion. In NRW bietet sie lediglich das Essener Klinikum an; bundesweit gibt es ähnliche Zentren nur noch in Freiburg und Hannover.

Die Lagerung auf Eis galt lange als „Goldstandard“ bei Transport und Lagerung von Spenderorganen. „Doch in der Eisbox hält selbst das beste Spenderherz höchstens drei, vier Stunden“, erklärt Prof. Arjang Ruhparwar, seit Anfang August Direktor der Klinik für Thorax- und Kardiovaskuläre Chirurgie. Danach verliere es rapide an Qualität. Stirbt der Spender des Organs aber in München und lebt der Empfänger 640 Kilometer entfernt in Essen – „dann darf auf dem Weg dahin, bei all der komplexen Logistik absolut nichts schiefgehen“. Packt man das Herz in die Maschinenperfusion ist es sehr viel länger „verwertbar“. „Theoretisch bis zu zwölf Stunden“, so Ruhparwar. Praktisch seien „sechs Stunden heute kein Problem mehr“.

Das entnommene Organ wird „durchblutet“, fast wie im Organismus

Was immer wichtiger werde. Denn viele Spender-Herzen gingen inzwischen an Patienten, die mit Kunstherzsystemen die lange Wartezeit überbrücken müssten. „Und die zu operieren, dauert extrem lange. Die Maschinenperfusion verschafft hier nicht nur dem Organ und dem Patienten, sondern auch dem Operateur Zeit, der sonst maximal Gas geben müsste.“ Auch Patienten, die andere Organe benötigten, profitierten – nicht nur von der „Prolongation der Ischämiezeit“, sondern auch „vom erweiterten Radius“, aus dem Spenderlungen oder -lebern herbeigeschafft werden könnten. Entwickelt wurde die Maschinenperfusion im Flächenstaat Kanada. Wo die Wege weit sind.

Die Maschine versorgt das entnommene Organ mit einer sauer- und nährstoffreichen Lösung, „durchblutet“ es, als ob es sich noch im Organismus befände. Und zudem so, dass Laborwerte abgenommen werden können, die etwas über seine Funktionstüchtigkeit sagen. So, dass eine Lunge sogar geröntgt oder eine Bronchoskopie eingeleitet werden kann; so dass ein Ultraschall oder eine Koronarangiographie (eine Katheteruntersuchung) beim Herzen möglich sind – „diagnostische Maßnahmen“, erläutert Markus Kamler, „die eine gründliche und objektive Beurteilung des Organs erlauben.“ Liege das Organ in der Eisbox, sei dies nur sehr beschränkt möglich.

„Wir müssen die Rate verwertbarer Organe steigern“

Video Kamler Maschinenperfusion

Darüber hinaus hilft die Maschinenperfusion, „Organe zu optimieren“, sie aufzubereiten. Kleinere Schäden am Organ können frühzeitig erkannt und repariert werden. Noch bevor das Organ dem Empfänger eingepflanzt wird, können etwa einer Leber Antibiotika verabreicht oder Schleim aus der Lunge abgesaugt werden. Selbst Stenosen, Gefäßverengungen im Herzen, wären kein Grund mehr, ein Organ zwingend abzulehnen. Rechtzeitig erkannt, könnte man Stents oder Bypässe legen, so Arjang Ruhparwar. Einem 55 Jahre alter Mann mit einer schweren Lungenfibrose etwa konnte nach einer solchen Organ-Optimierung in Essen eine Lunge mit zunächst sehr schlechten Sauerstoffwerten eines 30-Jährigen implantiert werden, der an einer Hirnblutung gestorben war. „Der 55-Jährige Empfänger des Organs hatte einen schweren Schub, erhielt bereits große Mengen Sauerstoff, stand kurz vor der Beatmungssituation, an der er rasch verstorben wäre.“ Wie alle anderen Patienten, musste er einwilligen, dass ihm ein „grenzwertiges“ Organ transplantiert wird. Er zögerte nicht.

Spezialisten des Klinikums, wo im vergangenen Jahr 200 Organe transplantiert wurden, forschen seit Jahren an einer Verbesserung der Perfusion; mehrere Publikationen in renommierten Fachmagazinen wie „Nature“ zeugen davon. Inzwischen besitzt das Haus vier der bis zu 240.000 Euro teuren Systeme (je eines für Leber, Niere, Herz und Lunge). Irgendwann, so die Zukunftsvision von Kamler und Ruhparwar, werde Essen ein eigenes „Perfusionszentrum“ haben mit Spezialistenteams für alle vier Organe. Die würden explantierte Lungen, Nieren, Herzen und Lebern gezielt beurteilen und behandeln. Um sie dann an andere Transplantationskliniken zu verschicken, als Serviceleistung.

