Weihnachtsbaum

Pestizide auf Christbäumen stehen in der Kritik

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Bestwig.Weihnachtsbaumkulturen in NRW werden nicht flächendeckend auf Pestizideinsatz kontrolliert. Dabei setzen manche Anbauer auch weiterhin Pflanzenschutzmittel ein, die aus Sicht von Umweltschützern kritisch zu sehen sind. Zwei gebräuchliche Insektizide zählen laut Greenpeace zu den zehn gefährlichsten Wirkstoffen, die in der EU zugelassen sind.

In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Plantagen insbesondere im Sauerland stark zugenommen. Dabei reichen viele der Monokulturen auch bis dicht an die Wohnbebauung heran. Weil dort auch gespritzt wird, fürchten Anwohner gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Nicht völlig grundlos. Gespritzt wird auf den Plantagen mit einer ganzen Reihe von Pestiziden. In einer Broschüre der NRW-Landwirtschaftskammer sind rund 30 Chemikalien als im Weihnachtsbaumanbau übliche Mittel verzeichnet. Merkwürdig dabei: Die Liste, die es laut Pressesprecher der Landwirtschaftskammer gar nicht gibt, steht auf den Seiten der Kammer seit Jahren zum Download bereit. Und kann so immer noch Anbauern als Leitfaden dienen.

Zu den üblichen Mitteln gehört danach „Round Up“, ein Pflanzenvernichtungsmittel, das nach neuen Studien als weitaus gefährlicher einzustufen ist als bisher angenommen (WR berichtete). Zu den Spritz-Chemikalien zählen aber auch zwei Insektizide namens „Karate“ und „Bulldock“. Die darin enthaltenen Wirkstoffe stehen auf der „schwarzen Liste der Pestizide“, die Greenpeace im vergangenen Jahr herausgegeben hat. „Karate“ gilt sogar als eines der zehn weltweit gefährlichsten Pestizide. Es ist sehr giftig.

„Aber diese Mittel sind alle zugelassen – und zwar auch für den Nahrungsmittelanbau in der Landwirtschaft“, sagt ein Weihnachtsbaumanbauer. So schlimm könnten sie also nicht sein. Greenpeace sieht das anders: Der Einsatz solcher gefährlicher Pestizide sollte schnellstens beendet werden. „Eine Anwendung von Stoffen mit solch kritischen Eigenschaften ist nicht zuletzt aus Vorsorgegründen unvertretbar“, meinen die Greenpeace-Autoren. Kritisch ist, wenn Rückstände in Lebensmitteln bleiben – aber auch, wenn diese über den Boden ins Trinkwasser gelangen.

Forderung: Spritzmittel nicht mehr anwenden

Daher fordert die Sauerländer Bürgerinitiative gemeinsam mit den Grünen, dass Spritzmittel nicht mehr im Wald angewendet und Weihnachtsbaumkulturen auch nicht in Wasserschutzgebieten betrieben werden dürfen.

Kontrollen, ob die Pestizide sachkundig gelagert und verarbeitet werden, ob nicht zu viel gespritzt wird und keine verbotenen Chemikalien eingesetzt werden, übernimmt im Auftrag des Umweltministeriums in NRW die Landwirtschaftskammer. „Diese Kontrollen geschehen ausschließlich unangemeldet“, sagt Bernhard Rüb, Sprecher der Landwirtschaftskammer NRW. So habe man in 2010 in ganz NRW 18 Weihnachtsbaumanbauer kontrolliert. Das Umweltministerium berichtet von nur 16. Nicht viel, gibt es doch allein im Hochsauerlandkreis 430 Betriebe. „Das sind Stichproben, die nach einer Risikoeinschätzung erfolgen“, begründet Wilhelm Deitermann, Sprecher des NRW-Umweltministeriums, die geringe Zahl. Die Ergebnisse der Kontrollen seien nicht alarmierend gewesen, sagt Kammersprecher Rüb: „Es gab keine gravierenden Verstöße.“

Noch nie Kontrolleuere gesehen

Ein Insider, selbst konventioneller Weihnachtsbaumanbauer, der aber nicht namentlich genannt werden möchte, hat solche Kontrolleure noch nie auf seinem Hof gehabt. „Und auch von meinen Kollegen habe ich das noch nie gehört“, sagt er.

Spritzen mit Chemie gehöre zum Alltag im Weihnachtsbaumgeschäft. „Im Herbst wird Round Up auf den Boden gebracht, damit kein Gras mehr wächst“, erklärt der Anbauer. „Wenn das nicht reicht, kommt im Frühjahr noch mal ,Katana’ drauf.“ Round Up aber nehme man lieber. „Es ist billig und leicht einzusetzen.“ Bei manchen laute die Regel: „Wenn du nicht das Doppelte nimmst von dem, was drauf steht, dann hilft es nicht.“

Vorbereitungen im Frühjahr

Im Frühjahr würden gerade in den großen Plantagen vorbeugend weitere Herbizide wie ,Katana’ gespritzt. Die Nebel, die von Anwohnern im Sauerland mehrfach beobachtet worden seien, wären vermutlich Fungizide, die gegen Rost und Schimmelpilz eingesetzt werden – auch diese in der Regel vorbeugend. Insektizide wie Karate und Bulldock würden gespritzt, wenn beispielsweise Läuse in den Kulturen sind.

Dass gerade auch in den Monokulturen viel Chemie zum Einsatz komme, hänge mit dem großen Risiko zusammen. „Wenn eine Kultur, in der acht bis zehn Jahre Einsatz steckt, am Ende kaputt geht, ist das ein enormer wirtschaftlicher Schaden“, erklärt sich der Landwirt den vorbeugenden Einsatz.

Dass es allerdings auch nahezu ohne Chemie geht, zeigt seit Jahren der Schmallenberger Landwirt Gerhard Schulte-Göbel. Er bietet Weihnachtsbäume an, die das EU-BIO-Zertifikat tragen dürfen. Seine 30 Hektar großen Kulturen hält er mit Schafen sauber, mäht von Hand und spritzt mit Mitteln, die im biologischen Landbau zugelassen sind. „Gegen die Läuse setzen wir übrigens ein ganz spezielles Spritzmittel ein“, sagt Schulte-Göbel: „Coca-Cola. Das klebt die Tierchen an den Nadeln fest und wird beim nächsten Regen abgewaschen.“

Dass es nur wenig Bio-Weihnachtsbaumanbauer in NRW gibt, hängt nach Ansicht von Beobachtern damit zusammen, dass es keine Förderung für diese Produkte gibt – obwohl wie bei allen Bio-Erzeugnissen die Herstellung aufwendiger ist.

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