„Wir müssen die Rate verwertbarer Organe einfach steigern. Wir könnten 50 Prozent mehr transplantieren“, erklärt Kamler. Hautnah erlebt er, wie Patienten sterben, während sie auf ein neues Herz, eine neue Lunge warten. Zuletzt war es eine 23-Jährige, die nach einem Lungenversagen sechs lange Wochen an der ECMO hing, einer Art künstlicher Lunge, die eigentlich nur für kurze Zeit deren Funktion übernehmen kann. Jeden Tag stand Kamler an ihrem Bett, versuchte ihr und ihren Angehörigen Mut zu machen: „Morgen kommt vielleicht eine Spenderlunge“, sagte er ihnen. Jeden Tag aufs Neue. Aber: Sie kam nicht.

Ein Organ mit Tumor, ein Herz mit Infarkt oder eine Fettleber: „Das funktioniert nicht“

Natürlich bestürzt es den engagierten Transplantationsmediziner, dass Deutschland in Europa, was die Bereitschaft zur Organspende angeht, am Ende der Liste steht. Eine Widerspruchslösung würde helfen, sagt Kamler; oder auch nur, „dass die Leute einfach mal ernsthaft drüber reden“. Aber Fakt sei auch, so zynisch es klingen möge: „Es stirbt sich nicht mehr so leicht in Deutschland“. Die Zahl der Verkehrstoten gehe zurück, die Menschen seien medizinisch besser versorgt als früher, sie lebten länger. „Die Organe, die wir heute kriegen, sind ausbehandelt, benutzt.“

Umso entscheidender sei es, glaubt er daher, möglichst viele Organe so aufzubereiten, dass sie genutzt werden könnten. Der Grenzen ist er sich bewusst: ein Organ mit einem Tumor, ein Herz mit einem Infarkt oder eine Fettleber „gehen niemals“, die würde auch er ablehnen. „Aber wir haben festgestellt, dass vermeintlich schlechte Organe meist gar nicht so schlecht sind, wie es zunächst scheint.“ Mit dieser „C-Ware“, die er selbst niemals so nennen würde, habe man ausschließlich sehr gute Erfahrungen gemacht: „Keine Ausfälle, keine organspezifischen Komplikationen“. Studien anderer Universitäten (Lausanne, Toronto, Oxford) bestätigen seine Aussage.

„Früher wären Organe sehr alter Spender auch nicht transplantiert worden...“

„Um zu gewinnen“, ergänzt Dr. Ebru Yildiz, Transplantationsbeauftragte des Klinikums Essen, „muss man was wagen.“ Früher etwa wären niemals Organe eines Spenders mit Hepatitis C transplantiert worden. „Heute ist das, nach Aufklärung, gang und gäbe.“ Genau wie die „Old for Old“-Transplantation: Organe alter Spender für alte Empfänger. 2018 waren drei Spender, deren Organe in Essen verwendet wurden, über 80.

>>>>> INFO: Ermittlungen eingestellt

„Grenzwertig geeignete Spenderorgane“ erhalten Transplantationszentren wie das Essener Klinikum über das „Rescue-Angebot“ von Eurotransplant, die letzte der drei Verteilungsphasen. Patienten, die ein solches Organ erhalten sollen, müssen explizit einwilligen. Es seien, so Kamler, zumeist Menschen, denen es sehr schlecht gehe, deren Leiden aber auf der regulären Warteliste „nicht gut abgebildet“ sei. Wer auf die sogenannte „Zustimmungsliste“ kommt, entscheidet in Essen die Transplantationskonferenz.

Die Prüfungs- und Überwachungskommission , die Transplantationszentren kontrolliert, hatte dem Essener Klinikum 2017 unter anderem vorgeworfen, dass bei minderwertigen Organen Patienten eine neue Leber bekommen hätten, die zunächst nicht für den Empfang benannt worden waren. Kamler: „Es passiert oft, dass der eigentlich vorgesehene Empfänger eines Organs nicht erreichbar ist oder krank. Oder die Größe des Spender-Organs doch nicht zu ihm passt. Dann müssen wir das Organ einem anderen geben.“ Die Vorwürfe der Kommission, in deren Folge auch die Staatsanwaltschaft ermittelte und der Leiter des Transplantationsprogramms verhaftet worden war, sind inzwischen vom Tisch. Das Verfahren wurde eingestellt , der Mediziner ist wieder im Dienst.

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